zur Navigation springen

Nach Schmähgedicht und Anzeige : Wie ein „Interview“ mit Jan Böhmermann für Aufsehen sorgt

vom

Kai Diekmann veröffentlicht ein angebliches Inteview mit Jan Böhmermann. Über die Echtheit herrschte einige Zeit Unklarheit. Der deutsche Anwalt von Erdogan will gegen den ZDF-Satiriker alle Rechtsmittel ausschöpfen.

svz.de von
erstellt am 13.Apr.2016 | 12:56 Uhr

Offene Worte von dem ZDF-Moderator Jan Böhmermann - denkt man zunächst, wenn man das angebliche Interview mit Kai Diekmann liest: Dort hatte sich nach den jüngsten Zuspitzungen in einem Interview zu den Folgen seines Schmähgedichts über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geäußert. Er stand Kai Diekmann von der „Bild“-Zeitung Rede und Antwort. Diekmann veröffentlichte das Interview auf seinem Facebook-Profil. Der Springer-Verlag hat die Authentizität des Gesprächs auf dpa-Anfrage zunächst am Mittwochvormittag weder dementiert noch bestätigt.

Der Verlag teilte später zu Diekmanns Aktion per E-Mail mit: „Kai Diekmann hat eben einen Kommentar zu seinem Facebookpost heute Morgen getwittert.https://twitter.com/KaiDiekmann/status/720166818355261440. Wir haben darüber hinaus nichts hinzuzufügen.“

Ein weiterer Hinweis auf ein Fake-Interviews ist die Homepage der Bild-Zeitung. Dort fehlt ein Artikel mit dem Interview-Text.

Ein Gedicht als politischer Zündstoff: Mit seinem Schmähgedicht wollte Satiriker Jan Böhmermann den Unterschied zwischen (erlaubter) Satire und (illegaler) Schmähkritik aufzeigen.  Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat den ZDF-Moderator angezeigt. Böhmermann hat seine nächste Sendung abgesagt und steht unter Polizeischutz.

Kernpunkte des vermeintlichen Interviews: Böhmermann sagt, dass er seinen Job gemacht habe und sich für nichts schämen müsste. Nach der Absage der Grimmepreis-Verleihung und der nächsten Sendung sei ihm nicht der Spaß an seiner Arbeit vergangen. Für ihn stehe der Schutz seiner Familie im Vordergrund. „Die Anfeindungen gehen über alles hinaus, was ich mir je hätte vorstellen können.“

Gleichzeitig zeigt Böhmermann sich von seinem Arbeitgeber, dem ZDF, enttäuscht. „Ich werde meine Familie nicht einer solchen Situation aussetzen, solange das ZDF sich nicht deutlich zu mir und zur Freiheit der Satire bekennt."

Auf die Frage, ob seine Satire das Schicksal der Flüchtlinge gefährde, hat Böhmermann klare Worte: „Das lasse ich mir nicht vorwerfen. Wenn Herr Erdogan mit menschlichen Schicksalen spielt, weil er sich in seinem Stolz gekränkt fühlt, sollte man ihn dafür verantwortlich machen, nicht mich. Man muss auch mal einen Klöten-Witz machen dürfen, ohne dass gleich die Messer gezückt werden, um mal ein Bild aus dem Kulturkreis zu verwenden."

Ebenso eindeutig ist die Antwort auf die Frage nach einer möglichen Entschuldigung bei Erdogan. „Klares nein.“

„Die Entschuldigung ist der Tod der Satire.“

Bei der Antwort auf die Frage, ob er mit dem jetzigen Wissen etwas anders machen würde, kommt der Satiriker wieder zum Vorschein: „Ich hätte Schafe genommen, nicht Ziegen. Schafficker. Holpert zwar etwas, aber für Schafe haben die Menschen mehr Sympathie."

Das Interview zum Nachlesen:

Die Reaktionen auf das Fake-Interview lesen Sie hier.

Der deutsche Anwalt des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan will mit seinem Mandanten bis in die letzte Instanz gegen das „Schmähkritik“-Gedicht des ZDF-Satirikers Jan Böhmermann vorgehen. „Wenn ich das Mandat annehme, ziehe ich das auch durch“, sagte Hubertus von Sprenger am Dienstagabend im ZDF-„heute journal“. „Der Präsident verspricht sich die Bestrafung des Betroffenen und verspricht sich auch, dass der in Zukunft das nicht wiederholt, was er gesagt hat, auf zivilrechtlicher Ebene.“

Nach Anzeigen gegen Böhmermann und Verantwortliche des ZDF ermittelt die Mainzer Staatsanwaltschaft. Die Bundesregierung prüft außerdem einen förmlichen Wunsch der Türkei nach einer Strafverfolgung Böhmermanns wegen der Beleidigung eines Staatsoberhaupts.

Erdogan hat auch persönlich Anzeige gegen Böhmermann erstattet. Von Sprenger sagte zu dem zivilrechtlichen Schritt Erdogans, dass der Moderator eine Strafe bekommen solle, „die erforderlich ist, ihn auf den rechten Weg zurückzubringen, Satire zu machen und nicht mehr plumpe Beleidigungen“.

