Täter festgenommen : 39-jähriger Usbeke soll Stockholmer Anschlag begangen haben

„Lauft, lauft!“ Die Einkaufsmeile Drottninggatan nach der Attacke
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„Lauft, lauft!“ Die Einkaufsmeile Drottninggatan nach der Attacke

Terroralarm in Stockholm: Ein Lastwagen rast in eine Einkaufsstraße und dann in ein Kaufhaus.

svz.de von
07. April 2017, 20:35 Uhr

„Lauft, lauft!“ ruft die Polizei den Menschen auf der Einkaufsmeile Drottninggatan zu. Die Straße mitten im Herzen Stockholms ist gestern Nachmittag voll von Hauptstädtern, die Einkäufe erledigen, und Touristen, die bummeln wollen. Um kurz vor 15 Uhr rast ein Lastwagen in die Menge und von dort in das Kaufhaus Åhléns. „Es gab meterhohe Flammen und schwarzen Rauch“, so eine entsetzte Schwedin bei Twitter.

Kurz darauf zeigen Fernsehbilder, wie Menschen panisch aus dem Shopping-Center und von der Straße flüchten. „Es war fürchterlich. Unmengen von Blut auf der Straße, Menschen lagen überall“, sagt ein Augenzeuge. „Viele um mich herum waren hysterisch“, erzählt eine Frau mit Tränen in den Augen.

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dpa

Vier Menschen sind tot,  15 wurden verletzt. Davon waren am Samstagnachmittag acht noch im Krankenhaus. „Wäre ich eine Minute später dort hingekommen, wäre ich umgefahren worden. Ich habe Menschen gesehen, die gestorben sind“, sagt die Schwedin Sandra Japundzic Lindquist. Rettungskräfte legten Decken auf leblose Körper. Eine junge Frau habe nur dagestanden, den Arm um ihr Baby gelegt, und wie erstarrt gewirkt, berichtet ein Schwede.

Der mutmaßliche Terroranschlag mit einem Lastwagen in der Stockholmer Innenstadt geht nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden auf das Konto eines 39-jährigen Usbeken. Ob der am Freitagabend festgenommene Mann aus Sympathie für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehandelt habe, werde noch untersucht. Knapp 24 Stunden nach dem Anschlag von Stockholm setzt die Polizei damit das Bild von der Tat wie ein Mosaik zusammen.

Den Lastwagen einer Brauerei soll der Usbeke unmittelbar vor dem Attentat gekapert haben. Das erinnert an den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im vergangenen Dezember. In Stockholm hatte der Fahrer gerade ein Restaurant beliefern wollen, als eine Person in die Fahrerkabine gesprungen und weggefahren sei. So erzählt es ein Brauereisprecher. Der Lkw-Fahrer wollte den Täter demnach noch stoppen, wurde aber selbst angefahren.

Laut Medienberichten vom späten gestrigen Abend hatte die Polizei den Mann nördlich der Stadt festgenommen haben. Kurze Zeit später bestätigte die Polizei die Festnahme. „Nichts besagt, dass wir die falsche Person festgenommen haben“, betonte Reichspolizeichef Dan Eliasson am Samstag auf einer Pressekonferenz in Stockholm. Man könne aber noch nicht ausschließen, dass mehrere Menschen an der Tat beteiligt gewesen seien.

Staatsanwalt Hans Ihrman sagte auf die Frage nach einem terroristischen Motiv: „Viel spricht zum jetzigen Zeitpunkt dafür, dass das der Fall ist.“ Das Telefon des Verdächtigen und seine Aktivitäten in sozialen Netzwerken würden untersucht, teilten die Ermittler weiter mit.

Der Verdächtige war der Polizei seit dem Vorjahr namentlich bekannt.„Wir konnten keine Verbindungen zu extremistischen Milieus bestätigen“, sagte Anders Thornberg von der schwedischen Sicherheitspolizei mit Blick auf die damaligen Untersuchungen.

Nach dem Anschlag in Stockholm gebe es genügend Verdachtsmomente, um den Mann festzuhalten. Das Tatmotiv sei derzeit aber noch unklar.„Wir kennen seine Absichten nicht“, sagte Eliasson über den 39-Jährigen.

Der Täter war am Freitagnachmittag mit einem gekaperten Lastwagen zuerst in eine Menschenmenge in einer großen Stockholmer Einkaufstraße gefahren, dann in die Front eines Kaufhauses. Dort fing der Lkw Feuer, der Täter floh.

Die Polizei teilte zudem mit, in dem Tat-Laster sei etwas gefunden worden, „das dort nicht hingehörte“. Um was es sich genau handelte, solle nun eine Untersuchung klären, so Eliasson. Schwedischen Medien zufolge wurde der Mann in einem Geschäft in Märsta nördlich von Stockholm festgenommen worden.

Der Anschlag hat die Hauptstadt und das nordeuropäische Land tief erschüttert, das öffentliche Leben kam weitgehend zum Erliegen.

Augenzeugen berichteten von „Unmengen an Blut“ und Leichen auf dem Asphalt.

Der Lastwagen wurde in der Nacht zum Samstag abgeschleppt und soll nun kriminaltechnisch untersucht werden. Der Tatort und die Umgebung blieben zunächst abgesperrt. Nachdem der U-Bahn- und Zugverkehr in Stockholm stundenlang stillgestanden hatte, rollten am frühen Morgen wieder Züge aus den Bahnhöfen. Die schwedischen Behörden bleiben in Alarmbereitschaft. Zehn Tage lang sollen alle Ausreisenden an den Grenzen kontrolliert werden, sagte Ministerpräsident Stefan Löfven.

