Terror in Manchester : „Wie etwas aus einem Kriegsfilm“

Helfer bemühen sich im Foyer der Manchester Arena in Manchester um Verletzte.
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Helfer bemühen sich im Foyer der Manchester Arena in Manchester um Verletzte.

Selbstmordbomber tötet auf einem Popkonzert im englischen Manchester Kinder, Jugendliche und ihre Eltern. Fieberhafte Suche nach Helfern

svz.de von
23. Mai 2017, 21:00 Uhr

Der Abend fand ein schreckliches Ende. Die amerikanische Sängerin Ariana Grande hatte gerade die letzte Zugabe ihres Konzertes in der „Manchester Arena“ gegeben. Sie verließ die Bühne. Das Licht im Saal ging an. Die ersten Besucher hatten sich da schon auf den Weg nach draußen gemacht. Es war kurz nach halb zehn Uhr, als die Bombe hochging. Im Eingangsfoyer der Arena sprengte sich ein Selbstmordattentäter in die Luft. Er riss 22 Menschen mit in den Tod, darunter viele Kinder. 59 weitere Konzertbesucher wurden verletzt.

Großbritannien hat der schlimmste Terroranschlag seit zwölf Jahren heimgesucht. Und er traf vornehmlich Kinder, Teenager und die sie begleitenden Eltern, denn Ariana Grande hat eine sehr junge Fangemeinde. Das Popkonzert in Manchester war ausverkauft – in der Arena, einem der größten Veranstaltungshäuser Europas, hatten sich etwa 18 000 Besucher eingefunden. Nach dem Anschlag twittert die Sängerin: „Aus der Tiefe meines Herzens, es tut mir so, so leid. Ich habe keine Worte.“

Augenzeugen erzählen von einem totalen Chaos nach der Explosion. Der selbstgebaute Sprengsatz, gefüllt mit Schrauben und Muttern, hatte zu fürchterlichen Verletzungen geführt. Im Eingangsbereich lagen „20 bis 30 Menschen am Boden“, berichtet Andy Holey, der dem Anschlag mit knapper Not entkam. „Ich kann nicht sagen, ob sie alle tot waren. Sie waren blutüberströmt und ernsthaft verletzt. Es war wie etwas aus einem Kriegsfilm.“ Andy hatte im Foyer auf seine Frau und Tochter gewartet, als ihn die Explosion zu Boden riss. Zum Glück konnte er seine Familie finden, der nichts geschehen war.

In der Arena und dem angeschlossenen Bahnhof „Victoria Station“ herrscht das Grauen. Kreischende Kids und Teenager rennen in Panik hinaus. Entsetzte Eltern, die ihre Kinder abholen wollen, drängen in die Halle, um nach ihnen zu suchen. Wenige Minuten nach dem Anschlag treffen die ersten Ambulanzen und Polizeiwagen ein. Hubschrauber kreisen in der Luft, blaues Blinklicht blitzt, und der Lärm von Einsatzhörnern ist ohrenbetäubend. 60 Krankenwagen werden es schließlich sein, die sich um die Verletzten kümmern und Opfer in sechs umliegende Krankenhäuser bringen. Die „Victoria Station“ wird geschlossen, die Polizei riegelt die Umgebung ab. Die Menschen wissen nicht, wie sie nach Hause oder zurück ins Hotel kommen sollen.

 

In dieser Situation erlebt Manchester eine Welle der Hilfsbereitschaft. Taxifahrer aus Liverpool treffen ein und bieten eine kostenlose Heimfahrt an. Der Polizei, den Sanitätern und den Sicherheitskräften wird von Bürgern heißer Tee gebracht und Snacks. Privatpersonen fahren in die Innenstadt, um ihre Chauffeurdienste jedem anzubieten, der sie braucht. Ärzte, die sich auf einem Kongress in Manchester befinden, wollen helfen. Hotels öffnen ihre Türen und versprechen kostenlose Zimmer. Auch auf den sozialen Medien formiert sich schnell eine Solidaritätsaktion. Bei Twitter gibt es den Hashtag „#RoomForManchester“, auf der z. B. James Plowright schreibt: „Jeder, der irgendwo unterkommen muss nach dem Zwischenfall heute Abend in Manchester soll sich melden, habe Gästezimmer & Teekessel.“

Eine Crowdfunding-Initiative auf der Internetseite „Just Giving“ konnte innerhalb von zwei Stunden mehr als 23 000 Pfund für die Opfer einsammeln.

Noch in der Nacht rief Premierministerin Theresa May den Oppositionsführer Jeremy Corbyn an und vereinbarte, dass der gerade laufende Wahlkampf für die vorgezogenen Unterhauswahlen am 8. Juni fürs erste ausgesetzt wird.

