Bruce-Springsteen im Spiegel der Stasi-Akten : Wie der „Boss“ die DDR rockte

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Vor 30 Jahren spielte Bruce Springsteen in Ost-Berlin. So erlebte die Staatssicherheit das Mega-Konzert.

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19. Juli 2018, 11:45 Uhr

Das Gelände um die Radrennbahn in Berlin-Weißensee befand sich am 19. Juli 1988, einem Dienstag, in einem absoluten Ausnahmezustand. Massen von Jugendlichen und Junggebliebenen aus allen Teilen der DDR strömten auf das riesige Wiesenareal. Woodstock-Feeling kam auf. Die An- und Abreise der Musikfans sorgte für ein riesiges Verkehrschaos auf den Straßen und Bahnhöfen in Ost-Berlin. Die Nachricht, dass der in aller Welt bekannte Rock-Star Bruce Springsteen aus den USA beim von der sozialistischen Massenorganisation „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) organisierten „5. Berliner Rocksommer“ erstmalig in der DDR auftreten werde, sorgte bei Musikfans im Sommer 1988 in der dahinsiechenden Republik für große Freude und Abwechslung im ansonsten meist tristen Alltag.

Konzert als Unterstützung für „Nikaragua“

Im typischen Politphrasenstil hatte die „Junge Welt“, damals größte Tageszeitung in der DDR und Zentralorgan der „Freien Deutschen Jugend“, vorher vermeldet: „Am 19. Juli begehen unsere Freunde in Nikaragua den 9. Jahrestag der sandinistischen Revolution. Wir freuen uns, dass der US-amerikanische Sänger Bruce Springsteen sich bereit erklärt hat, an diesem Tag für die Jugend der DDR ein Konzert zu geben.“

Auch wenn der aus einfachen Verhältnissen stammende Springsteen damit von den FDJ-Spitzenfunktionären offiziell als Held der amerikanischen Arbeiterklasse verkauft werden sollte, hatten sich er und sein Management jegliche politische Instrumentalisierung und Vereinnahmung entschieden verbeten. Wollten die DDR-Mächtigen mit diesem Konzert tatsächlich etwa Glasnost und Perestroika à la Gorbatschow zelebrieren oder steckte was anderes dahinter?

Rufe „Mauer muss weg“ bei Konzert von Pink Floyd

Das SED-Zentralkomitee und die Apparatschiks der sozialistischen Jugendorganisation FDJ zeigten sich schon lange verärgert über die zahlreichen Musikkonzerte auf der großen Wiese vor dem Reichstag in West-Berlin. Denn viele DDR-Jugendliche versuchten dann immer in unmittelbarer Nähe zum Brandenburger Tor sowie der Grenzmauer, wenigstens akustisch – wie zum Beispiel auch im Juni 1988 bei den Konzerten von Pink Floyd sowie Michael Jackson – etwas mitzubekommen. Rufe „die Mauer muss weg“ und Rangeleien mit Stasi-Bütteln in Zivil und Vopos, die die Jugendlichen teilweise mit Schlagstöcken brutal vertrieben, waren dann keine Seltenheit, was zudem zahlreiche Festnahmen durch die „DDR-Sicherheitsorgane“ nach sich zog. Diese Unruhen passten der DDR-Führung samt Grenztruppen und der Stasi überhaupt nicht.

Deshalb organisierte die FDJ ab 1987 in Ost-Berlin eigene große Musik-Open-Air-Konzerte mit britischen und amerikanischen Topstars. Die kleinkarierten SED-Kulturfunktionäre hatten zähneknirschend längst einsehen müssen, dass sie die einst sogenannte „dekadente Musik der Imperialisten“ und die Einflüsse westlicher Kulturen der Ostjugend nicht weiter vorenthalten konnten. Die Sehnsucht, absolute Spitzen-Musiker und -Bands einmal live erleben zu können, die man sonst nur aus dem Westfernsehen und gelegentlich auch dem DDR-Radio kannte, ist verständlicherweise in einer nach außen hin abgeschotteten Diktatur wie der DDR, wohl um ein Vielfaches größer gewesen als im Westen, wo die Weltstars regelmäßig die Bühnen rockten.

Stasi-Bericht: 1500 Agitatoren zum Konzert eingesetzt

Doch der Auftritt von Bruce Springsteen mit seiner großen E-Street-Band am 19. Juli 1988 in Berlin-Weißensee sprengte dennoch alles bislang Dagewesene. Deshalb war auch der DDR-Geheimdienst intensiv in die Vorbereitungen und „Absicherungen“ eingebunden. Laut einem als „streng geheim“ eingestuften Bericht der Hauptabteilung XX der Stasi-Zentrale Berlin vom 7. Juli 1988 zum Stand der Vorbereitungen, sollten allein 20 000 Eintrittskarten „an die Partner des Zusammenwirkens – FDJ-Kreisleitungen in Berlin und Sicherheitsorgane“ verteilt werden. Zusätzlich sollte „jede FDJ-Bezirksleitung“ in der DDR jeweils 1000 Karten erhalten. „Unter der Leitung des Zentralrates der FDJ werden zum Konzert 500 Agitatoren eingesetzt. Zusätzlich dazu kommen durch die FDJ-Kreisorganisation im Ministerium für Staatssicherheit weitere 1000 Agitatoren zum Einsatz.“

