Agrarökonom Alfons Balmann im Interview : Agrarberater der Regierung skeptisch: Bleiben Bauern-Demos wirkungslos?

Die Bauern kommen - wieder einmal. Landwirte aus ganz Deutschland wollen am Dienstag demonstrieren. Nach Bonn und Hamburg ist das Ziel dieses Mal Berlin. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
Die Bauern kommen - wieder einmal. Landwirte aus ganz Deutschland wollen am Dienstag demonstrieren. Nach Bonn und Hamburg ist das Ziel dieses Mal Berlin. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Dieses Mal die Hauptstadt! Tausende Landwirte wollen am Dienstag Berlin lahmlegen und protestieren. Doch was wollen sie eigentlich erreichen? Alfons Balmann, Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarökonomie in Halle und Mitglied im Agrarbeirat der Bundesregierung, hat Zweifel, dass die Bewegung Erfolg haben wird. Statt zu gestalten solle nur verhindert werden.

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25. November 2019, 06:01 Uhr

Osnabrück | Herr Balmann, am Dienstag werden wieder zigtausende Landwirte mit ihren Treckern eine deutsche Stadt lahmlegen – dieses Mal Berlin. Aber weswegen eigentlich? Haben Sie verstanden, was die Bauern wollen?

So genau verstehe ich das auch nicht. Mittlerweile gibt es ja eine lange Liste an Forderungen. Da steht drauf, dass man gegen Lebensmittelimporte aus Südamerika ist. Oder obskure Forderungen wie die, die Ursachen für das Insektensterben noch einmal wissenschaftlich auf den Prüfstand zu stellen. Das klingt eher nach Ablenkung von tatsächlichen Problemen als nach Zukunftsperspektiven.

Haben wir es also nur mit einer Wutbauern-Bewegung zu tun?

In Teilen ist das zu beobachten. Vor ein paar Jahren gab es eine regelrechte Aufbruchsstimmung in der Landwirtschaft. Da haben große Verbände Positionspapiere veröffentlicht, in denen sie sich zu den Problemen der Branche bekannt haben, sich selber Ziele gesetzt haben und Freiräume benannt, die sie für Lösungen brauchen. Schon damals ging es um Tierschutz- und Umweltprobleme. Das waren Signale nach außen und nach innen in die Branche hinein. Aber diese Aufbruchsstimmung ist derzeit dahin. Jetzt geht es allem Anschein nach nur darum, Veränderungen zu verhindern.

Alfons Balmann. Foto: ImAO
ImAO
Alfons Balmann. Foto: ImAO


Ist der Protest also vollkommen unbegründet?

Grundsätzlich ist der Protest schon nachvollziehbar. Auslöser war ja das sogenannte Agrarpaket der Bundesregierung, das ohne große Beteiligung der Landwirtschaft beschlossen worden ist und teilweise populistische Maßnahmen enthält. Die Politik musste auf den Druck von Nichtregierungsorganisationen und Gesellschaft aber auch der EU reagieren. Die Landwirte fühlten sich übergangen. Und das in einer Situation, in der viele, auch größere Betriebe nach zwei Dürrejahren und mageren Fleisch- und Milchpreisen finanziell mit dem Rücken an der Wand stehen. Da musste der Frust raus.

Wird die Bewegung erfolgreich sein können?

Der Protest wird von der Gesellschaft weit weniger wahrgenommen, als die Landwirte glauben. Zugleich werden landwirtschaftsinterne Interessenkonflikte hinsichtlich möglicher Lösungen bisher ausgeblendet. Es wird bisher einfach nur gefordert. Ich bin skeptisch, ob es am Ende so etwas wie einen Erfolg geben wird. Am Anfang der Proteste wurden grüne Kreuze aufgestellt – eine stille Mahnung an Politik und Gesellschaft. So wurde eine Diskussionsgrundlage geschaffen. Mit wem soll die Politik bei dem Wust an Forderungen denn jetzt diskutieren? Und über was?

Welche Rolle spielt der Bauernverband, der ja klassischerweise als Interessenvertretung der deutschen Landwirtschaft angesehen wird?

Dem Bauernverband dürfte klar sein, dass er aufpassen muss, nicht im großen Stile Anhänger zu verlieren. In den vergangenen Jahrzehnten ist es dem Verband gelungen, einen Großteil der deutschen Landwirte unter einen Hut zu bringen – zum dem Preis, dass der Verband quasi gelähmt war. Ein Almbauer hat andere Interessen als ein Großbetrieb in Ostdeutschland oder ein Schweinehalter in Niedersachsen.

Der Bauernverband hat es lange geschafft, die Mitglieder ruhig zu halten, in dem er Veränderungsbedarf so gut es geht, verhindert hat. Jetzt sind wir aber in einer Situation, wo es an allen Stellen Druck gibt: EU-Agrarsubventionen, Tierhaltung, Ackerbau,… das sind zu viele Baustellen auf einmal, das lässt sich mit Verweigerung kaum managen. Der Bauernverband muss befürchten, die Kontrolle völlig zu verlieren. In Teilen hat er das schon. Dass er beim Agrarpaket übergangen wurde, ist Ausdruck dessen.

Es wird also insgesamt nicht besser für die Bauern?

Das ist eine Frage der Perspektive. Fest steht: Die Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft werden sich durch den technologischen Fortschritt weiter verändern und die Frage wird sein, ob die Landwirtschaft diesen für die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit und die Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen nutzen kann. Der Strukturwandel wird an Fahrt aufnehmen, denn viele Betriebe werden diese Schritte nicht gehen können oder wollen. Die Zahl der Bauernhöfe wird weiter abnehmen. Protest hin oder her. Ich bin der Meinung: Die Welt geht nicht unter, wenn die Landwirtschaft im Westen künftig von großen Betrieben geprägt ist, wie die Landwirtschaft im Osten das jetzt schon ist.

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