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Elektronische Assistenten : „Wie geht es dir?“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wenn Sie am Steuer einen Herzanfall haben; wenn es an der Kreuzung gefährlich wird; wenn vor der Wohnungstür ein übler Kerl erscheint: Elektronische Assistenten erledigen das

svz.de von
erstellt am 19.Feb.2017 | 09:00 Uhr

Die Zahlen sind eindeutig: Deutschland entwickelt sich zu einer Seniorengesellschaft. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts wird 2020 knapp ein Drittel der Einwohner über 60 Jahre alt sein. Technik wird dann für viele Menschen zu einer wichtigen Hilfe, um möglichst lange ein unabhängiges Leben führen zu können. Mobilität, sprich das eigene Auto, ist für heutige Senioren selbstverständlich.

Schon jetzt ist jeder dritte Neuwagenkäufer über 60. Technik, die das Fahren erleichtert und sicherer macht, steht bei den „Silver Agern“ hoch im Kurs. Auf die Wünsche der meist gut situierten Zielgruppe stellt sich die Automobilindustrie mit ihren Innovationen ein. Kommt hier die Technik gut an, lässt sie sich anschließend für jedermann vermarkten. Der Autohersteller BMW entwickelt beispielsweise einen autonomen Nothaltassistenten, der beim Ausfall des Fahrers, etwa in einem medizinischen Notfall wie einem Herzinfarkt, das Auto von selbst sicher an den Fahrbahnrand steuert, und den Notruf automatisch betätigt. Für den automatisierten Fahrmodus ist das Fahrzeug mit Sensortechniken wie Lidar, Radar, Ultraschall und Kameraerfassung auf allen Fahrzeugseiten ausgerüstet. Leistungsstarke Prozessoren verarbeiten die riesigen Datenmengen in Sekundenbruchteilen und geben die richtigen Steuerungssignale an Lenkung, Gas- und Bremspedal.

Inzwischen testen Versuchsfahrzeuge die neue Technik auf der Autobahn von München nach Nürnberg in vielen Verkehrssituationen und bei Geschwindigkeiten bis zu 130 Stundenkilometer. Entwickelt wurde der Nothaltassistent im Rahmen des Projekts zu altersgerechten Assistenzsystemen „Smart Senior“, einer Initiative von 28 Partnern aus Forschung und Industrie. An ähnlichen Systemen arbeiten auch die meisten anderen Automobilhersteller. Kaum einer von ihnen hat noch nicht angekündigt, in wenigen Jahren ein selbstfahrendes Auto auf den Markt zu bringen.

Auch zu Hause wünschen sich ältere Menschen mehr Technik, die ihnen länger ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden ermöglicht. Voraussetzung: Die Systeme müssen zuverlässig und leicht zu bedienen sein, so eine wichtige Erkenntnis aus dem „Smart Senior“-Projekt. Dazu bedarf es einer einheitlichen Basis, von der aus der Nutzer die Anwendungen der unterschiedlichen Dienste im Blick hat und diese einfach steuern kann.

Da ein Fernsehgerät in jeder Seniorenwohnung vorhanden sein dürfte, entschied sich das Konsortium für speziell ausgerüstete TV-Geräte als kommunikatives Zentrum. Rund 200 ausgewählte Senioren über 55 Jahre konnten im sechswöchigen Test die Angebote auf dem Bildschirm mittels eines einfachen und übersichtlichen Menüs per Touchpad aufrufen und bedienen. Zusätzlich kamen Smartphone, Raumsensoren, Kamera, medizinische Messgeräte und eine intelligente Armbanduhr zum Einsatz.

Angeboten wurden insbesondere telemedizinische Dienste. Beispielsweise wurden Blutdruck-, Blutzuckermesswerte und EKG über eine sichere DSL-Verbindung zur Auswertung an das Telemedizinzentrum der Berliner Charité übertragen. Zudem konnten die Testteilnehmer sich die Messwerte auf ihrem TV-Gerät anzeigen lassen. Erprobt wurde auch eine Televisite, bei der der behandelnde Arzt per Videokonferenz zugeschaltet wurde und Behandlungstipps gab. Angeboten wurden zudem individuell angepasste Trainingsprogramme etwa zur Sturzvorbeugung und zur Schmerzbehandlung.

Während die Koordinatoren des inzwischen abgeschlossenen Forschungsprojektes eine durchweg positive Bilanz ziehen, bewerten andere die Erfolge des Versuchs zurückhaltend. Die Ergebnisse seien eher bescheiden, merkt das „Deutsche Ärzteblatt“ an. Aus Befragungsprotokollen gehe hervor, dass sich die Lebensqualität der Studienteilnehmer durch die Technologie nicht nachweislich verbessert habe. In dem von ihr veröffentlichen Abschlussbericht gibt die Forschungsinitiative zu: „Der echte Notfall blieb im Projekt außen vor: Es handelt sich um Prototypen, für die es noch keine erforderliche Zulassung gibt.“

Dass noch viel Arbeit vor den Forschern liegt, macht auch eine Marktstudie zu Anwendungen deutlich, die das Beratungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers Ende 2015 veröffentlicht hat. Darin werden die „fehlenden Übertragungsstandards und Schnittstellen“ sowie die „derzeit nur begrenzt attraktiven Anwendungsgebiete“ als Herausforderungen für die Technik benannt. Um dieser zum Durchbruch zu verhelfen, müssten die Angebote nutzerfreundlicher werden, heißt es in der Studie. Damit verschiedenartige elektronische Geräte und Sensoren miteinander kommunizieren können, werden sie derzeit noch über spezielle Steuergeräte, sogenannte Gateways, miteinander verbunden, welche die notwendige „Übersetzungsarbeit“ für den Datenaustausch leisten.