Das Mega-Event hätte wohl nur noch Petrus verhindern können, wie die Stasi ebenfalls notierte: „Bei einer Unterbrechung des Konzertes durch Gewitter mit einer Maximaldauer von 30 Minuten wird das Konzert fortgesetzt. Wird dieses Zeitlimit überschritten, wird das Konzert abgebrochen.“ Der Generaldirektor der „Künstler-Agentur der DDR“, Hermann Falk, hatte laut Stasi-Dokumenten die Sicherheitsorgane „um bevorzugte, höfliche, rasche und zollfreie Abfertigung für Bruce Springsteen, die Musiker und die Crew“ bei deren Einreise gebeten. Ein Ticket des von der FDJ propagierten „Friedenskonzertes für Nikaragua“ kostete 19,95 DDR-Mark plus fünf Pfennig Kulturabgabe.

FDJ war nach den Konzerten 1988 restlos pleite

Wie der Musikwissenschaftler Michael Rauhut in seinem Buch „Schalmei und Lederjacke“ schrieb, war die FDJ nach den triumphalen Auftritten von Springsteen, Cocker & Co. im Jahr 1988 „restlos pleite“. Trotz der nicht unerheblichen Einnahmen – die Tickets kosteten zehn bis zwanzig Mark – sei ein Defizit von 1,7 Millionen DDR-Mark verbucht worden. Dieser Minusbetrag wurde durch den staatlichen Spezialfonds „Konto junger Sozialisten“ wieder ausgeglichen. Und das, obgleich wie Rauhut recherchierte, Springsteen, dessen DDR-Konzert maßgeblich auf eigene Initiative zurückging, sich mit Landeswährung zufriedenstellen ließ. „Laut Kalkulation waren eine Million Mark Veranstaltungshonorar plus 340 000 Mark für die Fernsehrechte zu zahlen.“

Ticket-Schwarzmarkt blühte – über 250.000 Fans kamen

Obwohl die FDJ ein Großteil der Karten vorab unter linientreuen SED-Junggenossen absetzte, drängten auch viele echte Springsteen-Fans auf das Gelände. Auch diejenigen, die keine Karte mehr erstehen konnten, ließen sich von den Einlasskräften der FDJ-Blauhemdtruppen nicht wirklich beeindrucken und aufhalten. Der Schwarzmarkt für Tickets blühte. Etliche Fans sprangen über die Zäune oder drückten zu Konzertbeginn die Ordner an die Seite. Das Chaos blieb dennoch friedlich. Auch die Vopos und Stasi-Mitarbeiter griffen kaum ein.

Während die SED-Zeitungen von offiziell 160.000 Zuschauern berichteten, waren es in Wirklichkeit weit mehr als 250.000 auf dem Rennbahngelände, darunter auch Westberliner. Einige Fans waren mutig und offenbar völlig schwindelfrei auf Bäume oder rumstehende Masten geklettert, um das Spektakel auf der riesigen Stahlrohr-Bühne gut verfolgen zu können. Selbst außerhalb des Areals standen noch viele „Ohrenzeugen“. Ein riesiges „Tunnel of Love“-Plakat, der Titel von Springsteens 1987er-Album, prangte über der Bühne. Die gleichnamige Tournee umfasste über 100 Konzerte weltweit, aber das in Ost-Berlin war auch für Springsteen selbst, wie er später sagte, das bis dato größte.

Es schien, als reichte das Meer an Menschen bis zum Horizont, selbst gemalte US-Fahnen, Spruchbänder und Plakate wurden geschwenkt: Das hatte es zuvor in diesen Dimensionen im von greisen Politikern geführten Arbeiter- und Bauernstaat DDR noch nicht gegeben. Der Stasi waren vor allem die selbst gemachten US-Fahnen ein Dorn im Auge – laut DDR-Diktion ein verhasstes Symbol des „imperialistischen Klassenfeindes“. Kreative Bastler sollen dafür teilweise roten Fahnenstoff und weiße Bettlaken zweckentfremdet haben; die Sterne wurden oft mit Kartoffeldruck aufgebracht. In den Analyseberichten der Stasi finden die Fahnen Marke Eigenbau Erwähnung – von Eingriffen der „Sicherheitsorgane“ gegen die Flaggenträger am Konzerttag ist indes nichts bekannt.

Zehntausende DDR-Fans sangen „Born in the USA“ mit

Und so fieberten alle weitgehend ungestört dem Moment entgegen, als der „Boss“ endlich seine DDR-Fans mit den Worten: „Nice to be in East-Berlin!“ begrüßte. Mit seiner legendären E-Street-Band spielte Springsteen in einer knapp vierstündigen Mammutshow von 19 bis gegen 23 Uhr bei gutem Wetter seine Welthits von „The River“, „The Promised Land“, „War“ bis zum alles andere als patriotisch gemeinten „Born in the USA“. Es herrschte Euphorie pur, als gefühlt weit über 100 000 Menschen (die Stasi-Schlapphüte, Vopos und FDJ-Funktionäre ausgenommen) den Topsong „Born in the USA“ lautstark und inbrünstig mitsangen. Die Konzert-Atmosphäre war einzigartig, Zigtausende tanzten und sangen begeistert mit, darunter auch so manche „Blau-Meise“ von der FDJ.

