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Streitbar : Willkommen am Bau...

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, meinte Helmut Schmidt. Bei öffentlichen Bauten ist es damit nicht getan, analysiert Jan-Philipp Hein

svz.de von
erstellt am 11.Jan.2014 | 09:00 Uhr

Flughafen Berlin-Brandenburg, Elbphilharmonie, Stuttgart 21 oder Jade-Weser-Port. Entsetzlich vergurkte Bauprojekte sind mediale Dauerbrenner der vergangenen Jahre. 2014 starten wir mit der fiktiven und doch sehr wahrheitsnahen Geschichte der explodierenden Kosten. Sie ist ein Destillat aus unzähligen Gesprächen mit Politikern und Baumanagern. Und es ist eine Geschichte, die sich wiederholen wird. Streiten wir also für bessere Regeln, wenn öffentliche Bauten errichtet werden.


Ouvertüre


Es beginnt mit einem Ministerpräsidenten oder auch zwei, einem Bürgermeister, Oberbürgermeister oder einem Bauminister. Dazu: Abgeordnete. Wichtig ist die Entschlossenheit, ein Denkmal zu setzen. Der ein oder andere von denen hat schon mal seine Dachgeschosswohnung ausgebaut und ist dabei sogar einigermaßen im finanziellen Rahmen geblieben. Da kann doch beim städtischen Wahrzeichen auch nicht viel mehr schief gehen.

Die Politiker haben Visionen – womöglich auch unterschiedliche. Sie ziehen los und suchen sich einen Architekten. Der hört sich an, was gewünscht wird und macht daraus einen Plan. Die Politik sagt dem Planer, dass wenig Geld in der Kasse sei und darum der Plan doch bitte recht preiswert zu sein habe. Außerdem unterscheiden sich die Wünsche von Gespräch zu Gespräch. Mal ist ein Konzertsaal gewünscht, dann muss schon ein zweiter her, mal muss es ein Glasdach über dem Bahnsteig sein, dann tut es auch eine Wellblechkonstruktion. Nicht ahnend, dass der Architekt in seiner künstlerischen Freiheit ohnehin machen wird, was er will, entscheidet sich die Politik für den vordergründig schönsten und preiswertesten Entwurf des Architekten.

Jetzt muss eine Ausschreibung her, auf die sich Bauunternehmen bewerben können. Aus der Ausschreibung sollte klar hervorgehen, was gebaut werden soll. Die Fachwelt spricht davon, dass das sogenannte „Bausoll“ beschrieben werden muss. Das ist ein Job, der ein fußballmannschaftsstarkes Planungsbüro durchaus monatelang auf Trab halten kann – jedenfalls wenn gründlich und bis zur letzen Kachel im Putzmittelaufbewahrungsraum unseres Flughafens geplant wird.

Doch solche Vorbereitung passen leider nicht immer zu den Abläufen des Auftraggebers, der in Legislaturperioden und Haushaltszwängen denkt. Und dem rennt die Zeit weg. Die Hälfte der Legislatur ging dafür drauf, der kritischen Öffentlichkeit den unterirdischen Bahnhof schmackhaft zu machen.

Im dritten Jahr mussten die Parteigremien und die Ausschüsse für Bauen und Finanzen auf Linie gebracht werden, damit im vierten Jahr ein paar Millionen Euro zur Verfügung stehen. Teurer darf es dann aber auch wirklich nicht werden. Diese „Verpflichtungsermächtigungen“ belasten nicht nur Amtsnachfolger sondern kommende Generationen.

Da die Legislatur kurz vor dem Ende steht, bleibt keine Zeit, meterlange Akten mit Detailplänen anzufertigen. „Macht nichts“, sagt der Planer: „Ich mache Euch mal eine 'funktionale Ausschreibung', das geht flotter.“

„Herrlich“, denkt sich die Politik, bezahlt den Planer und läuft mit dessen schlanker Zeichnung zur Bauindustrie. Herzlich willkommen Bilfinger, Hochtief oder Strabag! Bei den Konzernen sitzen sie nun über den groben Plänen und versuchen, den Willen des zukünftigen Kunden zu erkennen. Und es entstehen Angebote, die richtig billig sein müssen. Das Vergaberecht will, dass der günstigste Unternehmer den Zuschlag bekommt. Und wenn der Kunde nur zwei Gepäckbänder in seinem internationalen Großflughafen haben will, dann ist es eben so. Und dass der Kunde in den Plänen grobe Fehler gemacht hat, sagt man ihm besser später als rechtzeitig. Warum? Kommt noch!


