Schüler klagen über Stress : Zu hohe Erwartungen der Eltern

Manche Schüler fühlen sich von der Schule gestresst.
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Manche Schüler fühlen sich von der Schule gestresst.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, über Leistungsdruck der Schüler und Stress im Unterricht

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01. September 2017, 20:45 Uhr

Immer mehr Schüler klagen über Stress. Das geht aus einer neuen Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit hervor. Tobias Schmidt sprach über die Ergebnisse mit Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes:

Gibt es zu viel Druck in der Schule?
Meidinger: Es muss uns zu denken geben, wenn Kinder und Jugendliche wegen Stress an Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Schlafproblemen leiden. Das ist aber nicht auf eine steigende Leistungsanforderung der Schulen selbst zurückzuführen. Die Lehrpläne sind nicht ausgeweitet worden, in manchen Ländern wie NRW werden sogar Hausaufgaben erlassen.

Der Stress entsteht oft durch eine zu hohe Erwartungshaltung der Eltern. Sie geben sich nicht mehr mit einem Abschluss zufrieden, sondern verlangen Top-Abiturnoten, damit bestimmte Studienfächer offenstehen. Viele Kinder und Jugendliche machen sich aber auch selbst zu großen Druck. Und es gibt viel weniger Muße in der Freizeit als früher: Statt einfach abzuspannen, hängen die Schüler ständig am Handy und vor dem Rechner und meinen, auf jede WhatsApp-Nachricht antworten zu müssen. Das ist ein riesiges Problem.

Sind Schüler heute mehr gestresst?

Hoher Leistungsdruck, schlechte Noten oder Mobbing in den sozialen Medien: 43 Prozent der Schüler leiden nach einer neuen Studie der Krankenkasse DAK unter Stress – mit Folgen für die Gesundheit. Ein Drittel der betroffenen Jungen und Mädchen klagt demnach über Beschwerden wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Schlafprobleme und Panikattacken. Und: Der Stress nimmt mit den Schuljahren zu. Das geht aus dem Präventionsradar 2017 der DAK-Gesundheit hervor, der gestern  in Berlin vorgestellt wurde.

Mädchen fühlen sich nach der Studie häufiger gestresst als Jungen. Jede zweite Schülerin habe sehr oft oder oft Stress. Bei den Schülern seien dies 37 Prozent. Vier von zehn Schülerinnen hätten oft Kopfschmerzen, mehr als ein Drittel schlafe schlecht. 30 Prozent klagten regelmäßig über Rückenschmerzen, ein Viertel über Bauchweh.

Bei den Jungen gab gut ein Viertel an, häufig Kopfschmerzen zu haben. Jeweils rund 30 Prozent der Schüler schlafen demnach schlecht oder haben Rückenschmerzen, 15 Prozent haben oft Bauchweh. Viele Kinder und Jugendliche erlebten Schule als Belastung. 40 Prozent der Schüler gaben an, zu viel für die Schule zu tun zu haben.

Ein solch negativer Stress wird demnach von Schüler zu Schüler unterschiedlich stark empfunden. Wie die gesundheitlichen Folgen nahelegen, wirkt er in der Regel eher langanhaltend und lässt sich nur schwer auflösen. Am ehesten durch Veränderungen im sozialen Umfeld des Schüler: Wechsel des ungeliebten Lehrers, Umdenken bei den Eltern.

Für Eltern und Lehrer gilt es also, die Symptome rechtzeitig zu erkennen und zu reagieren. Das heißt auch, sich selbst zu hinterfragen. Denn nach einer Studie der Uni Bielefeld von 2015 sind häufig Eltern selbst, bewusst oder unbewusst, auslösender Faktor für den Stress ihrer Kinder. Etwa, wenn Kinder in der ständigen Angst leben, die Eltern  zu enttäuschen.

Es gebe aber auch einen positiven Stress, sagen Experten. Jeder kenne die steigende Anspannung vor Prüfungen. Hier könne Stress durchaus produktiv sein. Wenn man nämlich merke, dass er zu besonderen Leistungen ansporne. Wird die Prüfung mit Erfolg bestanden, unter anderem weil der Körper jede Menge Reserven mobilisieren konnte, wird Stress oft positiv erlebt. Ein Kennzeichen dieses Stresses ist, dass er sich nach der Prüfung schnell auflöst. Stress in der Schule lässt sich demnach also nicht vermeiden. Doch Schüler können lernen, mit ihm umzugehen.