Angesichts der Vorwürfe gegen Böhmermann betonte die Chefin der Länder-Rundfunkkommission, Malu Dreyer (SPD), die Bedeutung der Meinungsfreiheit. „Die Freiheit der Presse, der Meinung und der Kunst in unserem Land ist ein hohes Gut“, teilte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin der Deutschen Presse-Agentur mit. „Es ist von unserem Grundgesetz geschützt und nicht verhandelbar.“

Der frühere Präsident des Verfassungsgerichtshofs Nordrhein-Westfalen, Michael Bertrams, warnte im „Kölner Stadt-Anzeiger“ die Bundesregierung davor, die deutsche Justiz zu einer Strafverfolgung zu ermächtigen. „Sie würde damit nicht nur Jan Böhmermann, sondern gleichsam die Meinungs- und Kunstfreiheit an einen Autokraten und Despoten ausliefern, der bürgerliche Freiheiten im eigenen Land auf gröbste Weise missachtet.“

Bertrams sieht Böhmermanns Beitrag durch die vom Grundgesetz garantierte Meinungs- und Kunstfreiheit gedeckt. Er räumte aber ein, dass diese Position „auf der Kippe“ stehe. Es werde „mit Sicherheit“ Richter geben, die Böhmermanns Text als strafbar einstuften.

Der inzwischen für Böhmermann angeordnete Polizeischutz stößt beim Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, auf Verständnis: „Man muss leider davon ausgehen, dass es gerade in diesem Konflikt mit diesem unglaublichen Hype den ein oder anderen Eiferer gibt, von dem möglicherweise Gefahren ausgehen“, sagte Wendt der Deutschen Presse-Agentur. Die Anordnung von Polizeischutz, der für Betroffene ein Einschnitt ins Privatleben sei, werde in einer Gefährdungsanalyse geprüft, erklärte Wendt.

Unterstützung für Böhmermann kommt aus der SPD. Parteivize Thorsten Schäfer-Gümbel rät der Bundesregierung, die türkische Forderung nach einer Strafverfolgung von Jan Böhmermann abzuschmettern. „Das Verhalten der türkischen Regierung wirkt inzwischen selbst wie eine Satire. Wir sollten den unsinnigen Anschuldigungen nicht folgen“, sagte Schäfer-Gümbel am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Presse- und Kunstfreiheit seien keine Frage des Geschmacks, sondern ein unveräußerliches Grundrecht. „Satire ist ein Teil der politischen Kultur unseres Landes und ein Teil des politischen Lebens in offenen Gesellschaften. Das gilt es zu verteidigen.“

Am Dienstag war auch bekanntgeworden, dass die Produktionsfirma btf GmbH und Jan Böhmermann in Abstimmung mit dem ZDF entschieden haben, die für Donnerstag geplante nächste Ausgabe des „Neo Magazin Royale“ nicht zu produzieren. Grund sei die breite Berichterstattung und der damit verbundene Fokus auf die Sendung und den Moderator.

Chronik der Causa Böhmermann:

 

31. März Gedicht in „Neo Magazin Royale“ In seiner Sendung trägt Jan Böhmermann das als „Schmähgedicht“ betitelte Gedicht gegen Erdogan vor. Dabei kündigte er es audrücklich mit den Worten an, dass so etwas in Deutschland nicht erlaubt sei.
1. April Reaktion des ZDF Die Verantwortlichen nehmen die betreffende Sendung aus der Mediathek. Das Gedicht entspreche nicht den Standards für Satire.
4. April Reaktion von Angela Merkel In einem Telefonat mit dem türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu bezeichnet die Bundeskanzlerin das Gedicht als „bewusst verletzend“ und distanziert sich von Böhmermann.
10. April Reaktion der Türkei Am Sonntag macht die türkische Regierung in einer Verbalnote an das Auswärtige Amt deutlich, dass sie eine Strafverfolgung Böhmermanns in Deutschland erwarte. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen, die Bundesregierung muss prüfen, wie sie mit dem Gesuch der türkischen Regierung umgehen soll.
11. April Bundesregierung, Erdogan, Staatsanwaltschaft, ZDF Die Bundesregierung prüft nun den förmlichen Wunsch der Türkei nach Strafverfolgung. Dies werde ein paar Tage, aber nicht Wochen dauern, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Erdogan stellte am Montagabend Strafantrag wegen Beleidigung, teilte die Staatsanwaltschaft Mainz mit, die wegen mehrerer Anzeigen gegen Böhmermann und ZDF-Verantwortliche ermittelt. Das ZDF hält sowohl an dem Moderator als auch seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ fest, bestätigte ein Sprecher des Senders.
13. April Erdogan, Erdogans Anwalt Der deutsche Anwalt des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogankündigt an, mit seinem Mandanten bis in die letzte Instanz gegen das „Schmähkritik“-Gedicht des ZDF-Satirikers Jan Böhmermann vorgehen zu wollen.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen