Erfindung : Wie der Kugelschreiber die Welt eroberte

adobestock_174194598
1 von 2

Vor 75 Jahren bekam László József Bíró das Patent für einen Kugelschreiber, der dem Kuli, den wir heute kennen, schon recht nahe kam.

von
26. Mai 2018, 16:00 Uhr

Von der Erfindung des Kugelschreibers handelt ein Witz: „Die NASA hat 1 Million US-Dollar ausgegeben, um ein Schreibgerät für Astronauten zu entwickeln, dass auch in der Schwerelosigkeit fehlerfrei funktioniert und erfand so den Kugelschreiber. Die Russen nahmen ganz einfach Bleistifte.“

Zwar gibt es in der Tat einen „Space Pen“ genannten speziellen Astronautenkugelschreiber, aber selbst der wurde nicht von der NASA entwickelt, vom normalen Kugelschreiber einmal ganz zu schweigen. Das Patent für den Kuli, den wir heute kennen, ist vielmehr auf den Ungarn László József Bíró ausgestellt, der am 29. September 1899 in Budapest geboren und am 24. November 1985 in Buenos Aires verstorben ist.

Anfang des 20. Jahrhunderts trat der Sohn eines erfinderischen Zahnarztes in die Fußstapfen seines Vaters, zwar nicht als Mediziner, das Studium brach er kurzerhand ab, nein, als Erfinder. Damals war das Schreiben keine wahre Freude, auch wenn Friedrich Nietzsche da ganz anderer Meinung war: „Wenn nun plötzlich all die kleinen Pausen wegfallen, zum Eintauchen der Feder, zum Nachfüllen des Halters und zum Ablöschen der Tinte, wann um Himmels Willen soll man dann noch Ideen entwickeln?“

Nicht jeder wusste das wie Nietzsche zu schätzen. Der gesamte Vorgang des Schreibens war relativ zeitaufwändig, die Feder kleckste, die Tinte verschmierte schnell, und zum Trocknen des Ganzen musste Löschsand, später auch Löschpapier verwendet werden. László József Bíró hatte da eine ganz andere Idee, wie das Schreiben in der Zukunft aussehen könnte. Allerdings war er nicht der einzige. Gleich eine ganze Reihe von Erfindern machte sich damals daran, das Schreiben zu revolutionieren.

So gibt es eine Vielzahl von Patenten, die den Weg des modernen Kugelschreiber begleitet haben. Der Amerikaner John Loud etwa erhielt am 30. Oktober 1888 das Patent für einen Stift, der mit kleinen Stahlkugeln arbeitete, um damit auf Leder schreiben zu können.

Kuli nannte sich dann schon in den 1920er Jahren der Tintenkuli des Deutschen Wilhelm Riepe, der allerdings keinesfalls mit einer Kugel an der Spitze ausgerüstet war. Der Wortbestandteil Kuli in Tintenkuli deutete somit auch nicht auf eine Kugel hin, sondern vielmehr auf den dienstbaren Geist, den Kuli eben, der einem die Arbeit erleichtern oder besser noch ganz abnehmen soll.

László József Bíró war es, der als erster ein wirklich praxistaugliches Modell mit einer Kugel vorlegte, die die Tinte auch in gewünschter Weise auf dem Papier verteilte. Das war allerdings nicht nur dem Stift selbst zu verdanken, sondern auch der verwendeten Tinte. Bíró erkannte nämlich, dass der Tinte eine überaus entscheidende Rolle zukam, und die traditionellen Tinten viel zu flüssig für seine Erfindung waren. In Anlehnung an die Druckfarbe, die im Tageszeitungsdruck Verwendung fand, entwickelte er eine ganz neue Art von Tinte, die auf einem Ölgemisch basierte, und somit zähflüssiger und schnelltrocknender als die herkömmlichen Tinten für Schreibgeräte war.

1938 erhielt er in Ungarn das Patent für seinen neuen Kugelschreiber, auch wenn dieser noch lange nicht perfekt war. Am 31. Dezember 1938 ging László József Bíró mit seiner Familie nach Paris und später nach Argentinien, wo er die Rezeptur seiner Tinte und auch den Stift noch weiter verbessern konnte. So erhielt er am 10. Juni 1943 ein Patent für einen Kugelschreiber, der dem Kuli, den wir heute kennen, schon recht nahe kam.

Dennoch bliebt der ganze große Durchbruch anderen vorbehalten. So erkannte der Brite Henry George Martin die Vorteile des neuen unkomplizierten Schreibers als einer der ersten und verkaufte in einem einzigen Jahr ganze 30 000 Kugelschreiber an die britische Royal Air Force. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich gleich mehrere Unternehmer daran, Kugelschreiber in größeren Stückzahlen zu produzieren und auf dem Markt anzubieten – allerdings nicht immer mit der Genehmigung des Patentinhabers.

Der Chicagoer Geschäftsmann Milton Reynolds war einer von ihnen. Er stieß gleich nach Kriegsende in Buenos Aires zufällig auf das neue Schreibgerät und brachte es schon am 29. Oktober 1945 als „Reynolds Rocket“ auf den US-Markt. Es dauert nur wenige Tage, da hatte er so schon die ersten 100 000 US-Dollar verdient. Der Erfolg währte allerdings nicht lange, denn schon bald musste er etliche Schreiber aufgrund von Qualitätsproblemen zurückrufen. 1951 war Reynolds dann auch schon wieder pleite.

Ein Problem gab es nämlich immer noch: Der Kuli kleckste noch viel zu sehr. Das Klecksen gewöhnte ihm erst der französische Baron Marcel Bich ab, der die Patentrechte an Bírós Erfindung erwarb. Der Baron hatte aber noch eine weitere Idee, die dem Kugelschreiber schließlich den endgültigen Durchbruch auf dem modernen Massenmarkt bringen sollte: die Verwendung von Plastik. Als Plastikeinwegkugelschreiber trat der Kuli 1950 dann seinen weltweiten Siegeszug an. In den 1960er und 1970er Jahren verdrängte er den Füllfederhalter fast vollständig vom Massenmarkt und zwar auf der ganzen Welt.

Nun blieb für den Kuli nur noch das Weltall zu erobern. Aber auch das schaffte er Ende der 1960er Jahre. In der Tat konnten die Astronauten nämlich ein Schreibgerät gut gebrauchen, dass auch kopfüber schrieb oder auf fettigen Oberflächen, vielleicht sogar unter Wasser. Der Trick, den die damaligen Konstrukteure – die übrigens keineswegs von der NASA beauftragt waren – anwendeten, war die Tinte in der Mine unter Druck zu setzen, dann ließ sich nämlich mit dem Kugelschreiber auch unter widrigsten Bedingungen schreiben. Seit 1969 ist dieser spezielle Astronautenkugelschreiber, der Space Pen, den die NASA selbstverständlich gerne willkommen hieß, auf allen Missionen mit an Bord. Inzwischen verwenden ihn auch andere Raumfahrtorganisationen und so ist der Kugelschreiber heute sogar im Weltall zu Hause.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen