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Weihnachten : Wie der Christbaum nach Amerika kam

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

...und wie Amerika nach Mecklenburg kam / Die Geschichte einer ungewöhnlichen Familie

In der englischen Kolonie in Nordamerika meutern die Kolonisten. Als wieder einmal ein Schiff aus England mit einer Fracht Tee nach Boston kommt, werfen als Indianer verkleidete Kolonisten die Teekisten in den Hafen. Dies Ereignis geht als Boston Tea Party in die Geschichte ein; es ist der Beginn des Unabhängigkeitskrieges (1775-1783), in dem die Vereinigten Staaten von Amerika entstehen.

Der König von Großbritannien und Irland Georg III., zugleich Kurfürst von Hannover und Herzog von Braunschweig-Lüneburg, schickt Truppen nach Nordamerika, Truppen aus Großbritannien, aber auch aus deutschen Landen, die dort angeworben und von ihren Landesherren an den englischen König verkauft worden sind. Das bekannteste Beispiel sind die Hessen. Auch im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel hat man die Werbetrommel gerührt.

Dieses Truppenkontingent, kommandiert von dem aus dem hessischen Lauterbach stammenden Generalmajor Friedrich Adolf Riedesel Freiherr zu Eisenbach verlässt Wolfenbüttel Ende Februar 1776 und segelt von Portsmouth nach Quebec im heutigen Kanada, wo die Truppen Anfang Juni landen.

General Riedesel ist verheiratet. Mit seiner Frau Friederike hat er zwei Töchter. Friederike ist, wie damals in Soldatenfamilien üblich, bereit, ihren Mann mit den Kindern in den Einsatz zu begleiten. Da sie jedoch schwanger ist, folgt sie ihm nach der Geburt. Am 14. Mai 1776 reist sie mit den Töchtern Auguste (4), Friederike (2) und Caroline (10 Wochen) und Dienstboten von Wolfenbüttel ab, zunächst nach London. Dort ist sie auch bei Hofe geladen, wo sich die Königin Sophie Charlotte geb. Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz mit ihr unterhält. Schließlich schifft sich Friederike mit ihrer Entourage nach Kanada ein und segelt am 16. April 1777 ab. Am 11. Juni erreicht sie Quebec, wenige Tage später ist die Familie vereint.

Nun beginnt die Zeit häufiger Ortswechsel der Familie als Folge der Kampfhandlungen. Friederike lässt sich eine Kalesche bauen, in der sie mit ihren Kindern und zwei Mägden ihrem Mann folgt. Immer wieder gibt es Kämpfe, die in der Schlacht von Saratoga gipfeln und mit der Kapitulation der britischen Truppen am 17. Oktober 1777 enden. Auch General Riedesel geht mit seinen Truppen in Gefangenschaft, was aber nicht bedeutet, dass die Familie an einem Ort bleibt. Schließlich landet sie in New York, wo Friederike am 7. März 1780 ihre vierte Tochter Amerika zur Welt bringt. Im Juli 1781 zieht die Familie nach Kanada. Dort baut Friederike Riedesel, um ihrer Familie und den Offizieren eine Freude zu machen, am 24. Dezember einen mit Lichtern und Früchten geschmückten Weihnachtsbaum auf. Sicher hatten deutsche Siedler diesen Brauch aus der Heimat schon praktiziert, aber dieser Baum gilt als der erste bekannt gewordene Christbaum in Nordamerika.

Im August 1783 kehren die braunschweigischen Truppen nach Europa zurück, auch die Familie Riedesel. Sie lässt in Canada das Grab der fünften Tochter zurück, die kurz nach der Geburt verstorben ist.

Viele Jahre später, nachdem Graf von Reuß-Köstritz die alten Briefe und Papiere seiner Schwiegereltern gefunden hat, überredet er Friederike, ihre Erlebnisse aufzuschreiben. Sie werden um 1800 veröffentlicht und 1989 von Wolfgang Griep unter dem Titel „Mit dem Mut einer Frau“ neu herausgegeben.

Doch wie kommt Amerika nach Mecklenburg? Amerika, die vierte Riedesel-Tochter, verbringt Kindheit und Jugend in Braunschweig und Berlin. Dort lernt sie Ernst Graf von Bernstorff kennen, der damals noch im preußischen diplomatischen Dienst steht. Die beiden heiraten 1801 und leben ab 1802 im nordwestmecklenburgischen Wedendorf und Berlin.

Als Ernst das Herrenhaus Wedendorf 1806/1807 ausbaut und erweitert, wohnen sie auf Bernstorf. Amerika, die als liebenswürdig beschrieben wird, und Ernst haben vier Kinder. Ernst stirbt 1840. Der Sohn Arthur und seine Mutter kommen in Kontakt mit dem Begründer der Inneren Mission und Gründer des Rauhen Hauses in Hamburg, Johann Hinrich Wichern. 1842 ist Wichern in Wedendorf und bekommt dort Unterstützung für seine Tätigkeit. In Wedendorf hängt bald auch in der Vorweihnachtszeit eine Erfindung Wicherns, an der man an der Anzahl der Kerzen – 20 kleine rote und vier große weiße auf einem Wagenrad – erkennen kann, wie viele Tage es noch bis Weihnachten sind – der Vorläufer unseres Adventskranzes.

Amerika stirbt am 17. Mai 1856 in Wedendorf und ist auf dem Kirchhof von Kirch Grambow begraben.

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