Theresa May trat vor die Tür von Downing Street Nummer Zehn, dem Regierungssitz, und wendete sich an die Nation. Die Bürger von Manchester, sagte sie, seien Opfer einer gefühllosen Terrorattacke geworden, die „wehrlose junge Leute“ ins Visier genommen hätte. Sie verdammte die „entsetzliche, widerliche Feigheit“ der Tat. „Der Geist von Manchester, der Geist von Großbritannien", so May, ist niemals gebrochen worden und wird niemals brechen. Der Terror wird nicht triumphieren. Unsere Werte werden immer siegen.“

Gestern Nachmittag kann die Polizei eine erste Festnahme im Zusammenhang mit dem Anschlag melden. Ein 23-jähriger Mann sei in Chorlton, einem Vorort von Manchester verhaftet worden. Die Terrormiliz IS hat die Verantwortung für das Selbstmordattentat übernommen. Die Sicherheitskräften arbeiten fieberhaft, um mögliche Helfer und Mitwisser zu identifizieren. Man weiß, dass es sich bei dem Täter nicht um einen sogenannten „einsamen Wolf“, also einen Einzeltäter ohne Komplizen, handeln kann. Dafür ist der Anschlag zu gut geplant und vorbereitet worden. „Es ist möglich“, meinte der ehemalige Chef der Nationalen Antiterror-Behörde, Chris Phillips, „dass es einen weiteren Anschlag geben könnte. Es ist unwahrscheinlich, dass nur ein Sprengsatz gebaut wurde. Meine Sorge ist, dass diese Person nicht allein gehandelt hat und dass es andere gibt, die jetzt gefangen werden müssen.“

Metropolen im Fadenkreuz

  • Stockholm, April 2017: Ein gekaperter Lastwagen rast in einer Einkaufsstraße erst in eine Menschenmenge und dann in ein Kaufhaus. Fünf Menschen werden getötet. Noch am selben Tag nimmt die Polizei einen 39-jährigen Usbeken fest.
  • London, März 2017: Ein Attentäter steuert ein Auto  in Fußgänger auf einer Brücke im Zentrum Londons und ersticht anschließend einen Polizisten. Von den Opfern auf der Brücke erliegen vier ihren Verletzungen. Sicherheitskräfte erschießen den Täter.
  • Berlin, Dezember 2016: Kurz vor Weihnachten wird die Hauptstadt zum Ziel eines Terroranschlags. Zwölf Menschen kommen um, als ein Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) einen gekaperten Lkw in einen Weihnachtsmarkt steuert. Wenige Tage später wird der 24 Jahre alte Tunesier bei einer Polizeikontrolle nahe Mailand erschossen.
  • Nizza, Juli 2016: Ein Attentäter rast mit einem Lastwagen auf dem Strandboulevard in eine Menschenmenge. Mindestens 86 Menschen sterben.
  • Brüssel, März 2016: Mit mehreren Bomben töten islamistische Attentäter am Flughafen der belgischen Hauptstadt und in einer Metrostation 32 Menschen.
  • Istanbul, Januar 2016: Ein Selbstmordattentäter des IS zündet im Zentrum mitten in einer Reisegruppe eine Bombe und reißt zwölf Deutsche mit in den Tod.
  • Paris, November 2015: Bei einer Anschlagsserie am Stade de France, mehreren Restaurants und dem Musikklub „Bataclan“ töten IS-Anhänger 130 Menschen
Kommentar von Tobias Schmidt: Nächste Stufe der Barbarei

Ein Anschlag, bei dem gezielt Jugendliche und Kinder getroffen und aus dem    Leben gerissen worden sind: Was für grausame, zynische Absichten stecken hinter dem Terror von Manchester! Der Täter hat die Schwächsten und Verletzlichsten attackiert und damit ins Herz der Gesellschaft getroffen. Nach Paris, Nizza, Brüssel und Berlin haben die Terroristen die nächste Stufe der Barbarei erreicht. Die britischen Geheimdienste werden sich schwere Vorwürfe vorhalten lassen müssen. Dass islamistische Terrornetzwerke Jugendliche im Visier haben, ist seit Osama bin Laden bekannt.

Der Brexit erscheint vor dem Hintergrund des jüngsten Anschlages umso tragischer. Im Angesicht des internationalen Terrorismus müssten die Europäer eigentlich zusammenrücken, sich geschlossen dem gemeinsamen Feind entgegenstellen. Stattdessen löst sich die Insel aus der EU-Familie, setzt auf den Alleingang. Die Bluttat von Manchester sollte auch als Mahnung für Deutschland verstanden werden. Auch hierzulande kann der Terror jederzeit wieder zuschlagen.

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