Zeugen des Zweiten Weltkriegs : "Ich lernte auf grausame Weise, was Krieg bedeutet"

Alda Schlemm lebt heute wieder in Brasilien. Foto: Schlemm
Alda Schlemm lebt heute wieder in Brasilien. Foto: Schlemm

80 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs leben nur noch wenige Menschen, die sich an ihn erinnern oder damals bereits so alt waren, dass sie sogar eine aktive Rolle innehatten. Wir geben in dieser Woche fünf Zeitzeugen das Wort. Ein Soldat und ein Jude, ein Hitler-Fan, ein ausgebombtes Kind und eine Vertriebene schildern ihre persönliche, jeweils bewegende Geschichte der Jahre 1939 bis 1945. Jede davon ist einzigartig. Alle enthalten Erlebnisse von ungeheurer Wucht. Und doch steht jedes einzelne Gespräch beispielhaft dafür, was Millionen andere Menschen ebenfalls erlebt haben und dafür, was nie vergessen werden darf. Die Lehren aus diesen Lebensläufen müssen Leitschnur für ein Handeln als deutsche Nation bleiben – auch wenn eines Tages niemand mehr persönlich erzählen kann, was er erlebt hat. Hier aber hat nun das Wort, wer selbst dabei war. Alda Schlemm gehört zu einer deutschen Auswanderer-Familie in Brasilien. Was sie damals in ihrer deutschen Gemeinschaft von Hitler hörte, begeisterte sie derart, dass sie freiwillig ins Reich reiste. Alda blieb acht Jahre lang, arbeitete unter anderem im Lazarett.

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29. August 2019, 12:03 Uhr

Osnabrück | Adolf Hitler erfuhr nicht nur im Deutschen Reich breite Zustimmung, sondern auch unter Deutschen in aller Welt. Noch keine 19 Jahre alt, reiste Alda Schlemm 1939 deshalb wie viele ihrer deutschstämmigen Jugendfreunde aus Brasilien nach Deutschland. Sie wollte sehen, wovon alle sprachen, und wovon in ihrer Auswanderergemeinschaft so viele schwärmten – auch sie.

Bevor Alda Schlemm wieder heimreisen konnte, begann der Zweite Weltkrieg. In den folgenden acht Jahren erlebte sie mehr als andere Menschen in einem ganzen Leben. Fernab ihrer Familie arbeitete sie in Lazaretten, heiratete einen Offizier der Organisation Todt, gebar drei Kinder, irrte über Land, wurde in Dresden ausgebombt und schwer verletzt.

Heute lebt Alda Schlemm wieder in Brasilien. Im Interview mit unserer Redaktion erzählt die 99-Jährige, was sie damals bewegte und warum sie Politik im Grunde bis heute verachtet oder, wie sie es nennt, sich die Freiheit gönnt, das Tagesgeschehen nur am Rande zu verfolgen. Wichtiger sei, dass die Menschen gut zueinander sind.

Frau Schlemm, Sie sind im Mai 1939 freiwillig und freudig nach Deutschland gereist. Heute wollen manche Deutsche nicht einmal einen Türkei-Urlaub mehr machen, da dort ein autokratischer Staatschef regiert. Was trieb Sie damals an?

Die Propaganda des Dritten Reiches war auch zu uns nach Brasilien gedrungen. Eine Reihe meiner Freunde, die deutsche Eltern hatten, fuhr nach Deutschland und ging in den Arbeitsdienst oder freiwillig zum Militär. Das kam für mich nicht infrage. Meine Familie stammte aus Deutschland, hatte aber zugleich auch Wurzeln in Brasilien. Zwei meiner Urgroßmütter waren dort geboren. Aber ich trotzte meinen Eltern die Reise ab, weil ich nach Deutschland wollte, wenn auch nur für ein paar Monate.

Warum?

Was ich von Hitler-Deutschland hörte und sah, war bestechend schön. Nur mein weitsichtigerer Großvater sprach von Kriegsgefahr. Aber ich war jung und wollte etwas erleben. Ein Krieg schreckte mich nicht, und von Politik verstand ich nichts.

Wie hatten Sie bis dahin Adolf Hitler und die Nazis empfunden?

Empfunden habe ich Hitler und den Nationalsozialismus gar nicht. Hitler hatte aus dem im Ersten Weltkrieg besiegten und niedergedrückten Deutschland wieder ein respektiertes Land gemacht. Dass sich die Jugend für ihn begeisterte, ist nur natürlich. Mit Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädchen wurde ihr ja viel geboten. Das sprach sich bis nach Brasilien herum, gerade bei den Deutschstämmigen. Deshalb gingen doch meine Jugendfreunde nach Deutschland. Den abfälligen Begriff „Nazis“ gab es damals noch nicht.

Wie stellte sich damals Ihre Verbundenheit mit Deutschland dar, der Heimat Ihrer Vorfahren? Gab es in Ihrer von Deutschen geprägten Heimatstadt Curitiba einen deutschen Nationalismus?

Es gab da Reichsdeutsche, einige waren Nationalsozialisten, Parteimitglieder. Das wusste ich, ich kannte einige persönlich, Väter von Freunden, für mich ganz normale Menschen. Wir wussten, woher unsere Vorfahren stammten: aus Dänemark, der Schweiz, überwiegend aus Sachsen und Hannover. Eltern und Großeltern sprachen deutsch. Es gab, solange ich denken kann, bei uns deutsche Bücher. Für Kinder die Märchen von Bechstein und Grimm oder „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch. In der Deutschen Schule kam alles Lehrmaterial aus Deutschland. Eine Stunde am Tag lernten wir Portugiesisch, alle anderen Fächer unterrichteten deutsche Lehrer. Aber Curitiba war nicht nur deutsch geprägt. Es gab da auch Italiener und viele Polen. Wir hatten den Deutschen Sängerbund, den Teuto-Brasilianischen Turnverein und den Deutschen Handwerkerunterstützungsverein. Aber auch Polen und Italiener hatten ihre Vereine, die Schweizer ihr Schweizerheim.

Also kein Nationalismus, sondern nur Patriotismus?

Schwer zu sagen. Die brasilianische Nationalisierung ab 1938 wurde vor allem in den Südstaaten São Paulo, Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul spürbar, wo man deutsch sprach. Das war plötzlich gefährlich. Deutsche Vereine mussten ihre Namen und Statuten ändern. Die Schulen wurden “umorganisiert”. Der Unterricht fand nun in der Landesprache statt, nur Englisch wurde noch als Fremdsprache gelehrt. Die Deutsche Überseeische Bank wurde geschlossen. Deutschstämmige Angestellte mit brasilianischer Staatsangehörigkeit wurden versetzt. Darunter war auch mein Vater. Er galt als verdächtig. Bei einer Hausdurchsuchung wurden unsere deutschen Bücher beschlagnahmt. Im Süden Brasiliens gab es regelrechte Deutschenverfolgungen. Da rückten die Deutschen zusammen. Ist das Nationalismus?

Dann war für Sie die Benachteiligung der Deutschen in Ihrer Heimat auch ein Grund für Ihre Solidarität mit Deutschland? Passten da die NS-Bestrebungen nach einem großdeutschen Reich nicht bestens hinein? Wollten Sie das damals auch?

Nein, viele dieser brasilianischen Entwicklungen wurden mir erst 1947 bekannt. Von Bestrebungen nach einem großdeutschen Reich wusste ich damals auch nichts. Der Gedanke, Solidarität mit Deutschland zu üben, war mir in den Jahren 1938/39 nicht gekommen. Mich verband mit Deutschland zunächst mal nur die Sprache, es gab weder ein Zugehörigkeitsgefühl noch Solidarität. Ich war im Herzen Brasilianerin und jung, ich tanzte in Sandalen Samba und Frevo.

