Die Schlagzeilenträchtige Drei : Wir Zahlenmystiker

 

 

Zur Mathematik haben viele Menschen seit der Schule ein gebrochenes Verhältnis. Seltsam nur, dass Zahlen uns wegen ihrer großen Symbolkraft faszinieren.

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29. August 2015, 08:00 Uhr

Genau „33 Tipps gegen Stress“ hat eine Zeitschrift für junge Familien in ihrem aktuellen Heft angepriesen. Mühelos spürt man im Netz auch 33 Tipps gegen Pickel, Orangenhaut (Cellulite) oder Erkältungen auf, ebenso viele für schöne Haare oder für eine bessere Welt. Übrigens findet man noch einfacher zehn Tipps, und zwar ebenfalls gegen Pickel, aber auch gegen Kopfschmerzen und Müdigkeit, Heißhunger und Winterspeck.

Hier reiht sich auch das US-Wirtschaftsmagazin Forbes ein und kürt regelmäßig die zehn mächtigsten Frauen der Welt. Wem bloß acht von ihnen präsentiert würden, der hätte wohl gleich die Frage, ob sich denn keine zwei weiteren finden ließen. Auch die Aufzählung der „zwei höchsten Berge weltweit“ erschiene arg kümmerlich. Doch warum ist das so? Und warum schlucken wir bedenkenlos „33 tolle Tipps“, würden aber die Stirn runzeln bei lediglich 27 davon. Oder bei einem Artikel über die „106 teuersten Luxus-Hotels“.

Die kleinste schlagzeilenträchtige Zahl ist die Drei. „Wenn man zwei Eigenschaften erwähnt hat, meint man, noch eine dritte hinzufügen zu müssen, sonst hat man das Gefühl von Unvollständigkeit“, sagt Rudolf Taschner, Mathematiker an der Technischen Universität Wien und Verfasser mehrerer Sachbücher zu Zahlenphänomenen. Als Grund dafür vermutet er die Neigung der Menschen, Zahlen auch geometrisch abzubilden. „Und ein Zweieck gibt es nicht; die erste wirklich schöne geometrische Figur ist das Dreieck.“ Zudem sei die Drei „die göttliche Zahl“, abzulesen an der Dreiheit von Gottvater, Gottessohn und Heiligem Geist, ähnlich wie Jupiter, Juno und Minerva bei den alten Römern oder Brahma, Vishnu und Shiva bei den Indern.

Die Lust aufs Trio durchzieht unsere Sprache: „Einigkeit und Recht und Freiheit.“ Oder „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.“ Oder auch „Friede, Freude, Eierkuchen.“ Stets sind es drei Begriffe. Wie auch dann, wenn wir in einem Satz konkrete Beispiele für eine Aussage wählen: „Sie mochte Obst – vor allem Äpfel, Birnen und Orangen.“

Ebenso wurden an alten Gerichtsplätzen oft drei Eichen oder Linden gepflanzt – und man spricht nicht vom Vier-, sondern vom Dreikäsehoch. Auch von Viersterne-Köchen hat noch niemand etwas gehört, obwohl diese ihre hingehauchten Mundgenüsse noch teurer verkaufen könnten. Aller guten Dinge sind eben drei.

Gerne aber auch zehn. Das habe zunächst einmal mit unserem Dezimalsystem zu tun, das auf der Zahl Zehn gründet, sagt der Philosophie-Historiker Wilhelm Schmidt-Biggemann von der Freien Universität Berlin, der sich seit Langem mit der Symbolik von Zahlen beschäftigt. Mit der Zehn lässt sich für uns am besten rechnen, an sie sind wir gewöhnt.“ Schon bei den Pythagoreern der Antike sei sie eine „sehr kraftvolle Zahl“ gewesen. Sogar die „Zahl der Allvollkommenheit“, merkt Rudolf Taschner an.

Die Denkschule der Pythagoreer ging auf den griechischen Philosophen Pythagoras von Samos (570–510 v. Chr.) zurück und nahm an, dass der Kosmos nach bestimmten harmonischen Zahlenverhältnissen aufgebaut ist – und wer diese Zahlenverhältnisse kenne und beachte, könne ein weises, naturgemäßes Leben führen. „Die Eins stand für den Punkt, die Zwei für die Linie, die Drei für die Fläche und die Vier für den Raum – und damit hatte man aus Sicht der Pythagoreer die Welt begriffen“, fügt Taschner hinzu. Addiert man nun die Ziffern 1 bis 4, die sogenannte Tetraktys („Vierheit“), ergibt sich die Summe Zehn. Auf ihr gründete auch das bis heute gebräuchliche Dezimalsystem, das Griechen, Römern und andere Völker schon in der Antike nutzten. Die vollkommen erscheinende Zehn war gewissermaßen eine heilige Zahl.

Auch deshalb hören sich „Zehn Gründe für den Aktienkauf“ für uns bis heute harmonischer, stimmiger, vielleicht auch überzeugender an als bloß acht. Nicht umsonst auch sollen Christen genau „Zehn Gebote“ beachten. Außerdem kann man sich diese Anzahl von Handlungsvorschriften buchstäblich an den eigenen Fingern abzählen – ein starkes praktisches Argument für das Rechnen auf der Basis Zehn.

Dass nie „elf gute Gründe“ aufgeführt werden, hat Wilhelm Schmidt-Biggemann zufolge auch mit der Symbolkraft bestimmter Zahlen zu tun.

Zwölf Gründe, nämlich ein Dutzend, lassen sich schon viel eher denken, denn auch heute noch erinnert manches in unserer Sprache an das in Europa, zumindest bei germanischen Völkern früher sehr verbreitete Zahlensystem auf der Basis 12, auch Zwölfer- oder Duodezimalsystem genannt. Womöglich kam es dazu wegen der zwölf Mond-Monate – nach ihrem Ablauf war das Jahr vollendet. Auch Tag und Nacht haben jeweils zwölf Stunden und enden dann, und es gibt im Jahr zwölf Tierkreiszeichen. Selbst die Europa-Flagge hat unveränderlich zwölf Sterne, weil diese Zahl „die Vollkommenheit und die Vollständigkeit“ versinnbildlicht, wie es in der offiziellen Begründung aus dem Jahr 1955 heißt. Mit einer aktuellen oder angestrebten Zahl von Staaten im europäischen Bund hatten die zwölf Sterne nie etwas zu tun.

Die an die Zwölf grenzenden Zahlen haben einen weniger guten Ruf; entweder fehlt ihnen etwas, oder sie haben etwas zu viel. Die Elf ist Schmidt-Biggemann zufolge „eine verrückte Zahl“ und steht für den Karneval, der am 11.11. beginnt und bei dem ein Elferrat aus elf Würdenträgern eine wichtige Rolle spielt.

Die 13 wiederum bringe „angeblich Unglück, weil sie für eins mehr als die heilige Zwölf steht“, sagt der Fachmann für Zahlensymbolik. Dass Ratsuchenden immer wieder auch 33 Tipps oder Tricks angeboten werden, stützt sich symbolisch „wahrscheinlich einfach auf eine Verdoppelung der Ziffer 3“, vermutet Rudolf Taschner. Auch 333 Tipps ließen sich infolge dieser Logik denken, doch ginge endgültig die Übersichtlichkeit flöten. Man darf nur hoffen, dass auch wirklich alle 33 Tipps Substanz haben. Sonst wären 29 Tipps sinnvoller – wenn auch vielleicht nicht überzeugender.

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