KRIEG GEGEN FRAUEN : Wirksam – und billiger als eine Kugel

 

 

Vergewaltigungen sind in kriegerischen Auseinandersetzungen ein probates Mittel. Sie sind effektiv, treffen sie doch nicht nur die Frauen, sondern über diese auch die Männer, wirken zersetzend auf eine Gesellschaft. Und sie sind billig. Das Frauenwerk der Nordkirche bietet den Opfern Hilfe.

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22. August 2015, 16:00 Uhr

Versklavt, gefoltert, zwangsverheiratet: Frauen erwartet bei der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) ein grauenvolles Schicksal. Zainab Bangura, UN-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt, hat nach einem Besuch im Nahen Osten die Methoden des IS als institutionalisiert und „mittelalterlich“ angeprangert. Vergewaltigung ist eine wirksame, global und in allen Zeiten eingesetzte Kriegswaffe – und ein Kriegsverbrechen, das allzu oft ungesühnt bleibt. Viele Opfer leiden lebenslang. Von Schleswig-Holstein aus hilft das Frauenwerk der Nordkirche in Kooperation mit der Freiburger Organisation „Amica“, die Not zu lindern.

Was die UN-Sonderbeauftragte unlängst in New York von ihren Besuchen in Irak und Syrien mitteilte, klingt ungeheuerlich. So berichtete sie vom Überfall einer IS-Einheit auf eine jesidische Gemeinde. Menschen wurden zusammengetrieben, männliche Bewohner über 14 Jahren getötet, Frauen selektiert, entkleidet, untersucht, gewaschen und nach ihrem Wert taxiert. Im Anschluss wurden sie den Kämpfern zugeteilt oder verschachert. Die Frauen würden auch benutzt, um Männer aus dem Ausland zu locken: „Wir haben Jungfrauen, die ihr heiraten könnt.“ Die Frauen werden vergewaltigt, beugen sie sich nicht, droht Folter oder Tod. Einige der weiblichen Opfer sind noch Kinder.

„Die IS-Kämpfer haben in Syrien und Irak einen Krieg begonnen, der auf dem Rücken der Frauen ausgetragen wird“, klagt Zainab Bangura an und legt den Finger in eine Wunde der Geschichte kriegerischer Auseinandersetzungen. Sexuelle Gewalt gehört seit jeher zum Krieg; es geht nicht um Lust, sondern um Macht: über Frauen, über die Männer, Söhne, Brüder und Väter der Frauen.

„Da wird tief in eine Persönlichkeit eingewirkt und zugleich in die Gesellschaft“, sagt Heide Serra von der Organisation Amica. Die hatte sich 1993 unter dem Eindruck des blutigen Balkankrieges gegründet. „Die Einzel- und Massenvergewaltigungen durch die Milizen vor und nach jeder ethnischen Säuberungsaktion waren eine der brutalsten Waffen der serbischen Seite in ihrem totalen Krieg gegen das bosnische Volk – in einem Krieg, der über bloße Massaker weit hinausging“, schreibt der Psychologe Jamal Khalil Sobh auf der Internet-Seite der Heinrich Böll-Stiftung. „Das Vorgehen war dabei äußerst brutal. Laut einem serbischen Feldkommandeur hätten Vergewaltigungen nicht nur weniger gekostet als Benzin und Panzer und Raketen, selbst billiger als Kugeln seien sie gewesen. Als der Wahnsinn schließlich endete, hatten über 20  000 Frauen in Bosnien und Herzegowina Bekanntschaft mit dieser Wahrheit gemacht, einige von ihnen gleich mehrere Male.“

Vertreterinnen von Amica und des kooperierenden Frauenwerks der Nordkirche wissen von den psychischen, physischen und sozialen Folgen der traumatischen Erlebnisse zu berichten. „Unter den Überlebenden gibt es viele, die lebenslang auch körperlich unter den Folgen der Vergewaltigung leiden“, sagt Heide Serra. Gelitten wird vielfach auch unter gesellschaftlicher Isolation, unter einer vermeintlichen Schande. „Sexuelle Gewalt ist deshalb so wirksam, weil sie darauf zielt, die Säulen einer Gesellschaft zu zerbrechen“, sagt Heide Serra und folgt UN-Botschafterin Zainab Bangura, die jüngst in einem Interview sagte: „Frauen sind das Gewebe der Familie und der Gesellschaft. Der schnellste Weg, eine Gesellschaft zu zerstören, ist es, ihre wertvollsten Bestandteile zu zerstören. Wer eine Frau vergewaltigt, vergewaltigt auch eine Gemeinschaft und eine Familie. Die sexuelle Gewalt reißt diese Gesellschaften auseinander.“

Eine wirksame Waffe, eingesetzt seit jeher: Von Rittern und Pilgern auf dem Weg ins Heilige Land, im amerikanischen Bürgerkrieg, im 1. Weltkrieg von deutschen Soldaten in Belgien, im 2. Weltkrieg von Soldaten der Roten Armee auf dem Marsch nach Berlin – und vorher von deutschen Soldaten auf dem Marsch nach Osten. Jamal Khalil Sobh nennt zwei Millionen, meist russische Frauen als Opfer – auch sie in doppelt und dreifachem Sinn: umgeben vom Kriegsgeschehen, misshandelt als Frau, geächtet von der Gesellschaft. Dokumentiert ist wenig, überhaupt sei Vergewaltigung das am schlechtesten dokumentierte Verbrechen, sagt Heike Serra.

