Interview : Wladimir Kaminer: „Deutsche haben Weltschmerz“

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Bestsellerautor Wladimir Kaminer über Integration und seine Erfahrungen in Deutschland

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17. April 2018, 12:00 Uhr

Wladimir Kaminer erzählt Geschichten mit einem ganz eigenen Sound. Der in Berlin und Brandenburg lebende Bestsellerautor russisch-jüdischer Herkunft schrieb Bücher über seine Zeit in der Sowjetunion und seine Übersiedlung in die Bundesrepublik. Nun hat er Menschen getroffen, die das Paradies gesucht haben und in Deutschland gelandet sind. In „Ausgerechnet Deutschland“ erzählt der 51-Jährige von seinen kuriosen Begegnungen mit den neuen Nachbarn aus Syrien und anderswo. Mit Wladimir Kaminer sprach Olaf Neumann.

Warum sind Sie selbst einst ausgewandert?

Ich bin eher zufällig in Deutschland gelandet. Es hätten genauso gut Frankreich, Italien oder Amerika sein können. Ich wollte eigentlich nur weg. Wir haben in der Sowjetunion gelebt wie in einer geschlossenen Zelle und standen unserem eigenen Land sehr kritisch gegenüber. Wir waren neugierig auf die Welt da draußen und hielten alles außerhalb unserer Zelle für das Paradies. Weil der Westen für uns eine verbotene Frucht war, wollte ich unbedingt über die Grenze. Dieses Eingesperrtsein in den eigenen Wänden führte zu einer Romantisierung der Außenwelt.

Welchen Eindruck machte Deutschland auf Sie?
Einen kuriosen. Am Tag meiner Ankunft wurde Deutschland Fußballweltmeister. Es war eine ganz besondere Stimmung in Berlin: Hupende Autos und überfreundliche Menschen, die sich vor Begeisterung auf die Brust schlugen. Viele hatten eine Bierflasche in der Hand, und ich hatte mir auch eine gekauft. Das war mein erster Einkauf.

Sie schreiben, wie Ihnen eine Flasche Bier bei der Integration geholfen hat. Ist Integration wirklich so einfach?
Nein. Integration ist ein Phantom. Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters. Integration setzt voraus, dass es eine einheitliche Gesellschaft mit einheitlichen Werten und Vorstellungen gibt. Eine Gesellschaft, die sich nicht dauernd verändert, wie z.B. Deutschland es tut. Das heutige Deutschland hat mit dem Land, in das ich vor 28 Jahren eingewandert bin, nur sehr wenig gemeinsam. Berlin sieht nicht nur ganz anders aus als damals, es riecht auch anders.

Wieso haben Sie dieses Buch geschrieben?
Ich suche immer nach menschlichen Tragödien, um darüber lachen zu können. Sonst gerät man in eine Sackgasse. Tragödien entstehen gerade, wenn zwei Welten aufeinanderprallen, die einander überhaupt nicht kennen. Die so genannte Flüchtlingskrise hat einen Berg an Empathie, enttäuschten Erwartungen und verbrannten Hoffnungen hinterlassen. Kaum hatte ich dieses Buch geschrieben, waren alle Flüchtlinge, die ich kannte, schon wieder weggeflüchtet. Die Syrer aus unserem Dorf sind nach Cottbus gezogen, weil sie dort ihre Zukunft zu sehen glaubten. Es ist eine sehr mobile Situation. Deswegen musste ich mich beeilen, dieses Durcheinander festzuhalten.

Haben Sie sich in dem einen oder anderen Geflüchteten selbst wiedererkannt?
Die jungen, frisch rasierten und parfümierten Syrer beim Deutschunterricht erinnerten mich schon an uns. Immer wenn ich sie auf ihre Heimat und ihre Wurzeln ansprach, sah ich in ihren Augen ein totales Desinteresse. Sie wollten raus aus dieser engen, kleinen Welt der Heimat und sich auf die Probe stellen. Einer wollte unbedingt Schriftsteller werden. Als er mir von seinem geplanten Roman erzählte, leuchteten seine Augen.

Wie fühlten Sie sich, als Sie mit 23 nach Deutschland kamen?
Jedenfalls nicht wie ein Kind der russischen Kultur, sondern eher wie ein Kind der angloamerikanischen Kultur. Ich hörte nur englischsprachige Musik und meine Lieblingsschriftsteller waren Amerikaner und Franzosen. Und in Deutschland wurde ich gefragt, ob in Sibirien im Sommer wirklich Schnee liegt. Was juckt mich Schnee in Sibirien?!

Warum ging Ihre Integration so schnell?
Ich habe mir nie zum Ziel gesetzt, mich zu integrieren. Das wiedervereinigte Deutschland musste sich zuerst einmal selbst integrieren in die große weite Welt. Es war ein neues Land. Viele Menschen im Osten mussten ein neues Leben beginnen, während das ganze Land zu einem europäischen Mitspieler wurde. Ich war damals sehr ehrgeizig und wollte mit Menschen ins Gespräch kommen. Ich arbeitete in einem Theater, dort besteht die ganze Arbeit aus ständigem Quatschen.

Was ist typisch deutsch?
Jedes Volk hat eine sehr eigene Melancholie. Das, was die Portugiesen Saudade nennen: Es ist die Sehnsucht nach etwas, das unwiderbringlich verloren gegangen ist. Und die Deutschen haben Weltschmerz. Das ist die Sorge um Dinge, die einen eigentlich überhaupt nichts angehen. Zum Beispiel die typisch deutsche Feinstaubdebatte über unsichtbare Gefahren, die irgendwann möglicherweise nicht dein eigenes Leben, sondern das deiner Enkel beeinflussen. Ein Russe würde sich wahrscheinlich freuen über irgendetwas Feines. Solange nur Feinstaub und kein Pflasterstein fliegt. Aber die Deutschen sehen darin eine große Gefahr.

W. Kaminer: Ausgerechnet Deutschland. Geschichten unserer neuen Nachbarn, Goldmann, 236 Seiten, 13 Euro , ISBN 978-3-442-48701-1


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