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Spendenaktion : Wie eine neue Mundharmonika eine alte Liebe rettet

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Als Herta Müller aus Osnabrück für ihren dementen Mann eine neue Mundharmonika kaufen will, reicht das Geld nicht. Eine Studentin organisiert spontan eine Spendenaktion und rettet so nicht weniger als eine alte Liebe.

svz.de von
erstellt am 27.Jul.2017 | 12:00 Uhr

Irgendwann im Leben geht immer etwas zu Bruch. Als Heinrich Müllers 20 Jahre alte Mundharmonika zu Boden fällt und in ihre Einzelteile zerspringt, ist das für seine Frau Herta ein trauriger Moment (Namen geändert). Nicht nur, weil das Instrument kaputt ist, sondern weil in diesem Moment etwas geht, was nicht gehen soll. „Mein Mann ist schwer dement „, erzählt die 81-Jährige. „Er erkennt mich nicht immer, sitzt oft abwesend im Pflegeheim.“ Die Mundharmonika ist eine ihrer letzten Verbindungen. Manchmal spielt er los, einfach so, aus der Erinnerung. „Es gibt nichts Schöneres“, sagt Herta über die Momente, in denen er mit „Kein schöner Land“ und „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen“ plötzlich wieder bei ihr ist.

Das schönste Donnerwetter

Im vergangenen Jahr haben sie Diamantene Hochzeit gefeiert. „Heinrich, schau mich mal an“, habe sie zu ihrem Mann gesagt. „Wir sind jetzt 60 Jahre verheiratet. 60 Jahre Du und ich.“ Keine Reaktion. „Heinrich! 60 Jahre!“ Am liebsten hätte sie ihn geschüttelt. Er habe sie angeblickt, lange pausiert, um dann nur ein Wort zu sagen: „Donnerwetter.“ Kein Donnerwetter in 60 Ehejahren hat sie zuvor so glücklich machen können. „Wir mussten uns trennen“, sagt Herta mit gepresster Stimme und meint damit ihre räumliche Trennung - sie in einer Seniorenwohnung, er in der Pflege. „Die Wäsche ist das einzige, was ich noch für ihn machen kann.“ Sie pflegen ein stilles Abkommen. Sie bringt ihm Wäsche, er gibt ihr Töne.

Unbezahlbar: Heinrichs Hohner

Ohne Mundharmonika fehlt mehr als die gemeinsame Melodie. An einem heißen Tag dieses Jahres nimmt Herta Müller deshalb den Bus in die Stadt, um im Musikgeschäft Rohlfing eine neue, große Echo-Mundharmonika von Hohner zu kaufen. Genau Heinrichs Modell möchte sie, damit ihr dementer Mann das Instrument auch wiedererkennt. 60 oder 70 Euro wird so eine Mundharmonika heutzutage kosten, hatte Herta Müller sich überlegt. Im Musikgeschäft packt sie ihre Trümmer der „Echo Harp“ auf den Tresen und fragt nach. Ja, genau Heinrichs Modell gebe es noch. Aber nicht für 70 Euro. Nicht? Für 164 Euro. Wie gelähmt nimmt Herta Müller die Zahlen zur Kenntnis. Die Rente ist klein, das Pflegeheim teuer. „Das kann ich nicht bezahlen“, habe sie noch gemurmelt und sei gegangen – in Tränen aufgelöst, ernüchtert, vor allem: ohne neue Mundharmonika.

„Da müssen wir doch was machen“

Auch bei den Rohlfing-Mitarbeitern – nicht nur bei Albert Kloos am Verkaufstresen, auch bei Max Tammen und Lena Baltes an den Bildschirm-Plätzen dahinter – verhallt dieser traurige Abgang nicht einfach. „Die alte Dame hat uns sehr, sehr leid getan“, erinnert sich Max Tammen. „Wir konnten gar nicht weiterarbeiten“, sagt Lena, Studentin der Alterswissenschaften (Gerontologie) und Aushilfe bei Rohlfing. Ein beklemmender Moment ist es, der vermuten lässt, dass sich das Glück hier und jetzt für 164 Euro kaufen ließe. Lena will nichts unversucht lassen: „Wenn ich die alte Dame jetzt noch erwische, dann kriegen wir das irgendwie hin mit der Mundharmonika.“ Sie läuft ihr nach. Am Neumarkt holt die 28-Jährige Herta Müller mitten im Gewühl der schwitzenden Menschen und röhrenden Motoren ein. „Ich versuche, ihnen zu helfen“, habe sie ihr versprochen und sich Hertas Namen und Nummer notiert.

<p>Lena Baltes (vorne, Mitte) hatte die Idee, die anderen haben geholfen, sie umzusetzen: Insgesamt 19 Leute, darunter (von links) Verena Steenken, Max Tammen, Albert Kloos und Anna Tigges, haben gespendet, damit ein altes Ehepaar aus Osnabrück sich eine Mundharmonika leisten kann. </p>

Lena Baltes (vorne, Mitte) hatte die Idee, die anderen haben geholfen, sie umzusetzen: Insgesamt 19 Leute, darunter (von links) Verena Steenken, Max Tammen, Albert Kloos und Anna Tigges, haben gespendet, damit ein altes Ehepaar aus Osnabrück sich eine Mundharmonika leisten kann.

Foto: Michael Gründel
 

Spendenaktion per Whatsapp

Während Herta Müller zuhause in ihrer Wohnung noch grübelt, ob es nun klug war, einer fremden Frau ihre Daten zu geben, weil man ja so viel Schlechtes lese – „hier ein Enkeltrick, da eine Gaunerei“ – startet Lena bereits eine kleine Sammlung für den guten Ton. Rohlfing ist in diesem Fall bereit, die Mundharmonika zum Einkaufspreis rauszugeben, die Mitarbeiter sind die ersten Spender. In zwei Whatsapp-Gruppen von Gerontologie-Studenten aus Vechta schildert Lena das Erlebte vom Musiktresen: „Die Frau hat angefangen zu weinen und ich hab direkt mal mitgeweint. Wusste in der Situation nicht, was ich so schnell tun kann“, ist ein Satz, den sie in den Gruppen-Chat schreibt. Und weiter: „Ich weiß, keiner hat Kohle, aber vielleicht wollt ihr mithelfen? So 5 Euro?“ Um 13.14 Uhr setzt sie diese Frage ab, im Minutentakt hagelt es Reaktionen wie „Bin dabei“, „Ich mach mit“ oder „von mir 10 Euro“. 19 Leute beteiligen sich insgesamt. Um 15.37 Uhr hat Lena das Geld für eine neue Mundharmonika fast zusammen und bereits eine Karte für Herta geschrieben. Nur 20 Euro fehlen noch. Spendenaktion im Highspeed-Verfahren.

Übergabe im Seniorenheim

Bei Herta Müller klingelt das Telefon. „Wenn Sie selbst 20 Euro dazu geben, dann können wir die Mundharmonika kaufen“, berichtet Lena stolz. Kein Enkeltrick, sondern Soforthilfe mit Selbstbeteiligung. Herta Müller weiß nicht, ob sie weinen oder lachen soll und macht gleich beides. „Wenn das unsere Jugend ist, dann muss sich niemand mehr vor der Zukunft fürchten“, sagt sie. „Ich empfinde sehr große Dankbarkeit und Respekt.“ Lena und Herta verabreden sich zur Übergabe an Heinrichs Pflegeheim. „Ab 16 Uhr warte ich in der Sonne, egal, wie lange es dauert“, bestimmt Herta. Sie wartet – und das nicht vergebens. Lena kommt. „Ich möchte, dass sie meinem Mann die Mundharmonika selbst geben“, bittet Herta und warnt vor: „Ich weiß nicht, was uns dort heute erwartet.“ Es gibt diese vielen dunklen Tage und manchmal einen hellen.

<p>Die alte Mundharmonika und der frische Gruß der Spender: Herta Müller, die ihren richtigen Namen aus Angst vor Neidern nicht öffentlich genannt wissen möchte, hat sich sehr über den Einsatz der Studenten gefreut. </p>

Die alte Mundharmonika und der frische Gruß der Spender: Herta Müller, die ihren richtigen Namen aus Angst vor Neidern nicht öffentlich genannt wissen möchte, hat sich sehr über den Einsatz der Studenten gefreut.

Foto: Michael Gründel
 

Erprobter Dreiklang

Herta begrüßt Heinrich und stellt ihm Lena vor: „Diese junge Frau hat dafür gesorgt, dass Du eine neue Mundharmonika bekommst.“ Heinrich habe Lena angelächelt. Minimal. „Junge Damen lächelt er grundsätzlich ganz gerne an“, weiß Herta. „Er ist 84. Er darf das.“ Er habe die Mundharmonika an diesem Tag halten können, angesetzt und gespielt. An die Melodie kann sich niemand erinnern. „Ich konnte mich nur noch umdrehen und heulen“, erzählt Herta. „Das sind die Momente, in denen man merkt: Da sitzt noch Leben drin.“ Ein großes Stück Heinrich hat ihr Lena mit der Mundharmonika zurückgebracht. Die Studentin darf diesen Moment mit dem Smartphone für die Spender im Gruppenchat festhalten. Heinrich und Herta und Hohner – ein neuer, alter Dreiklang, der nachhallt.

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