„In Ruanda vergewaltigten sowohl Hutus als auch Tutsi während ihres Vernichtungskriegs. Die Dschandschawid-Milizen in Darfur taten es wie auch sämtliche Konfliktparteien im kongolesischen Bürgerkrieg, und bei ihren Angriffen auf die Dörfer und Städte West-Libyens vergewaltigten Gaddafis Milizen Frauen bei ihren wiederholten Versuchen, die Rebellion niederzuschlagen. Auch Assads Milizen in Syrien gehen nicht anders vor“, heißt es bei Jamal Khalil Sobh. Wie tief und unauslöschbar das Trauma so erlebter Gewalt ist, haben die späten Berichte weiblicher Opfer der Rote Armee-Soldaten gezeigt.

Die Hilfsaktion von Amica und Nordkirche, von Flensburger Schülern Sorgenpüppchen für die betroffene Frauen in Libyen basteln zu lassen, wirkte angesichts der Ungeheuerlichkeiten zunächst wie ein Kampf gegen Windmühlen – und hat sich doch als große Hilfe erwiesen. Die Sorge, die einer kleinen Puppe erzählt werde, schaffe Platz für die Verarbeitung, hieß es damals von den Macherinnen, inzwischen werden die Püppchen in Syrien in der Trauma-Arbeit eingesetzt.

Und die ist nur ein Teil der Hilfe, denn – die Kriegswaffe Vergewaltigung wirkt erschreckend nachhaltig – es geht auch um medizinische Versorgung, Rechtsberatung, berufliche Qualifizierungen, Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Und um Begegnungsarbeit. „Bosnische Frauen leben mit serbischen Nachbarn Seite an Seite“, nennt Heide Serra als Beispiel. „Nach wie vor ist es dort für viele betroffene Familien schwierig, ihr Leben zu fristen. Und die juristische Aufarbeitung hat gerade erst begonnen.“

Wie durchdringend und dauerhaft die Folgen sexueller Gewalt als Kriegswaffe sind, betont auch Zainab Bangura: „Die Erfahrung zeigt, dass nach einem Krieg die Zahl der Vergewaltigungen steigt. Denn wenn die ehemaligen Kämpfer entwaffnet sind, nimmst du ihnen nur ihre Waffen. Wenn man versucht, sie wieder in eine Gemeinschaft oder die Sicherheitskräfte einzugliedern, behalten sie die Kultur der Ausbeutung von Frauen bei.“ Und: „Was wir jetzt brauchen; ist, dass die einzelnen Staaten auch eigenverantwortlich handeln. In einigen Staaten, in denen wir arbeiten, weiß die Polizei nicht einmal wie man bei einem sexuellen Verbrechen ermittelt. Diese Beamten müssen ausgebildet werden. Die Gerichte wissen nicht, wie sie Verdächtige strafrechtlich verfolgen sollen. Regierungen müssen also einen rechtlichen Rahmen auf nationaler Ebene schaffen.“

Im Nahen Osten wächst die Not unterdessen ungebremst – angestachelt vom Erfindungsreichtum der IS-Milizen. „Frauen werden benutzt, um Kriege zu finanzieren“, sagt Heide Serra. Das ist neu.“

Hintergrund: Kriegsverbrechen

Kriege unterliegen strengen Regeln. Kriegsverbrechen sind definiert als schwere Verstöße gegen die Regeln des in bewaffneten Konflikten anwendbaren Völkerrechts. Nach Art. 8 Abs. 2 b) des Römischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs sind Kriegsverbrechen unter anderem
> vorsätzliche Tötung;
> Folter oder unmenschliche Behandlung einschließlich biologischer Versuche;
> vorsätzliche Verursachung großer Leiden oder schwere Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit oder der Gesundheit;
> Geiselnahme;
> vorsätzliche Angriffe auf die Zivilbevölkerung als solche oder auf einzelne Zivilpersonen, die an den Feindseligkeiten nicht unmittelbar teilnehmen;
> die Beeinträchtigung der persönlichen Würde, insbesondere eine entwürdigende und erniedrigende Behandlung;
> Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei, Nötigung zur Prostitution, erzwungene Schwangerschaft im Sinne des Artikels 7 Absatz 2 Buchstabe f, Zwangssterilisation oder jede andere Form sexueller Gewalt, die ebenfalls eine schwere Verletzung der Genfer Abkommen darstellt;
> die Benutzung der Anwesenheit einer Zivilperson oder einer anderen geschützten Person, um Kampfhandlungen von gewissen Punkten, Gebieten oder Streitkräften fernzuhalten.

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