Welches Ansehen genoss bei Ihnen und Ihrem Umfeld damals die Demokratie?

Den Begriff kannte ich mit 18 Jahren zwar, aber politisch irgendwie ausgerichtet waren wir nicht. Politik war uns egal, das machten doch die Männer irgendwo im Palacio. Und noch in Deutschland habe ich zwar das Kriegsgeschehen miterlebt, aber die politischen Hintergründe nicht bedacht. Das Warum und Weshalb und Woher war mir gleichgültig, ich habe das alles nicht hinterfragt.

Die Nazis machten ja kein Hehl daraus, dass sie die Arier für eine überlegene Rasse hielten. Wie dachten Sie damals darüber?

Von Rassenreinheit hörte ich erst in Deutschland. Und dass ich noch Menschen mit einem gelben Stern an der Kleidung auf der Straße sah, fand ich beschämend. Von Konzentrationslagern und den dortigen Geschehen erfuhr ich erst nach Kriegsende. Gerade durch die vielen Einwanderer hier im Land habe ich viele jüdische Freunde. Und das bleibt auch so.

Wann und wie haben Sie erfahren, dass Sie 1939 nicht nach Brasilien zurückdurften? Was haben Sie daraufhin getan?

Als am 1. September der Krieg ausbrach, waren meine Schwester und ich fröhlich in Deutschland auf Reisen. Unsere Rückreise am 12. Oktober war bereits bezahlt, aber wir konnten sie nicht mehr antreten. Auch eine Ausreise in die Schweiz wurde nicht genehmigt. Also mussten wir uns einrichten. Meine Schwester machte ihr Abitur und ging auf die Kunst- und Musikschule. Ich suchte nach einer Arbeit. Krankenpflege als Beruf war für Ausländer erlaubt, und so landete ich in einer großen Zahnklinik. Später kamen Kurse im Roten Kreuz dazu. Ich tat auch Dienst in Lazaretten als Nachtwache.

Als Teenager in fremdem Land – konnten Sie nirgendwo unterschlüpfen?

Da wir selbst keine Familienbindung hatten, gab es für uns in Deutschland nur Freunde meiner Eltern in Dortmund. Dort schlüpften wir im ersten Kriegswinter unter. Einen Sohn kannte ich aus Curitiba. Er war vor uns nach Deutschland zurückgekehrt und trug schon Uniform.

Und dann?

Mein Vater telegrafierte, dass es wegen der Bombengefahr in einem Industriegebiet wohl besser wäre, in eine andere Stadt umzuziehen. So zogen wir ausgerechnet nach Dresden um. Dort lernte ich meinen ersten Ehemann kennen, heiratete und bekam bald einen Sohn.

Ihr erster Mann war Offizier der Organisation Todt, die für den Bau von Kriegsanlagen zuständig war und auch KZ-Häftlinge einsetzte. Erhielten Sie dadurch nicht tiefere Einblicke in die Natur des NS-Staates?

Nein. Er war in Polen und Frankreich verwundet und dann zur Organisation Todt versetzt worden. Von Beruf war er Maler, hatte mit Transporten und so nichts zu tun.

Aber er hatte doch Einblick, und Sie waren verheiratet?

Es klingt vielleicht dumm, aber unser Verhältnis war nicht so, dass ich ihn zu seinen Einsätzen befragen konnte oder wollte.

Alda Schlemm auf dem Weg zur Klinik in Dresden 1941. Foto: Schlemm
Alda Schlemm auf dem Weg zur Klinik in Dresden 1941. Foto: Schlemm


In den Lazaretten wurden Sie mit der Realität des Krieges konfrontiert. Mit welchen Folgen?

