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Bundeswehr wirbt um Reservisten : Zwischen Kampf und Katastrophe

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Angesichts von Nachwuchsmangel und entfallener Wehrpflicht wirbt die Bundeswehr jetzt verstärkt um Reservisten

Der Spieß brüllt, die Kompanie steht stramm, und nicht nur im Unteroffiziersheim herrscht ein ordinärer Ton. So haben Millionen von Wehrdienstleistenden die Bundeswehr erlebt. Die meisten von ihnen wollen nichts mehr davon wissen. Einige aber kehren freiwillig als Reservisten zurück - und wundern sich: Wie sich Deutschlands Armee 60 Jahre nach ihrer Gründung verändert hat. Wie sie sich ein neues Image zulegt. Und mit welchen Problemen sie heute kämpft.

Vor dem Dienstantritt geht's in die Kleiderkammer. Kampfschuhe, Feldhosen, Unterhemden, Feldjacken, Feldmütze Sommer, Feldmütze Winter, Fingerhandschuhe, Hosengürtel, Hosenträger: Mehr als 30 Kleidungsstücke landen in der Kampftragetasche des Reservisten. Nur der Gefechtshelm fehlt. Denn der hat eine Schraube locker und ist daher „dem Auslandseinsatz vorbehalten“, wie die Mitarbeiterin der LHBw Bekleidungsgesellschaft erklärt.

Tatsächlich räumte das Verteidigungsministerium im Mai ein, dass eine Schraube am Helm nicht ausreichend gegen Splitter geschützt ist und ausgetauscht werden muss. Zehntausende Exemplare sind betroffen. Auch alle 167 000 Exemplare des Sturmgewehrs G36 sollen ausgemustert oder nachgerüstet werden. Bei großer Hitze oder Dauerfeuer schießt es angeblich nicht mehr genau. Ist die Bundeswehr nur noch bedingt einsatzbereit? Auf der Standortschießanlage Landstetten in Oberbayern ist nichts davon zu spüren. Schüsse hallen über den Platz. „Schütze! Waffe klar zum Gefecht! Drei Ziele, fünfmal Einzelfeuer!“ Stabsfeldwebel Olaf Germershaus gibt kurze Kommandos und kontrolliert streng: Füße hüftbreit spreizen, Magazin der Pistole P8 überprüfen, entsichern, entspannen, Finger nach jedem Schuss gedrückt halten. Die Reservisten lernen: Schießen ist nicht rumballern, sondern Kopfsache.

Von Landstetten aus scheint Afghanistan weit weg. Doch der Auslandseinsatz am Hindukusch hat vieles verändert, auch das Schießtraining. Germershaus spricht vom „nSAK“ - beim Bund hat alles eine Abkürzung - und meint damit das Neue Schießausbildungskonzept.

Geübt wird jetzt vor allem der schnelle Schuss auf kurze Distanz, aus der Bewegung heraus. Das Szenario: nicht mehr das offene Feld mit Schützenpanzern und einem von weitem erkennbaren Feind, sondern die Patrouille in einer engen Gasse, der plötzliche Angriff aus unmittelbarer Nähe. „Kamerad, da schauen noch Haare heraus!“ Solche Fehler können im Ernstfall tödlich sein.

Oberstleutnant Carsten Spiering steht in der Hierarchie deutlich über Pauli, aber jetzt liegt er ihm zu Füßen. Verzweifelt versucht er, die engen Gummistiefel wieder auszuziehen, in die er sich mit seinen Kampfstiefeln gezwängt hat. Auch Spiering muss - wie jeder Soldat - einmal im Jahr seine „individuellen Grundfertigkeiten“ unter Beweis stellen wie den Umgang mit der ABC-Schutzkleidung: Luftdichte Gummihose, Poncho, Maske, Gummistiefel. Schon nach wenigen Sekunden läuft der Schweiß in Rinnsalen über den abgeschnürten Körper. Giftgas kann von außen jetzt nicht mehr eindringen, Luft aber auch nicht.

Marschieren, schießen, sich gegen Kampfstoffe schützen - so stellt man sich Soldaten vor. Oder nicht? Manche in der Bundeswehr trauern der alten Zeit hinterher als es noch keine Frauen beim Bund gab und der Spieß rumbrüllen durfte. Kitas und Blümchen-Tapeten in Kasernen waren kein Thema, Karrierechancen für Frauen und Überstundenerfassung auch nicht.

