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Reinhardswald : Wo der Förster auch der Bürgermeister ist

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Reinhold Heck und Marlies Scheffel leben in einem gemeindefreien Gebiet – ohne Postleitzahl. Und den Personalausweis stellt der Förster aus.

Schon von Weitem sieht man den Aussichtsturm hoch im Wald über Hannoversch Münden. Da, wo Werra und Fulda sich zur Weser vereinigen, liegt die Tillyschanze. Doch während der Turm an sich noch gerade so zu Niedersachsen gehört, sorgte die seit Jahrhunderten direkt dahinter verlaufende und bis heute mit weißen Grenzsteinen markierte Landesgrenze zwischen dem Königreich Hannover und der Landgrafschaft Hessen-Kassel für ein Kuriosum: Die „Waldgaststätte Tillyschanze“ liegt schon auf hessischem Territorium. Und zwar als einziges Gebäude weit und breit.

Reinhold Heck und Marlies Scheffel, die Besitzer der Gaststätte, sind die einzigen Bewohner des Forstgutsbezirks Reinhardswald, der flächenmäßig zweitgrößten hessischen Kommune. Das 184 Quadratkilometer große Gebiet ist offiziell „gemeindefrei“: Es gibt keinen Gemeinderat und keinen Bürgermeister.

225 solcher Gebiete gibt es in Deutschland – neben dem Reinhardswald sind nur noch die Lohheide und die Osterheide, die Randgebiete des Truppenübungsplatzes Bergen in Niedersachsen, von Menschen bewohnt. In Baden-Württemberg wurde das gemeindefreie Gebiet Münsingen vor einigen Jahren wieder eingemeindet, und auch die Vogelinsel Memmert hat mittlerweile keine permanenten Bewohner mehr. In Hessen dagegen erleben Reinhold Heck und Marlies Scheffel immer wieder die Vor- und Nachteile des Exotendaseins.

Förster als Bürgermeister „Unser Bürgermeister ist eine Amtsperson: Der Förster“, sagt Heck. Wenn die Bewohner der Tillyschanze einen neuen Personalausweis brauchen, müssen sie aufs Forstamt fahren. Der Förster beantragt dann in seiner Eigenschaft als Vorsteher des Forstgutsbezirks in der benachbarten Gemeinde Reinhardshagen einen Personalausweis. Die Gemeinde leistet Amtshilfe. Der Personalausweis wird ausgestellt, an den Förster übergeben – und der überklebt ihn dann mit der richtigen Adresse „Forstgutsbezirk Reinhardswald“. Denn die Bundesdruckerei in Berlin scheitert regelmäßig an einer weiteren Besonderheit des gemeindefreien Gebiets. „Wir haben keine Postleitzahl“, sagt Heck. „In unseren Ausweisen steht fünf Mal eine Null.“ Als sich der Gastwirt vor Jahren einmal ein Knöllchen wegen zu schnellen Fahrens leistete, kamen deswegen vier Beamte des nächstgelegenen Polizeireviers in Hessen, knapp 30 Kilometer entfernt, um den Strafzettel persönlich vorbeizubringen. Denn eine Postzustellung gibt es auf der Tillyschanze nicht. Wie auch, ohne Postleitzahl. Die beiden Bewohner haben sich deswegen „in Niedersachsen“, wie Heck mit erkennbar hessischem Lokalstolz sagt, also ein paar Meter weiter, in Hannoversch Münden, ein Postfach eingerichtet, und holen dort regelmäßig ihre Briefe ab. Internetbestellungen dagegen scheitern schon an der Adressangabe: „Fünf Mal die Null nimmt kaum ein Onlineversandhaus als Postleitzahl an.“

Wasser in Eimern von der Quelle Auch die Grundsteuer wird im gemeindefreien Bezirk vom Förster erhoben. Und für den Fall einer Verkehrskontrolle führt der Gastwirt immer ein amtliches Schreiben im Auto mit: „Die Beamten denken sonst, der Ausweis wäre gefälscht.“ Ärger gab es für das Wirtsehepaar zu Anfang auch mit der Versorgung: Die vorigen Besitzer hätten ihr Wasser immer an einer Quelle im Wald geholt, und dann in Eimern zur Gaststätte geschleppt, sagt Heck. Nicht irgendwann im 19. Jahrhundert sei das gewesen, sondern noch in den 1990er Jahren. Als Heck und Scheffel auf die Tillyschanze zogen, sei dann aber die Stadt Hannoversch Münden bereit gewesen, die Gaststätte an Strom und Wasser anzuschließen.

Aber ist es wirklich nur beschwerlich, in einem gemeindefreien Gebiet zu leben? „Ich würde es keinem raten“, sagt Heck – und berichtet dann doch, dass er als Gastwirt von dem Kuriosum natürlich auch beruflich profitiere. „Das Fernsehen war schon mehrmals da“, sagt Heck. Diverse Interviews haben die Wirtsleute schon gegeben, ihre Gaststätte wurde bundesweit bekannt. „Aber am Schönsten ist es, hier in der Natur zu leben“, sagt Reinhold Heck. „Wenn ich morgens aufstehe, und vor die Tür gehe, und dann die Vögel singen – solche Momente gibt es an keinem anderen Ort in Deutschland.“

Und spätestens dann, wenn die Augen von Reinhold Heck zu leuchten beginnen, merkt der Besucher doch, dass der Wirt der Tillyschanze bei allen Schwierigkeiten des täglichen Lebens im „gemeindefreien Gebiet“ wohl um keinen Preis der Welt sein Leben hoch im Wald über Hannoversch Münden aufgeben würde.

 

 

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erstellt am 15.Jul.2016 | 16:00 Uhr

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