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Unterwasserlärm : Wie laut ist die Ostsee?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im Meer lärmt es mitunter wie in einer Disco. Wegen einer EU-Richtlinie hören Wissenschaftler jetzt genauer hin.

svz.de von
erstellt am 10.Apr.2016 | 09:00 Uhr

Wenn Rainer Matuschek eine Messkampagne mit Unterwassermikrofonen ausstattet, kauft er gerne ein paar mehr. Aus Erfahrung. „Schwund ist immer dabei“, versichert der Akustikexperte vom Oldenburger Institut für technische und angewandte Physik. Das war auch bei den Messungen so, die er 2014 für BIAS durchgeführt hat. Als er im Sommer draußen war, um Batterien zu wechseln, kam eines der Mikrofone nicht vom Grund hoch. „Die Stelle war stark mit Muscheln bewachsen“, erzählt Matuschek. „Das Mikrofon hat die Aufforderung, sich vom Grundanker zu lösen, zwar bestätigt. Die Muscheln waren aber wohl zu schwer für die Bergungsboje.“

BIAS ist das EU-Umweltprojekt Baltic Sea Information on the Acoustic Soundscape. Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Polen und Schweden haben sich hier zusammengetan, weil die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie der EU drängt. Sie verordnet Europas Meeren für 2020 einen guten Umweltzustand. Das gilt auch für den Unterwasserlärm. Im Meer ist es heute vielerorts so laut wie in der Disco. Ständig lärmen Schiffe, Bauarbeiten und aktive Schallortungsgeräte. Wale, Delfine, Robben und Seehunde sind besonders betroffen. Der Lärm erschwert es ihnen, sich zu orientieren, Nahrung zu finden oder zu kommunizieren. Extremer Krach kann bei ihnen sogar körperliche Schäden verursachen oder zum Tod führen.

2020 ist nicht mehr weit. Höchste Zeit also, die Lärmbelastung zu erfassen und Schutzmaßnahmen anzugehen. Peter Sigray hätte das gerne schon früher getan. Der Initiator und Koordinator von BIAS, der in Stockholm Unterwassertechnik lehrt, wollte eigentlich 2011 loslegen. „Wir mussten damals aber feststellen, dass es weltweit keine Normvorschriften gibt, wie Unterwasserlärm zu messen und zu bewerten ist“, erinnert sich Sigray. Er und seine Mitstreiter beantragten deshalb zunächst bei der EU die Finanzierung für ein Projekt, um die benötigten Normvorschriften zu entwickeln und erste Messungen durchzuführen. Mit Erfolg. Im September 2012 startete BIAS.

Inzwischen sind die Normvorschriften fertig. Bei einer gemeinsamen Messkampagne mit 38 in der Ostsee verteilten Unterwassermikrofonen wurden sie auch schon angewendet. Dass dabei einige Mikrofone und damit Messdaten verloren gegangen sind, sieht nicht nur Matuschek gelassen. „Die Datenmenge, die zusammengekommen ist, reicht satt, um alles zu machen, was wir uns vorgenommen haben“, versichert Sigray.

Zusammen mit Thomas Folegot hat BIAS jetzt auch erste Lärmkarten für die Ostsee berechnet. Der französische Wasserschallexperte hat ein Verfahren entwickelt, mit dem er den Unterwasserlärm ermitteln kann, ohne selbst messen zu müssen. „Was ich brauche, finde ich in Meereskarten, Wetterberichten und Schiffsverkehrsdaten“, bestätigt Folegot. Die Daten aus der Messkampagne sind trotzdem willkommen. Sie erlauben es ihm, seine Karten noch näher nach der Wirklichkeit zu zeichnen. „Wenn ich für konkrete Orte zeitgenaue Lärmwerte bekomme, kann ich das mathematische Modell für die Kartenberechnung besser an die echten Gegebenheiten anpassen“, erläutert Folegot.

Was die Lärmkarten zeigen, überrascht nicht: Wo die Schifffahrtswege dicht liegen, sind die Karten rot vor Lärm. Die Ostsee ist schließlich eines der meist befahrenen Meere in Europa. Zu jeder Tages- und Nachtzeit sind 2000 größere Schiffe unterwegs. Das hat die Ostsee-Umweltkommission Helcom bereits 2010 festgestellt. Eine Studie der Umweltschutzorganisation WWF kommt zu dem Schluss, dass es 2030 sogar doppelt so viele Schiffe sein werden.

Wenn BIAS 2016 endet, gilt das nicht für die Messungen. Beim Unterwasserlärm reicht eine einzelne Messkampagne nicht, um den Umweltzustand zu beurteilen. „Die EU verlangt, dass regelmäßig nachgemessen wird, wie sich die Lärmwerte entwickeln“, betont Sigray. „Das Urteil guter oder schlechter Umweltzustand hängt auch davon ab, ob der Lärm zu- oder abnimmt.“ Folegots Lärmkarten können die Messungen vorerst nicht ersetzen. „Da fehlt noch das Vertrauen“, meint Sigray. „Sie werden trotzdem weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Die Lärmbelastung eines größeren Gebiets ist nur mit ihnen zu beurteilen. Man kann nicht überall Mikrofone haben.“

Nach BIAS müssen die Ostseeanrainer selbst messen und die Messwerte in eine Datenbank der Helcom einspeisen. Die deutschen Messstellen beabsichtigt das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) zu übernehmen. Es ist seit Anfang an beim Projekt dabei und hat die Normvorschriften mit entwickelt. „Durch die Genehmigungsverfahren für Meereswindparks sind wir mit dieser Thematik besonders vertraut“, erklärt Maria Boethling. Die Ozeanographin betreut am BSH bei vielen Umweltprüfungen die Wasserschallmessungen. „Wir haben hier aufgrund selbst entwickelter Vorschriften umfangreiche praktische Erfahrungen und kennen auch die Vorstellungen der Bundes- und Landesbehörden, die sich mit Unterwasserlärm beschäftigen.“

Dass den Messungen schnell Lärmschutzmaßnahmen folgen, wie viele Umweltschützer hoffen, bezweifelt Boethling. „Es wird vermutlich noch länger dauern“, dämpft sie die Erwartungen. „Auch wenn irgendwann ausreichend Messungen vorliegen, wird man erst international darüber beraten müssen, ob überhaupt Maßnahmen nötig sind und wenn ja, welche. Umweltschutz auf dem Meer ist nur bei gemeinsamen Regelungen sinnvoll und wirksam. Es bringt nichts, wenn die deutschen Werften einseitig gezwungen werden, leisere Schiffe zu bauen oder die Schiffe nur in deutschen Gewässern langsam fahren müssen.“

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