Nicht der Kampfeinsatz, sondern die Katastrophenhilfe stehe im Vordergrund - ein Softie-Image, monieren manche. So weit geht Prof. Ursula Münch von der Bundeswehr-Uni in München nicht. Aber auch sie mahnt: „Bei der Bundeswehr sollte man nicht nur an Hochwasser und Sandsäcke denken.“ Für Oberstleutnant Alexander Claus ist das eigentlich ein Lob. Denn es ist ja sein Job, dass die Bundeswehr bei Hochwasser, Großbränden, Lawinen eng mit den zivilen Behörden - Städten, Landratsämtern, Bezirks- und Landesregierung - zusammenarbeitet. Soldaten waren bei der Hochwasserkatastrophe 2013 im Einsatz, bei der Rettung des Höhlenforschers Johann Westhauser 2014, beim G7-Gipfel 2015.

Claus sitzt im Besprechungszimmer der Ulrich-Kaserne im schwäbischen Kleinaitingen. Über ihm ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto seiner Ministerin Ursula von der Leyen. Mit einem Beamer wirft er Tabellen und Grafiken an die Wand. Sie zeigen - mit vielen schrecklichen Abkürzungen - das filigrane Gerüst der „zivil-militärischen Zusammenarbeit“. „Ich vermisse die Wehrpflichtigen schon“, sagt Claus. „Wir sind jetzt stärker auf die Reservisten angewiesen und ein bisschen überaltert. Die sind im Schnitt 50 Jahre alt.“ Früher war der Nachwuchs gesetzlich garantiert. Seit Aussetzung der Wehrpflicht vor vier Jahren muss die Bundeswehr um ihn kämpfen. Und sie muss netzwerken. Zum Beispiel in der Generaloberst-Beck-Kaserne auf dem Kalvarienberg von Sonthofen. Die ehemalige Ordensburg zur Schulung des NS-Kaders, in der Hitler und Himmler Reden hielten, ist - wie die ganze Bundeswehr - eine imposante Baustelle. In ihrem Turm hingen mal 16 Glocken. Heute klaffen auf dem Exerzierplatz Schlaglöcher, der Putz bröckelt. Von den Wiesen der Allgäuer Alpen im Hintergrund hört man Kuhglocken. 30 Soldaten im Feldanzug stehen dort bei Nieselregen in Reih und Glied. 30 Soldaten? Nun ja, eigentlich sind es Banker, Manager, Industrielle, Wissenschaftler, Richter, Politiker, Verwaltungsbeamte, Journalisten - Führungskräfte des öffentlichen Lebens. Eine Woche lang wollen sie das Soldatenleben kennenlernen.

Eine von ihnen ist Doris Wagner. Die Bundestagsabgeordnete der Grünen sitzt im Verteidigungsausschuss und steht jetzt im Feldanzug stramm zum Gelöbnisappell. Was ihre Fraktionskollegen wohl sagen würden, wenn sie sie jetzt sähen? So ganz wohl scheint sich Wagner bei diesem Gedanken nicht zu fühlen, aber sie ist sich sicher: „Insgesamt hat sich bei den Grünen die Überzeugung durchgesetzt, dass die Bundeswehr notwendig ist.“

Einmarsch der Truppenfahne. „Ehrenformationen angetreten!“ hallt es durch die Burg. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hält eine Rede. Nach dem Wegfall der Wehrpflicht sei die Bundeswehr vermehrt auf Reservisten angewiesen - und angesichts des islamistischen Terrors und der russischen Drohgebärden müsse sie gestärkt werden.

Mehr als 600 000 Reservisten gibt es in Deutschland - ein riesiges Potenzial. Allein in Bayern sind 150 000 verbandlich organisiert. Doch darunter sind viele „Karteileichen“, die schon lange nicht mehr aktiv sind. Fest eingeplant für einen bestimmten Dienstposten - sind derzeit nur 29 000 Reservisten. Mit der einwöchigen Informationswehrübung will die Bundeswehr Multiplikatoren gewinnen, Personalverantwortliche aus der freien Wirtschaft oder dem öffentlichen Dienst. Diese sollen ihre Mitarbeiter auch mal in Reserveübungen ziehen lassen - und keine Berührungsängste haben, wenn ein Ex-Soldat sich bei ihnen bewirbt.

Auch Karl-Friedrich Schwagmeyer hat soeben sein Gelöbnis abgelegt. Der 62-Jährige ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Commerzbank Köln. „In der freien Wirtschaft werden gerne Soldaten eingestellt“, meint er. „Sie zeichnen sich aus durch Genauigkeit, gelebte Geradlinigkeit, Personalerfahrung und Organisationstalent.“

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