Hauptteil


Jetzt geht es endlich los. Der günstigste Bieter bekommt den Auftrag. Aus der Theorie wird Praxis. Die Presse fotografiert den gerade noch nicht abgewählten Ministerpräsidenten beim Spatenstich. Der ahnt schon, dass er die rote Schleife nicht mehr durchschneiden wird, dass er dafür aber in ein paar Jahren von einem Untersuchungsausschuss geladen werden wird. Denn mahnende Stimmen waren da schon in der Verwaltung zu hören. Aber der Bau musste doch nun endlich mal beginnen.

Kurz nach dem feierlichen Auftakt ist Krieg. Die Politik ist noch voller Vorfreude, da hat die Baufirma schon eine Anwaltskanzlei beauftragt, den frisch unterschriebenen Bauvertrag auf „Mehrkostenpotenziale“ abzusuchen. Denn irgendwie muss der absurd niedrige Angebotspreis ja wieder ausgeglichen werden. Die Politik hat in der Planungsphase die besten Bedingungen für dieses Spiel geschaffen. Unser Hafen ist ja schließlich nur grob skizziert worden. Sie erinnern sich: „funktionale Ausschreibung“. Also muss jetzt der Auftragnehmer den Job der Planer machen und rechnet den Bahnhof bis zum letzten Fahrplanaushangkasten durch.

Hier merken alle Beteiligten, dass sie sehr unterschiedliche Vorstellungen hatten. Die Politik dachte bei dem im Bauvertrag erwähnten hellen naturfarbenen Boden für die Flughafenhalle an Platten aus italienischem Carrara-Marmor. Die Baufirma dagegen an Betonplatten aus dem örtlichen Fertigteilwerk. Nun ist guter Rat, wie alles, was von jetzt an passieren wird, teuer. Unser Konzerthaus soll ja bekanntlich ein Wahrzeichen werden – also muss der Marmor aus Italien her. Die Baufirma macht ein „Nachtragsangebot“ und sagt dem Betonbauer ab. Dafür bekommt der eine Ausfallzahlung. Sein italienischer Kollege jammert, dass es so schnell gehen muss und der Marmor weltweit sehr gefragt sei. Wenn jedoch das Geld stimme, werde schnell geliefert. Es muss stimmen!

Sie können statt an Bodenbelag jetzt auch an Kloschüsseln, Wasserhähne, Türen, Fenster, Lichtschalter, Konzertsitze, Lampen, bischöfliche Badewannen, Zughinweistafeln oder Containerbrücken denken. In jedem Fall wird es teurer. Das gilt für alles, was nach Auftragserteilung verändert wird. Und so geht es, bis Jahre nach dem ursprünglich avisierten Eröffnungstermin alles fertig ist. Willkommen am Bau.


Epilog


Stellen Sie sich kurz vor, Sie bauen Ihr Eigenheim. Würden Sie beginnen, bevor die Pläne fertig sind? Garantiert nicht, es sei denn Sie sind Zocker oder haben eine Macke. Dass Politiker Zocker sind und eine Macke haben, will ich damit nicht sagen. Dass der Bau öffentlicher Großprojekte in Deutschland jedoch nach völlig irren Regeln geschieht, sollte diese kleine Geschichte verdeutlichen. Öffentlicher Druck von Wutbürgern, die jeden Bagger als Attentat begreifen, Kostendruck, Zeitdruck und der in uns allen wohnenden Wunsch, etwas zu hinterlassen, das bleibt, sind die problematischen Faktoren auf der Seite der Politik.

Auf der anderen Seite muss die Bauindustrie an diesem irren Spiel teilnehmen und realitätsfern kalkulieren, um einen Auftrag zu bekommen. Die Baumanager wissen, dass sie nur dann auf ihre Kosten kommen, wenn sie Nachträge über Nachträge produzieren. Es wird Zeit, dass sich das ändert.

Immerhin: Im Koalitionsvertrag steht: „Große öffentliche Bauvorhaben müssen in puncto Baukosten und Termintreue wieder verlässlicher werden.“ Bis 2015 sollen Vorschläge erarbeitet werden. Wenn das mal klappt...

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