Auch das Essverhalten  kann für einen Stressfaktor sorgen. Nur rund die Hälfte der Schüler isst nach der DAK-Studie täglich Obst oder Gemüse. Aber 41 Prozent verzehrten täglich süße Snacks.

Ruppert Mayr

 

Mädchen leiden stärker unter Stress. Warum?
Mädchen nehmen den Erwartungsdruck ernster. Jungen lassen es eher mal schleifen, nehmen sich die Anforderungen des Elternhauses nicht so zu Herzen, stellen auf Durchzug. Das ist wohl auch ein Grund, warum Mädchen im Schnitt bessere Noten haben.

Macht der Stress heute häufiger krank, wie es die DAK-Studie nahelegt?
Der Präventionsradar der DAK macht auf den Zusammenhang zwischen Stress und Gesundheitsproblemen aufmerksam. Das ist ein wichtiger Befund. Aber ob Kinder früher nicht so stark unter dem Stress gelitten haben, seltener Bauchschmerzen oder Schlafstörungen hatten, wissen wir nicht. Da wurde einfach nicht so genau hingeschaut.

Wie können die Schulen auf das Stress-Problem reagieren?
Lehrer, Pädagogen und Schulpsychologen können und müssen helfen, auch wenn der Stress „hausgemacht“ ist. In Bayern haben wir zumindest an weiterführenden Schulen inzwischen flächendeckend Psychologen. Viele andere Bundesländer hinken hier noch erheblich hinterher!

Es muss genau hingeschaut werden, welche Kinder und Jugendlichen Prüfungsangst haben, wo daraus sogar Versagensängste werden. Wer hat Blackouts, wer kann seine Leistungen nicht abrufen? Mit solchen Schülerinnen und Schülern muss das Gespräch gesucht werden. Oft reicht dies nicht, dann sollten auch die Elternhäuser angesprochen werden.

Und ich rate Lehrern, die Kinder mit solchen Problemen haben, sich vor Prüfungen die Zeit für eine kurze Entspannungsphase zu nehmen. Eine Meditation, ein lockeres Gespräch, bevor die Klassenarbeit beginnt, das kann viel helfen!

Die DAK-Experten fordern ein Schulfach „Gesundheit“. Halten Sie dies für sinnvoll?
Ein Schulfach „Gesundheit“ würde weit über das Ziel hinausschießen. Stressbewältigung, gute Ernährung und Gesundheit – das sind Querschnittsaufgaben, die in vielen Fächern angesprochen werden müssen. Ich appelliere an alle Lehrkräfte, ihre Schülerinnen und Schüler anzuhalten, auf ihre Gesundheit und ihre Ernährung zu achten.

Kommentar von Tobias Schmidt: Bitte mehr Gelassenheit!

Stress von Schülern – das Problem ist zu einem Modethema geworden. Kaum eine Schulstudie, die nicht danach fragen würde. Dennoch sind die Befunde des DAK-„Präventionsradars“ wichtig und alarmierend, beleuchten sie doch, dass Kinder und Jugendliche, die zu viel Druck empfinden, auch deutlich häufiger körperlich leiden. Wenn das zum Dauerzustand wird, kann daraus eine ernsthafte Gefahr werden. Wer dafür in erster Linie die Schulen und Lehrer verantwortlich macht, knöpft sich hingegen die Falschen vor: Von steigenden, ja übertriebenen Anforderungen an Schüler kann kaum die Rede sein, im Gegenteil: Die Noten werden im Schnitt besser, die Abiturientenquote steigt seit Jahren.

Wichtigster Stressfaktor sind nicht mehr überstrenge Lehrer, sondern überehrgeizige Eltern, die zwar für ihre Kinder das Beste wollen, dabei aber mitunter zu viel erwarten. Oder die selbst unter Dauerstress stehen, und diesen auf ihre Kinder übertragen. Mehr Gelassenheit mit dem Nachwuchs und gemeinsame Zeit ohne Handy und Laptop – das sind immer noch die besten Anti-Stress-Rezepte.

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