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Alltagssprache gedeutet : Wie die Sprache uns verrät

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Ausdrucksweise ist ein Indiz für die Art und Weise, wie die Sprechenden denken

svz.de von
erstellt am 12.Dez.2015 | 09:00 Uhr

Neulich rief ein Freund an, um sich zu verabreden. Bald war ein Nachmittag gefunden, an dem ein Treffen möglich war. Sein Kommentar dazu: „Das sieht doch gar nicht schlecht aus.“ Wie bitte? Warum sollte der Termin „gar nicht schlecht“ aussehen ‒ und stattdessen nicht einfach gut? Fast jeder kennt solche merkwürdigen Kommentare. Schmeckt uns etwas, das wir erstmals kosten, besser als erwartet, sagen wir häufig: „Gar nicht übel!“ Freilich könnten wir, ohne zu übertreiben, auch einfach urteilen: „Das schmeckt recht gut!“ oder: „Das ist besser als ich dachte.“

Gar nicht dumm ist nicht klug

Die Aussage, ein Kind sei „gar nicht dumm“, wenn es etwas überwiegend gut gemacht hat, soll freundlich klingen, doch bei dem so beurteilten Kind droht vor allem das abwertende Wörtchen „dumm“ hängen zu bleiben. Zudem klingt das sonderbare Lob ganz so, als habe der Beurteilende zunächst angenommen, das Kind werde sich ungeschickt verhalten oder scheitern, sonst müsste er dieses Vorurteil nachträglich ja nicht revidieren oder abschwächen. Viel löblicher wäre es hingegen anzumerken: „Das Kind kann etwas.“

Auch uns selbst behandeln wir sprachlich nicht immer gut, etwa dann, wenn andere unsere Arbeit anerkennen. Das hört sich dann – nach dem Lob „Ihr Käsekuchen ist wirklich toll geworden!“ – zum Beispiel so an: „Na ja, ich habe ihn schon mal besser hinbekommen.“ Warum so selbstkritisch, statt sich zu freuen über die aufmunternden Worte? Dann klänge die Reaktion vielleicht so: „Es freut mich, dass der Kuchen Ihnen gut schmeckt; ich mag ihn auch sehr gerne.“ Das wäre eine selbstbewusste Reaktion – und so etwas lässt sich einüben.

Die Vergangenheit redet mit

„Die individuelle Ausdrucksweise eines Menschen steht in direktem Zusammenhang mit tiefen Prägungen und mit seiner Lebensgeschichte“, befindet die Sprachwissenschaftlerin Mechthild von Scheurl-Defersdorf in ihrem Ratgeber „In der Sprache liegt die Kraft“. Mit jedem Wort seien „individuelle Erinnerungen und Gefühle“ in einem Menschen abgespeichert. „Diese schwingen bei allen Äußerungen mit und können die ursprüngliche beabsichtigte Botschaft verändern und belasten.“

Es kann erhellend sein, solchen Sprachmustern auf die Schliche zu kommen, weil in ihnen ein Schatz an Informationen über das eigene Denken und Wahrnehmen der Welt verborgen liegen kann. Nach Ansicht der Freiburger Kognitionswissenschaftlerin Evelyn Ferstl könnte es im Rahmen von Psychotherapien oder beruflich motivierten Coachings hilfreich sein, sich bestimmte, immer wiederkehrende Ausdrucksweisen bewusst zu machen und sich zu fragen, von wem und warum man sie übernommen hat.

Ein solches Muster ist die Sprachmarotte, immer „schnell noch“ einen Brief zur Post zu bringen oder „schnell mal eben“ zehn Kopien machen zu gehen. Um den selbstverschärften Druck noch zu steigern, gehen sich solche Zeitgenossen nicht einfach schnell noch einen Kaffee kochen – oh nein. Sie „müssen“ das zusätzlich tun. Das klingt dann so: „Kannst du rasch warten, ich muss mir nur schnell noch einen Kaffee holen, bevor ich zur Bahn muss.“ Alles müssen solche Menschen, und zwar schnell. „Indem sie diese beiden Wörter oft sagen und auch oft fühlen, schaffen sie sich ihre Welt und erhalten sie täglich aufrecht“, urteilt Mechthild von Scheurl-Defersdorf. Auch auf Freunde, Kollegen oder Geschäftspartner wirkt es nicht souverän und selbstbewusst, wenn ein Mensch ständig den Eindruck vermittelt, sich „schnell nochmal“ Stress bereiten zu müssen? Die Trainerin für bewusstes Sprechen erkennt in solchen Wendungen die „Sprache der Gehetzten und Eiligen“.

Für Evelyn Ferstl können solche Redeweisen darauf hindeuten, „dass der betreffende Mensch sich unter Druck fühlt“, zum Beispiel durch strenge Vorschriften seines Gewissens, das maßgeblich durch die Eltern und andere wichtige Bezugspersonen geprägt worden sein kann. Im nächsten Schritt könnten solche Ausdrucksweisen dann überdacht und durch Übungen bewusst geändert werden, um selbstverursachten Druck zu mindern und mit einer veränderten Sprechweise auch souveräner auf Zuhörer zu wirken.

Ein Werkzeug, um das Denken zu verändern

Auch wenn nicht alle Sprach- und Kommunikationswissenschaftler das so sehen: Für die Freiburger Professorin ist die Sprache „ein Werkzeug, um das eigene Denken zu verändern“. Es gebe „ganz viele eindeutige Studien, die zeigen, dass die Sprache das Denken durchaus beeinflusst“. Ein Beispiel dafür sei, dass Menschen in der Regel an einen männlichen Arzt und einen männlichen Patienten dächten, wenn sie den Satz hören: „Der Arzt operiert den Patienten.“ Entsprechend irritiert sind sie und brauchen kurze Zeit zum Umdenken, „wenn sich herausstellt, dass von weiblichen Personen die Rede ist“ – und zwar obwohl ihnen seit Langem bekannt ist, dass ein so benannter „Patient“ oder „Arzt“ natürlich auch eine Frau sein kann.

„Unsere Denkweise prägt die Art, wie wir sprechen, aber der Einfluss wirkt auch in der Gegenrichtung“, urteilt die US-amerikanische Kognitionswissenschaftlerin Lera Boroditsky von der Universität San Diego in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“. Nachweislich dächten zum Beispiel zweisprachig aufgewachsene Menschen jeweils anders, je nachdem in welcher ihrer beiden Sprachen sie sich geistig bewegten.

Da auch die aktuelle Gefühlslage unser Denken und Handeln beeinflusst, ist der Versuch sinnvoll, durch die Wortwahl Menschen positiver zu stimmen. Der bereits erwähnte Satz „Das war gar nicht dumm!“ wirkt anders als die Variante „Das war ziemlich schlau von dir!“ Man kann sich durch die Wortwahl aber „auch selbst ein wenig in positive oder negative Stimmung versetzen“, sagt Evelyn Ferstl.

Wer zum Beispiel immer sagt: „Ich muss für morgen noch Mathe lernen“, erinnert sich an eine ungeliebte Tätigkeit. Anders klingt die Variante: „Ich will noch Mathe lernen, damit ich dieses Jahr eine bessere Note auf dem Zeugnis bekomme.“ Auch müssen wir freitags nicht einkaufen gehen, schon gar nicht immer schnell, sondern wollen es vielleicht schon deshalb erledigen, weil wir am Wochenende gerne Gäste bewirten.

Das Lernen oder die Mühe des Einkaufs wird so mit einem positiven Ziel verbunden, das man durch eigenes Zutun auch erreichen kann. Man wird vom Opfer der Umstände zum Mitgestalter seines Lebens – wenn auch freilich nicht, indem man bloß ein- oder zweimal etwas selbstmotivierender formuliert oder einen Sprachratgeber liest. Die Ich-muss-Sätze begleiten viele Menschen schließlich schon ein Leben lang.

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