UN-Klimagipfel in Paris : Wie verletzlich ist Deutschland?

Mehr heiße Tage, mehr alte Menschen – keine gute Kombination für eine gesunde Zukunft

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30. November 2015, 12:00 Uhr

Es ist verheerend heiß. Vor allem in der Stadt. Der Körper hält es kaum aus, vor allem nicht ein alter Körper. Fast 15000 Menschen sterben, zu Hause, in Altersheimen, in Krankenhäusern. Das war 2003, in Frankreich. Doch mit mörderischen Hitzewellen muss auch Deutschland rechnen. „Da rasen zwei Züge aufeinander zu“, sagt Paul Becker, Vizepräsident des Deutschen Wetterdiensts – der Klimawandel und der demografische Wandel.

Nach den Erwartungen der Meteorologen wird es in Deutschland künftig mehr heiße Tage geben. „Da stößt eine belastende Situation auf eine Bevölkerung, die das nicht mehr so abkann“, sagt Becker. Bei Mecklenburg-Vorpommern und in der Prignitz rechnen die Experten, dass die Anzahl der heißen Tage pro Jahr auf 15 bis 25 ansteigen. Heute gibt es acht bis zwölf solcher Tage mit einem Tagesmaximum der Lufttemperatur von mindestens 30 Grad Celsius.

Der Klimawandel wird Deutschland treffen, und eine Studie, an der der Deutsche Wetterdienst (DWD) maßgeblich beteiligt war, zeigt, wo und wie. Das Umweltbundesamt stellte das 690 Seiten starke Werk jetzt zusammen mit dem Bundesumweltministerium und dem DWD vor – wenige Tage vor dem heute startenden UN-Klimagipfel in Paris. Das wichtigste Ziel dieser Konferenz ist es, die Klimaerwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Ein guter Moment, auf die „Verletzlichkeit“ hinzuweisen – so heißt die Studie, die von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurde: „Vulnerabilitätsanalyse“.

Das Gesundheitssystem muss sich ändern

Die wunden Punkte Deutschlands sind nun sichtbar. Es sind die existenziellen Bereiche des Lebens: die Gesundheit der Menschen, ihre Beweglichkeit, ihr Hab und Gut, ihre Infrastruktur und Umwelt. Mehr Hitzewellen gefährden die Gesundheit der Menschen – vor allem, wenn die Menschen wie in Deutschland immer älter werden. „Das Gesundheitssystem wird sich ändern müssen“, sagt Becker. Zudem könnten sich gebietsfremde invasive Arten neu etablieren oder ausbreiten, toxische Blaualgen in Seen, Schädlinge oder Überträger von Krankheitserregern wie Mücken, Zecken oder Nager.

Heute herrscht warmes Klima in den Ballungsgebieten im Westen und im südlichen Teil der neuen Bundesländer. Diese Warm-Klima-Gebiete werden größer werden.

Hitze und Dürren im Osten

Wo immer mehr und besonders viele alte Menschen leben werden, sind Hitzewellen besonders gefährlich. In Mecklenburg-Vorpommern und der Prignitz wird es nicht nur heiß werden, laut Prognosen – sondern auch trocken. Zugleich werden voraussichtlich auch extremer Regen und Überflutungen zunehmen. Besonders schlimm treffen dürfte es die Gebiete an der Elbe. Straßen und Schienen, Gebäude und Brücken seien gefährdet. Das Hochwasser 2013 hat das schmerzlich spüren lassen. „Wenn Schäden an Deichen auftreten, dann steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit von Schäden im Hinterland“, sagt Inke Schauser vom Umweltbundesamt.

Deutschland müsse den Klimawandel schon jetzt mitdenken, sagt Rita Schwarzelühr-Sutter, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium. Alle – Bund, Kommunen, Privatleute. Hellere Straßenbelege, mehr Grünanlagen könnten Städte kühler machen, präventive Bauplanung Überschwemmungen vorbeugen.

Die Bundesregierung wird Anfang kommenden Jahres mit dem Fortschrittsbericht zur sogenannten Deutschen Anpassungsstrategie gegenüber dem Klimawandel ein umfassendes Maßnahmenpaket vorlegen.

Für diesen Aktionsplan ist die Verletzlichkeitsstudie die Grundlage.

Streitpunkte beim Klimagipfel

Beim Pariser Klimagipfel werden Vertreter aus 195 Staaten über den Kampf gegen die Erderwärmung beraten. Ziel ist die Verabschiedung eines Vertrags, der 2020 das Kyoto-Protokoll ablösen soll. Die Delegierten müssen eine Reihe von Streitpunkten ausräumen: Dazu zählt die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf unter zwei Grad Celsius. Auch über eine Vorgabe zur langfristigen Reduktion der Treibhausgase wird diskutiert. Ab 2020 wollten die Industriestaaten jährlich 100 Milliarden Dollar für Klimaschutz zur Verfügung zu stellen. Um die Zahl – oder deren Erhöhung – wird gerungen. Ebenso über den Umgang mit Umweltschäden, die durch Klimafolgen zu erwarten sind.

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