Anfängliche Akustikprobleme – die Lautsprecheranlagen reichten kaum aus für diese gewaltige Menschenmasse – konnten die Tontechniker teilweise noch minimieren. Drei große Videowände übertrugen das Bühnengeschehen für die hinteren Reihen. Für tosenden Jubel sorgte Springsteen mit seiner Ansage in deutscher Sprache: „Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung hier, sondern um Rock’n’Roll zu spielen. Ich hoffe, dass eines Tages alle Barrieren fallen!“ Er hatte die Mauer damit gemeint.

Stasi-Akten: Die Sicherheit des Genossen Egon Krenz war gewährleistet

In Stasi-Akten, die den Ablauf des Konzertes beschreiben, ist auch vermerkt, dass Honeckers Stellvertreter Egon Krenz auf der Heimfahrt aus der SED-Zentrale von Berlin-Mitte in die Bonzensiedlung in Wandlitz in Weißensee kurz vorbeischaute: „Das Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED, Genosse Egon Krenz, weilte in der Zeit von 20.10 bis 20.33 Uhr auf dem Veranstaltungsgelände. Während dieser Zeit war die Sicherheit des Genossen Krenz ständig gewährleistet.“ Von soviel ehrlicher Sympathie, wie sie Springsteen von seinen DDR-Fans entgegengebracht wurde, hatte der bei vielen unbeliebte SED-Hardliner Krenz wohl sein ganzes Leben vergeblich geträumt.

Das Präsidium der Volkspolizei Berlin vermerkte nach der Veranstaltung, dass rund um den Veranstaltungsort „etwa 50 000 Autos geparkt wurden“ und dass „aus den Bezirken der Republik 50000 bis 60000 Personen angereist waren“. In den Lageberichten der Stasi ist noch weiter zu lesen: „Weitere Gäste des Konzertes waren Vertreter der Botschaften aus Nikaragua und der USA.“ Durch den Veranstalter wurden „74 ausländische Korrespondenten und Techniker akkreditiert. Darunter 5 Fernsehstationen aus der BRD und Berlin (West): ARD, ZDF, SAT 1, Eurica und SFB/TV.“ Von ihnen seien „keine Störungen ausgegangen“.

Bilanz: 800 kollabierte Personen – 110 wegen Alkohol

Die Sanitäter des Deutschen Roten Kreuzes hatten auch eine Menge zu tun, das stundenlange Stehen und das zumindest visuelle Rendezvous mit ihrem Rock-Idol, sorgte nicht nur bei den Damen für Ohnmachtsanfälle und Kreislaufprobleme. Die Stasi bilanzierte „800 kollabierte  Personen, darunter ca. 110 wegen Alkohol“. „Im Bereich des Haupteingangs wurde ein 26-jähriger Konzertteilnehmer verletzt (Schädelhirntrauma). Insgesamt wurde 1763 Mal medizinische Hilfe geleistet, davon mussten 19 Personen stationär behandelt werden.“

Unter anderem mit „Born to Run“, „Hungry Heart“ und „Bobby Jean“ folgten weitere Song-Highlights und mit „Twist and Shout“/„Having a Party“ ging ein ganz besonderer Tag der Rockgeschichte zu Ende. Das Konzert wurde zeitversetzt und zensiert im zweiten Programm des DDR-Fernsehens und beim Jugendradiosender DT 64 übertragen. Nach dem Konzert schrieb Springsteen einen Gruß auf, der am 21. Juli 1988 in der FDJ-Zeitung „Junge Welt“ veröffentlicht wurde: „Danke für eine fantastische Nacht in Ost-Berlin. Wir werden uns immer daran erinnern! PS: Hoffe, euch bald wiederzusehen“, lautete die deutsche Übersetzung.

Nur ein Jahr später, im Sommer 1989 hatte ein Großteil der Menschen in der DDR die Nase von all den Bevormundungen und politischen Restriktionen endgültig voll. Sie besetzten die bundesdeutschen Botschaften in Budapest, Prag und Warschau, flüchteten über Ungarn nach Österreich, demonstrierten in Leipzig, Plauen, Berlin, Jena und andernorts, bis alle „Barrieren“ hinweggefegt waren und die Mauer tatsächlich fiel. 

Nach dem Mauerfall gastierte Springsteen mit seiner E-Street-Band mehrfach im wiedervereinigten Berlin. Zuletzt bei seiner „The River Tour “ am 19. Juni 2016 im Olympiastadion. Und immer waren Fans dabei, die Pappschilder hochhielten, worauf zu lesen war: „Danke für 1988“.

Zahlreiche derer, die den einzigartigen Gig Springsteens in der DDR live erlebten, schwelgen auch 30 Jahre später in seligen Erinnerungen.

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