Rätsel um Tod des Malers : Wurde Vincent van Gogh ermordet?

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Vor 125 Jahren, am 29. Juli 1890, starb Vincent van Gogh durch eigene Hand – so steht es zumindest in den Geschichtsbüchern. Doch zwei Pulitzer-Preisträger melden nun ihre Zweifel am Selbstmord des Malergenies an

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26. Juli 2015, 09:00 Uhr

Vincent van Gogh: Der Name des vor 125 Jahren verstorbenen Künstlers steht für ein Leben zwischen Genialität und Wahnsinn. Einerseits leiteten seine Bilder ein ganz neues Zeitalter der Kunst ein, Fachleuten gilt er heute als einer der wichtigsten Wegbereiter der Moderne, ja als einer der bedeutendsten Künstler überhaupt. Andererseits setzte genau diese Andersartigkeit dem Maler Zeit seines Lebens schwer zu. Unverstanden von den Zeitgenossen konnte er von seiner Kunst nicht existieren, verkaufte nur ein einziges Bild in seinem ganzen Leben, und war trotz der finanziellen Zuwendungen seines Bruders Theo ständig pleite, ausgehungert und abgerissen. Mit zunehmendem Wahnsinn schnitt er sich ein Ohr ab, schluckte giftige Farben und setzte seinem Leben schließlich in einem Kornfeld nahe Paris durch eigene Hand ein Ende. So steht es in den Geschichtsbüchern.

Zweifel am Selbstmord des genialen Niederländers waren kaum angebracht, denn tödlich verwundet, teilte er der herbeigerufenen Polizei noch mit, dass er selbst es war, der auf sich geschossen hatte: „Beschuldigen Sie niemand anderen!“ Ausgerechnet Sätze wie diese waren es, die die Aufmerksamkeit der Pulitzer-Preisträger Steven Niafeh und Gregory White Smith weckten. Bei ihren Recherchen für eine Biographie über Vincent van Gogh stießen sie auf eine Reihe von Ungereimtheiten, die Zweifel am Selbstmord des Malergenies aufkommen ließen. „Es gibt ganz einfach zu viele Unstimmigkeiten“, waren sich die Kunsthistoriker schon 2011 sicher. „Wenn Vincent sich ins Herz schießen wollte, hatte er unerklärlich weit daneben getroffen.“

Wie konnte das sein? Eine Frage, die einen Fachmann erforderte. Also beauftragten die beiden Autoren den texanischen Gerichtsmediziner und Schusswaffenexperten Vincent di Maio, sich den Fall anhand alter Unterlagen einmal genauer anzuschauen. Eine Obduktion hatte es schließlich nie gegeben. In seiner Expertise stellte der Forensiker 2013 dann auch für die Kunstwelt ganz überraschend fest: „Aufgrund der Informationen, die mir zur Verfügung stehen, komme ich zu dem Schluss, dass Vincent van Gogh sich die Wunde nicht selbst beigebracht hat. Mit anderen Worten: Er hat nicht selbst auf sich geschossen!“

Selbstverständlich begründete der Fachmann seine professionelle Meinung auch. „Bei Selbstmördern finden sich nur in 1,3 Prozent aller Fälle die Schussverletzungen im Abdomen“, urteilte der Gerichtsmediziner, und meinte damit den Bereich zwischen Brustkorb und Becken. „Auch der Verlauf des Schusskanals ist untypisch.“

Das schlagendste Argument aber, das gegen einen Selbstmord sprach, war vielleicht dieses: „Van Gogh hätte die Waffe in direktem Kontakt mit dem Körper abfeuern müssen oder zumindest doch nicht weit entfernt davon“, meinte der Schusswaffenexperte, „dann aber hätten sich Pulverrückstände finden lassen müssen, denn Schwarzpulverwunden sind extrem schmutzig.“ Die gab es aber ganz offensichtlich nicht, denn sonst hätte zumindest einer der beiden Ärzte, die die Wunde damals untersucht hatten, Dr. Jean Mazery oder Dr. Paul Gachet, davon berichtet, schlussfolgerten Naifeh und Smith und sahen sich in ihrer Theorie bestätigt, dass es kein Selbstmord gewesen sein kann. Die Kugel musste also aus größerer Entfernung auf den Maler abgegeben worden sein. Womit sich die Frage stellte: Wenn Vincent van Gogh nicht selbst auf sich geschossen hatte, wer war es dann? Wurde das Malergenie vielleicht sogar ermordet?

Schon in den 1930er Jahren machte sich der renommierte Kunsthistoriker John Rewald direkt vor Ort der Geschehnisse in Auvers-sur-Oise nahe Paris auf die Suche nach Zeugen der damaligen Ereignisse. Ihm kam noch etwas ganz Anderes zu Ohren. Gerüchten zufolge, die damals im Ort kursierten, sollten „junge Burschen“, mit denen der Maler bekannt war, für die Tat verantwortlich sein, und ihn „versehentlich erschossen haben“. Die Biographen Gregory White Smith und Steven Naifeh sahen sich damit endgültig bestätigt in ihrer Theorie, dass es kein Selbstmord war.

Wenn das aber die schreckliche Wahrheit sein sollte, ein bedauerlicher Unfall, warum betonte Vincent van Gogh dann mehrfach vor Zeugen, ja sogar vor der Polizei, dass er selbst auf sich geschossen habe? Naifeh und Smith auf diese Frage: „Unserer Ansicht nach lautet die Antwort, dass Vincent den Tod willkommen hieß, da er Selbstmord sein Leben lang verurteilt hatte.“ Dennoch: „Sicher ist lediglich, dass er an einer Schusswunde starb, die er sich am 27. Juli 1890 zuzog. Er bat um ärztlich Hilfe, doch die Verletzung war zu schwer. Rund 30 Stunden später starb er.“

Was vor 125 Jahren in Auvers-sur-Oise wirklich geschah, werden wir vielleicht nie erfahren. Sollten Naifeh und Smith mit ihrer Theorie, dass es kein Selbstmord war, allerdings Recht haben, dann müssen die Kunstbücher wohl umgeschrieben werden.

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