In der Einkaufsstraße Drottninggatan hatte es bereits im Dezember 2010 einen Anschlag gegeben. Damals explodierte dort ein Auto, während sich fast zur gleichen Zeit an einer anderen Straße im Zentrum Stockholms ein 28-jähriger Schwede irakischer Abstammung in die Luft sprengte. Zwei Passanten wurden leicht verletzt. Auch der Mord an dem damaligen schwedischen Regierungschef Olof Palme 1986 hatte sich ganz in der Nähe abgespielt.

Für die Opfer des Lkw-Anschlags soll es am Montagmittag eine Gedenkfeier und eine landesweite Schweigeminute geben, kündigte Löfven an, nachdem er einen Strauß roter Rosen in der Nähe des Tatorts niedergelegt hatte. Nun müssten er und seine Landsleute versuchen, ihre Wut in etwas Konstruktives zu verwandeln. „Wir sind eine offene, demokratische Gesellschaft, und das werden wir auch bleiben.“ Schwedens Kronprinzessin Victoria (39) und ihr Mann Prinz Daniel (43) legten am Tag nach dem Lkw-Anschlag in der Nähe des Tatorts rote Rosen nieder. „Ich fühle große Trauer und Leere“, sagte die Thronfolgerin laut Boulevardzeitung „Aftonbladet“. „Aber ich fühle trotzdem eine Stärke, denn die Gesellschaft hat mit enormer Kraft gezeigt, dass wir uns dem hier entgegensetzen.“

Kunden und Verkäufer eines Modegeschäfts neben dem Kaufhaus müssen in dem Laden ausharren, solange niemand weiß, wo sich der Täter aufhält. Auch den Reichstag darf niemand verlassen. Am Abend beginnt die Polizei langsam damit, die Menschen aus den Geschäften zu begleiten. Eltern holen ihre verschreckten Kinder ab.

Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven spricht früh von Terror. „Schweden ist angegriffen worden. Alles deutet auf eine Terrortat hin“, sagt er dem Fernsehsender SVT. In anderen europäischen Metropolen sprechen Regierungschefs und Bürgermeister den Schweden ihr tiefes Mitgefühl aus. „Die Londoner wissen, wie es sich anfühlt, sinnlosen und feigen Terrorismus zu ertragen“, sagt Bürgermeister Sadiq Khan. Nizza, Berlin, und zuletzt London: Jedes Mal rasten Täter mit Fahrzeugen in Menschenmengen.

Chronologie: Anschläge mit Fahrzeugen

London – März 2017: Der Attentäter Khalid Masood steuert ein Auto absichtlich in Fußgänger auf einer Brücke im Zentrum Londons. Er tötet drei  Menschen, anschließend ersticht er einen Polizisten auf dem Gelände des Parlaments. Er selbst wird von Sicherheitskräften erschossen. Ein weiteres Opfer stirbt gut zwei Wochen später an den Folgen seiner Verletzungen.

Berlin – Dezember 2016: Kurz vor Weihnachten wird die deutsche Hauptstadt zum Ziel eines Terroranschlags. Zwölf Menschen sterben, als ein Anhänger der Terrormiliz IS einen gekaperten Lastwagen in einen Berliner Weihnachtsmarkt steuert. Wenige Tage später wird der 24 Jahre alte Tunesier Anis Amri bei einer Polizeikontrolle in Italien erschossen.

Nizza – Juli 2016: Der Attentäter, der 31 Jahre alte Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel, rast mit einem Lkw auf dem Strandboulevard  in Nizza in eine Menschenmenge. 86 Menschen sterben. Der IS ist laut seines Verlautbarungsorgans Amak für den Anschlag verantwortlich.

Kommentar: "Perfides Muster"- von Andreas Herholz

Erst Nizza, dann Berlin, London und jetzt Stockholm – der Angriff auf Schweden erinnert an die Terroranschläge der vergangenen Monate. Die Welt trauert um die Opfer. Ein mörderischer Plan, ein Lastwagen als Tatwaffe, Tote und Verletzte, eine Stadt in Angst und unter Schock – der Terror wirkt einmal mehr.

Noch wird über die konkreten Hintergründe  gerätselt. Das perfide Muster  allerdings deutet auf einen islamistischen Hintergrund hin. Die Terrormiliz IS will ihren blutigen Kampf in die westlichen Metropolen verlegen. Umso wichtiger ist es, mögliche Gefährder weitaus intensiver zu überwachen.

Allerdings: Anschläge, wie das Lkw-Attentat von Stockholm lassen sich nie ganz ausschließen, nicht völlig verhindern. Ziel der Attentäter und ihrer Hintermänner ist es, zu verunsichern, Angst zu schüren und die Gesellschaft zu spalten. Sie wollen die freiheitlichen Werte, wie im liberalen, demokratischen und offenen Schweden, erschüttern und zerstören. Daher darf auch jetzt dem Ruf nach schnellen Lösungen und harten Reaktionen nicht vorschnell nachgegeben werden.   Europa muss jetzt im Kampf gegen den Terror zusammenrücken und seine Sicherheitsarchitektur optimieren. Doch darf dies nicht auf Kosten der Freiheit gehen, sonst hätten ihre Feinde, die feigen und mörderischen Attentäter, ihr Ziel schon erreicht.

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