Während die Industrie noch an einer Übereinkunft für verbindliche Standards feilt, lässt sich vielerorts bereits ausprobieren, wie intelligente Technik das Leben im Alter erleichtert – zum Beispiel im Berliner Stadtteil Marzahn. Die Wohnung besteht aus Wohn-, Schlaf- und Badezimmer sowie Flur, Küche und WC und macht trotz ihrer hochmodernen Ausstattung gleich auf den ersten Blick einen behaglichen und einladenden Eindruck.

Die diversen technischen Lösungen präsentieren sich dezent und unauffällig, ohne dass dabei der Eindruck entsteht, es könnte sich um eine Behindertenausstattung handeln. Tatsächlich richten sich die Systeme nicht nur an Senioren, sie sollen allen Interessierten das Leben in der eigenen Wohnung erleichtern. „Alle dort installierten technischen Komponenten und Funktionen sind bereits auf dem Markt erhältlich“, betont die Initiative. Darunter ist ein elektrischer Kleiderlift, der Bekleidung platzsparend hoch oben in Schränken verstaut und auf Knopfdruck herunterfährt.

Herunterfahrbare Oberschränke in der Küche, ermöglichen es sogar Rollstuhlfahrern, das Geschirr ohne den in dem Fall buchstäblichen Aufstand zu entnehmen. Den Weg in Bad oder Küche des Nachts weist gedämpftes Licht aus beleuchteten Sockelleisten, die über Funksensoren oder Bewegungsmelder gesteuert werden. Mithilfe solcher Sensoren an den Heizkörpern „erlernt“ die Heizung das Verhalten des Bewohners in den einzelnen Räumen und passt über selbst regulierende Ventile die Raumtemperatur an. So wird jedes Zimmer nur dann auf die bevorzugte Temperatur gebracht, wenn es auch benutzt wird.

Auch in anderen Städten gibt es ähnliche Demonstrationsprojekte. In Braunschweig etwa zeigt das Informatik- und Technologiezentrum der dortigen Technischen Universität eine kleine Modellwohnung in der intelligente und vernetzte Elektronik beinahe jeden Schritt der Bewohner erfasst und überwacht. Sensoren, die am Körper getragen werden, reagieren bei einem Sturz und alarmieren festgelegte Bezugspersonen oder den Pflegedienst. Bewegungsmelder registrieren, wenn die Wohnung verlassen wird, verriegeln Türen und Fenster automatisch und stellen den versehentlich angelassenen Herd ab.

Wirklich hilfreich wäre ein System, das Notlagen, etwa den Sturz eines Bewohners, zuverlässig erkennt und dann selbsttätig Hilfe herbeiruft, etwa durch einen abgesetzten Notruf per Telefon oder Internet. Forscher am Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) sind von der Machbarkeit überzeugt.

Mit Partnern aus der Industrie entwickeln sie das System Safe@home. Dazu werden Sensorboxen, so groß wie eine Pralinenschachtel, in jedem Raum der Wohnung aufgestellt. Das Mobilitätserkennungssystem arbeitet mit optischen und akustischen Sensoren, die Position und Lage einer Person sowie ihre Bewegung innerhalb eines Raumes ermitteln. Anhand der Daten lassen sich Stürze und Reglosigkeit ableiten, wenn das System eine Zeit lang keine Bewegungen mehr erkennt. Es reagiert auch auf Hilferufe.

Um jedoch Fehlalarme zu vermeiden, fragt das System zunächst den Bewohner nach seinem Befinden. Nur wenn dieser nicht antwortet, dass es ihm gut geht, wird eine Notfallmeldung an beauftragte Personen oder Dienste gesendet. IPA-Forscher Marius Pflüger betont, dass die Privatsphäre gewahrt bleibe: „Alle Daten werden direkt im Sensor ausgewertet, also weder gespeichert noch übertragen“. Gleichwohl setzten sich die Wissenschaftler intensiv mit der Frage auseinander, ob die Systeme für mehr Sicherheit und Komfort von den Senioren nicht vielleicht doch als unerwünschte Überwachung wahrgenommen werden könnten.

Die Nutzung von Kontrolltechnik in Seniorenwohnungen oder Pflegeheimen sei nicht unproblematisch – stellte eine Studie von Wissenschaftlern der Hochschule Esslingen fest. Ethische und rechtliche Konsequenzen müssten noch genauer bedacht werden.

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