Tierische Wasserläufer : Zu Fuß übers Wasser

Während ihre Hochzeitstanzes sprinten Männchen und Weibchen des Renntauchers (Aechmophorus occidentalis) in schnellen Trippelschritten nebeneinander übers Wasser.
Während ihre Hochzeitstanzes sprinten Männchen und Weibchen des Renntauchers (Aechmophorus occidentalis) in schnellen Trippelschritten nebeneinander übers Wasser.

Nur wenige Tiere können auf dem Wasser laufen – aber manche Arten haben Wege gefunden, die Gesetze der Physik zu überlisten

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01. September 2018, 16:00 Uhr

... und Jesus wandelte übers Wasser. Ein biblisches Wunder. Was die Jünger damals das Fürchten lehrte, gehört für einige Tierarten zum Standardrepertoire.

Ein heißer Tag im Sommer. In einem kleinen Tümpel am Waldrand spiegeln sich die Bäume. Kein Windhauch bewegt die Oberfläche des Wassers. Plötzlich jedoch kommt Leben in das glänzende Nass. Ein dünnes, unscheinbares Tierchen, nur einen knappen Zentimeter lang, setzt sich ruckartig in Bewegung. Mehr als einen Meter weit gleitet es blitzschnell dahin und hält abrupt wieder an. Sechs hauchdünne Beinchen hat der Winzling, zwei Fühler und Flügel, die auf dem schmalen Rücken übereinander gefaltet sind. Es ist der Gemeine Wasserläufer (Gerris lacustris). Das Insekt, das zu den Wanzen gehört, bleibt nicht lange alleine. Bald schlittern etliche seiner Artgenossen über die Oberfläche des Tümpels. Mit dem langen mittleren Beinpaar stoßen sie sich kraftvoll ab, mit dem hinteren Beinpaar wird gesteuert. Das vordere, kürzere Beinpaar dient den kleinen Räubern dazu, ihre Beute festzuhalten: Käfer, Fliegen und andere Insekten, die ins Wasser gefallen sind.

Wie machen die Wasserläufer das? Warum versinken sie nicht? Wer genau hinschaut, der erkennt, dass dort, wo die vier langen Beinchen die Oberfläche berühren, das Wasser „eingedellt“ ist. So, als wäre es bedeckt von einer hauchdünnen elastischen Folie. Die Tierchen machen sich die Oberflächenspannung des Wassers zunutze. Zur Unterstützung bedecken winzige Härchen, zwischen denen Luftblasen eingeschlossen sind, die Unterseite von Körper und Beinen. Alles in allem: ein einfacher, aber wirkungsvoller Trick. Er ermöglicht es dem Wasserläufer, einen Lebensraum zu erobern, den außer ihm nur wenige Tiere nutzen: die dünne Schicht an der Grenze zwischen Wasser und Luft. Auch die Taumelkäfer, die noch kleiner sind als die Wasserläufer, bewegen sich in diesem speziellen Lebensraum. In irrwitzigem Tempo kreiseln sie über die Wasseroberfläche.

Leider jedoch funktioniert die Sache mit der Oberflächenspannung nur bei sehr leichten Tieren. Dass bis zu 90 Zentimeter lange Echsen, die Basiliske aus der Familie der Leguane, ebenfalls buchstäblich übers Wasser laufen, ist da schon eine andere Nummer. Die schlimmsten Feinde der Jesus-Christus-Echsen – so werden sie wirklich genannt – sind Schlangen. Werden sie angegriffen, dann fliehen die Basiliske, indem sie sich vom Baum in einen Bach oder Tümpel stürzen. Aufrecht rennen sie dann auf ihren langen Hinterbeinen auf dem Wasser davon, mit einer Geschwindigkeit von 1,5 Metern pro Sekunde.

Auch ihre Beute jagen die Jesus-Christus-Echsen manchmal mit solch einem Sprint. Bei ihnen kommt nicht die Oberflächenspannung zur Geltung, sondern das Wahnsinns-Tempo, mit dem die Füße auf das Wasser treffen. Jeder, dem mal ein Kopfsprung vom Drei-Meter-Brett zu einem schmerzhaften „Bauchplatscher“ geraten ist, weiß, dass das kühlende Nass sehr hart sein kann. Dies nutzen die Echsen aus – und haben ihren Spurt übers Wasser durch raffinierte Bewegungsmuster der Hinterbeine perfektioniert.

Dass auch Vögel übers Wasser laufen, kann man unter anderem bei startenden Schwänen beobachten. Ein echtes Laufen ist das allerdings nicht, da zusätzlich die schlagenden Flügel für Auftrieb sorgen. Einer jedoch beherrscht den „Jesus-Spurt“ perfekt. Es ist der Renntaucher aus Nord- und Mittelamerika, ein Verwandter unseres heimischen Haubentauchers. Normalerweise schwimmt er auf dem Wasser und jagt tauchend nach Fischen.

Zu Beginn der Brutzeit zeigen die Renntaucher ihren Liebestanz. Sie nicken, verbeugen sich, schütteln die Köpfe und präsentieren dem Partner Wasserpflanzen. Ein Teil des Balzrituals ist besonders spektakulär und hat die Vögel berühmt gemacht: Männchen und Weibchen laufen dicht nebeneinander mit rasend schnellen Trippelschritten über das Wasser. Die Körper haben sie dabei senkrecht aufgerichtet, auch die Hälse zeigen steil nach oben. Die Flügel sind bewegungslos nach hinten geklappt. Fast scheint es, als würden die Vögel vor lauter Verliebtheit schwerelos übers Wasser schweben.

Ok, Wunder sind all das nicht. Aber zumindest hat die Natur es manchmal geschafft, auch im weltlichen Leben der Schwerkraft ein Schnippchen zu schlagen.

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