Schon in der Zahnklinik sah ich entsetzliche Kriegsfolgen. Aber im Lazarett erlebte ich die ganze Härte des Krieges. Vor mir wohlbehütetem Mädchen lag da plötzlich ein Mann schwerstverletzt und flehte: "Lasst mich nicht sterben, ich will leben!" Doch wir wussten, dass wir ihm nur bedingt helfen konnten. Ich lernte auf grausame Weise, was Krieg bedeutet. Hitler allein daran die Schuld geben konnte ich aber nicht. Ich fragte mich auch, was Nordamerika und Brasilien überhaupt auf dem europäischen Kriegsschauplatz zu suchen hatten.

Deutschland hat den USA den Krieg erklärt.

Meine Sympathie für und Zugehörigkeit zu Deutschland war nicht parteigebunden. Und ich wusste, dass die feindlichen Soldaten das gleiche Leid erlebten, die gleichen Schmerzen spürten.

Die Luftangriffe Mitte Februar 1945 auf Dresden haben Sie miterlebt.

Der Krieg hatte grausige Formen angenommen und ging spürbar dem Ende zu. Wir rechneten mit Angriffen der anrückendenden Russen. Aber dann kam stattdessen der alliierte Luftangriff am 13. Februar. Kurz gefasst: Durch ein Wunder blieb unser Haus stehen, in dessen Keller wir saßen. In der folgenden Bombennacht mussten wir in einen hinteren Teil des Kellers, der vordere erhielt einen Volltreffer. Durch einen Mauerriss retteten wir uns in ein Feuermeer. Auf der Flucht Richtung Elbufer traf mich etwas Brennendes im Gesicht. Ich sah nichts mehr. Ich wusste immer, dass ich einen starken Schutzengel hatte. Er führte uns zu einem Arzt, der meine Wunden liebevoll versorgte. Doch für drei Wochen blieb ich blind. Zu Fuß wanderten wir bei Eis und Schnee ohne alle Habe rund 150 Kilometer bis nach Bad Elster, wo wir bei Freunden das Kriegsende erlebten. Ich war wieder schwanger.

Erst 1947 verließen Sie Deutschland und auch Ihren Mann, und kehrten mit Ihren inzwischen drei Kindern nach Brasilien zurück. Warum?

Ich hatte all die Zeit in Deutschland, auch vor und nach meiner Heirat, nie Zweifel daran gelassen, dass ich nach Kriegsende nach Hause zurückkehren würde. Warum? Weil ich nach Brasilien gehöre, weil es meine Heimat ist, bei aller Sympathie für Deutschland.

Was sagen Sie heute jungen Menschen, wenn Sie an jene Zeit denken? Zum Beispiel über Demokratie und Rechtsstaat, über Pressefreiheit und Menschenrechte, über Verführung durch Propaganda und Populismus?

Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte – alle reden davon. Welches Land lebt das aber wirklich? Überall gibt es Korruption, überall wird gelogen. Vor einem neuen Krieg hätte ich entsetzliche Angst, denn er würde noch viel schlimmer als der Zweite Weltkrieg. Ich leiste mir die Freiheit, die Nachrichten nur sehr sparsam zu konsumieren. Eine Art Vogel-Strauß-Politik, gewiss. Aber damit schlafe ich ruhiger.

In Europa scheinen Rechtspopulisten auf dem Vormarsch zu sein, schüren Ressentiments gegen Fremde und Flüchtlinge. Was wissen Sie über die AfD in Deutschland und was halten Sie von ihr?

Nein, ich weiß nicht, was AfD bedeutet. Auch weil mich Politik im Grunde immer noch nur bedingt interessiert.

Ich versuche es noch einmal: Was raten Sie heute mit Ihrer Lebenserfahrung jungen Menschen?

Was ich Jugendlichen rate? Lebt euer Leben bewusst, erlebt die Tage bewusst und aufgeschlossen. Wichtiger als alle politischen Richtungen ist das Menschliche, das Miteinander. Gemeinsam lachen und weinen, das verbindet.

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