Ausnahmezustand nach Terror in Paris : 129 Tote - Frankreich unter Schock

Sanitäter versorgen verwundete Gäste des Club Bataclan, in dem es zu Schießereien und einer Geiselnahme kam.
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Sanitäter versorgen verwundete Gäste des Club Bataclan, in dem es zu Schießereien und einer Geiselnahme kam.

Paris wird von einer Reihe von Angriffen erschüttert. Eine Geiselnahme wurde in der Nacht von Spezialeinheiten beendet. Mehr als 250 Verletzte. Ermittler rechnen mit weiteren flüchtigen Tätern.

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13. November 2015, 23:24 Uhr

Bei mehreren nahezu gleichzeitigen Terrorattacken von mindestens acht Tätern sind am Freitagabend in Paris nach jüngsten Angaben 129 Menschen getötet worden. Rund 250 wurden verletzt, viele davon schwer, wie die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Justizquellen berichtete. Die Attentäter schossen an verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt wild um sich und zündeten mehrere Bomben. Allein in der Konzerthalle „Bataclan“ richteten sie ein Massaker mit mindestens 80 Toten an. Vier Tote gab es in der Nähe des Stadions Stade de France, wo gerade das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich stattfand. Die Anschläge ereigneten sich nur zehn Monate nach dem Attentat auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ in Paris.

Die Terrormiliz IS hat sich in einer zunächst nicht verifizierbaren Erklärung zu den Anschlägen bekannt. Im Internet tauchte am Samstag eine entsprechende Botschaft im Namen des Islamischen Staates auf. „Eine treue Gruppe der Armee des Kalifats [...] griff die Hauptstadt der Unzucht und Laster an“, hieß es in einer im Internet kursierenden Botschaft im Namen des IS. Es seien Sprengstoffgürtel und Maschinenpistolen eingesetzt worden.

In dem Schreiben werden neue Drohungen ausgesprochen: Frankreich werde ganz oben auf der Liste der Ziele bleiben, heißt es darin.

Zugleich wird indirekt auf die französischen Luftangriffe auf den IS verwiesen: Der Geruch des Todes werde ihre Nasen nicht verlassen, solange sie den Propheten beleidigten und Muslime im Land des Kalifats angriffen.

Frankreichs Präsident François Hollande hat den Ausnahmezustand verhängt. 1500 zusätzliche Soldaten wurden mobilisiert. Bundesinnenminister Thomas de Maizière bot Paris Hilfe durch deutsche Spezialkräfte an.

Auch Stunden nach Mitternacht war das genaue Geschehen immer noch nicht überschaubar. Eine Eliteeinheit stürmte den Club Bataclan, wo es nach einer Geiselnahme vermutlich etwa 100 Todesopfer gab. Gleich in den frühen Morgenstunden sind Frankreichs Präsident François Hollande und Regierungschef Manuel Valls zu dem Club gefahren.  Bei der Attentatsserie sind mindestens vier der Terroristen getötet worden.  „Es gibt viele Verletzte. Schwerverletzte, Geschockte, geschockt von dem, was sie gesehen haben“, sagte Hollande am Morgen beim „Bataclan“. Er kündigte an, „unerbittlich“ gegenüber Terroristen zu sein. „Das ist eine Barbarei.“

"Angriff auf Freiheit"

Das Statement von Kanzlerin Merkel zu den Anschlägen in Paris #ParisAttacks #PorteOuverte

Posted by ZDF heute on Samstag, 14. November 2015

Alle Krankenhäuser der französischen Hauptstadt wurden in den Ausnahmezustand versetzt. Aus Sorge vor weiteren Anschlägen in Paris werden fünf Linien der Untergrundbahn geschlossen. Dies teilte die Polizei in der Nacht zum Samstag mit. Betroffen sind die Metro-Linien 3, 5, 8, 9 und 11, die durch die Stadtviertel führen, in denen sich Tatorte befinden. Auch der Busverkehr wurde unterbrochen.  Ein Schauplatz war das Fußballstadion Stade de France, wo die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Die Niederlage des DFB-Teams wurde zur absoluten Nebensache.

In dem Pariser Club  „Bataclan“ haben die Terroristen laut einem Augenzeugen etwa zehn Minuten mit Kalaschnikows um sich geschossen. Dort war am Freitagabend die amerikanische Rockband „Eagles of Death Metal“ vor ausverkauftem Saal aufgetreten. Die Halle fasst 1500 Zuschauer.

Die Angreifer haben nach Angaben eines Augenzeugen im französischen Radio auf Arabisch „Allah ist groß“ gerufen. „Mitten im Konzert sind Männer reingekommen, sie haben im Bereich des Eingangs zu schießen begonnen“, sagte der Konzertbesucher Louis dem Sender France Info.„Sie haben voll in die Menge geschossen, ich glaube mit Pumpguns und dabei “Allahu akbar„ gerufen.“ Der Mann berichtete, als er mit seiner Mutter den Saal verlassen habe, habe er über Leichen klettern müssen. Eine offizielle Bestätigung für diese Darstellung oder für das Motiv der Angriffe gab es zunächst nicht.

Ein Radioreporter, der zufällig im „Bataclan“ war, erzählte dem US-Sender CNN, die Männer seien schwarz gekleidet gewesen und hätten wahllos in die Menge geschossen. Sie seien nicht maskiert gewesen. Ein Geiselnehmer, dessen Gesicht er gesehen habe, sei um die 20 bis 25 Jahre gewesen. Er selbst habe fliehen können. Am Ausgang habe er mindestens 20 Leichen und zahlreiche Verletzte gesehen. Ein Freund verstecke sich noch immer Theater, er stehe im SMS-Kontakt mit ihm, erzählte der Radioreporter.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, der das Fußballspiel neben Hollande im Stadion verfolgte, zeigte sich wie weltweit viele Staatsoberhäupter entsetzt. „Wir stehen an der Seite Frankreichs“, sagte Steinmeier.

Ein Polizeisprecher bestätigte der Deutschen Presse-Agentur Schüsse im Osten der Hauptstadt, nannte aber zunächst keine Details. Auch zur Zahl der Opfer wollte er sich nicht äußern. Er sprach von Zwischenfällen im Bereich des Stadions Stade de France. Dort waren in der ersten Halbzeit mehrere Explosionsgeräusche zu hören. Zunächst wusste aber niemand, worum es sich dabei handelte. Etwa eine halbe Stunde vor Ende der Partie in Saint-Denis machten erste Gerüchte von Bombenexplosionen die Runde. Dort sollen drei Menschen ums Leben gekommen sein.

Hubschrauber kreisten über dem Stadion. Hinaus kam zunächst keiner mehr, mit einem Sicherheitsband war das Stadion abgeriegelt. Später durften Menschen aber doch das Stadion verlassen, anders als sonst nach Fußballspielen verließen sie zügig das Gelände.

Bundestrainer Joachim Löw reagierte mit großer Bestürzung und Betroffenheit auf die Ereignisse. „Wir sind alle erschüttert und schockiert“, sagte Löw in der ARD nach der 0:2-Niederlage der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Frankreich. „Für mich tritt der Sport oder die Gegentore in den Hintergrund.“ Teammanager Oliver Bierhoff sprach von „großer Unsicherheit, großer Angst und großer Betroffenheit“ auch in der deutschen Kabine.

Stadionbesucher Samuel Gagnet (28) sagte beim Verlassen der Arena: „Meine Familie hat mich angerufen und mich informiert, weil sie sich Sorgen gemacht haben. Sie wollten wissen, ob alles in Ordnung ist.“

In Frankreich galten bereits vor den Anschlägen seit diesem Freitag wieder verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. Wegen „terroristischer Gefahr“ und „Risiken für die öffentliche Ordnung“ hatte die Regierung auch beschlossen, vor der Weltklimakonferenz die Grenzkontrollen wieder aufzunehmen. Die Klimakonferenz, zu der zahlreiche Spitzenpolitiker aus aller Welt erwartet werden, beginnt am 30. November.

In Paris bleiben derweil nach der Anschlagsserie praktisch alle Einrichtungen der Stadt am Samstag geschlossen. Das teilte die Hauptstadt Frankreichs auf ihrer Homepage mit. Betroffen sind unter anderem Museen, Bibliotheken, Sporthallen oder auch Schwimmbäder. Der Polizeipräfektur von Paris hat für die französische Hauptstadt ein öffentliches Versammlungsverbot verhängt. Die Anordnung für den Großraum Paris auf Basis des von Präsident François Hollande verhängten Ausnahmezustandes gilt nach Angaben der Polizeipräfektur bis 12.00 Uhr am kommenden Donnerstag (19. November).

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