Santiano : Wetterfest und gut bei Stimme

<p>Kaltes Wasser? Kein Problem! Axel Stosberg lässt sich nichts anmerken, während Redakteur Joachim Pohl die Blitzlicht-Stative hält.</p>

Kaltes Wasser? Kein Problem! Axel Stosberg lässt sich nichts anmerken, während Redakteur Joachim Pohl die Blitzlicht-Stative hält.

Lieder von Sturm und See: Mit Santiano-Sänger Axel Stosberg bei Ostwind und Juni-Regen am Strand

svz.de von
18. Juni 2016, 08:00 Uhr

Bei Santiano ist die vorherrschende Windrichtung West, und zwar meist in Sturmstärke. Es gibt auch die brennende Sonne, nämlich dann, wenn Flaute ist und die Fässer leer sind. Vor allem die mit Rum. Aber meistens tost ein Sturm durch die Lieder auf den drei Alben der ungemein erfolgreichen Seemannsrocker aus Norddeutschland. Ist es wirklich nur Zufall, dass an diesem Morgen – nach gefühlt wochenlangem Hochsommer in Mai und Juni – plötzlich Santiano-Wetter ist? Es nieselt beständig, und dazu weht ein passabler Wind aus Ost, der für eine ganz ansehnliche Brandung am Strand sorgt.

Da kommt Axel Stosberg um die Ecke, in Jeans und Softshell-Jacke, freundlich und offen, so wie man ihn kennt. Eigentlich wollten wir am Strand wandern und uns dabei übers Wetter unterhalten. Doch wir entscheiden uns, das Gespräch nach innen zu verlegen und es hier draußen beim Fototermin zu belassen. Als der Fotograf den wetterfesten Santiano-Sänger ins Wasser bittet, zögert der nicht lange: Schuhe aus, Socken aus, Jeans hochkrempeln, und rein in die Förde. Trotz hochgekrempelter Hose wird selbige schon nach kurzer Zeit nass, weil Axel Stosberg Wind und Wellen etwas unterschätzt hat. Macht nichts, trocknet wieder.

Wind und etwas Regen machen ihm auch im Sommer nichts aus, sagt der 48-Jährige. Schon gar nicht im Urlaub: „Dann ziehe ich das Passende an, und dann geht’s raus an den Strand, und hinterher mache ich im Ferienhaus den Kamin an.“ Seit Jahren fährt er mit seiner Familie an die dänische Westküste bei Blåvand: „Ich mag das Wilde, Unbeherrschte, fast schon Archaische der Nordsee lieber, obwohl ich an der Ostsee aufgewachsen bin.“

Der Sommer macht heute Pause. Keine Menschenseele ist am Strand zu sehen, die Strandkörbe sind alle verschlossen, aus einem baumelt ein nasses Handtuch, das jemand vergessen hat. Das leihen wir uns aus, um uns Füße und Waden abzutrocknen. Trotzdem müssen die Füße mit einer dünnen feuchten Sandschicht in die Schuhe. Seine gute Laune lässt sich der Sänger von dem gewöhnungsbedürftigen Frühsommerwetter nicht verderben. Es gehe ihm ausgesprochen gut, räumt er freimütig ein. Mit „Santiano“ segelt er nun schon im fünften Jahr auf einer beispiellosen Erfolgswelle. Vor den nächsten Konzerten hat er Zeit für die Familie, erst Mitte Juli geht es wieder los. Erstmals spielen die Norddeutschen auf der Berliner Waldbühne, wo man mit 18  000 Besuchern rechne. Im September beschließe man wieder die Störtebeker-Festspiele auf der Freilichtbühne Ralswiek auf Rügen; das erste Konzert ist bereits ausverkauft, für das zweite ist der Vorverkauf angelaufen. Nach wie vor füllen die Seemannsrocker große Hallen bundesweit, verkaufen sich die Alben gut. CD Nr. 4 ist für den Herbst des nächsten Jahres geplant.

Aber wir wollen übers Wetter reden. Und man muss Axel nicht lange bitten oder ihn gar drängen: Ganz schnell ist er mit seinen Gedanken und Worten beim Extremwetter, das immer häufiger die Schlagzeilen bestimmt. Schlammlawinen, die sich durch süddeutsche Dörfer wälzen. Tote, Verletzte. Aber auch 30 Grad schon im April. Dafür kein richtiger Winter mehr, höchstens Schneematsch. „Im Prinzip können wir froh sein, dass wir überhaupt noch Wetter haben“, zitiert er Reinhard Mey. „Als ich Kind war, war es im Juli immer heiß.“ Mit anderen Worten: Man konnte sich auf das Wetter verlassen, das sei heute nicht mehr der Fall.

Er macht kein Hehl aus seiner Überzeugung, dass diese Wetterkapriolen zumindest ein Vorbote des Klimawandels sind. Wenn er dann höre, dass ein Kraftwerksunternehmen mitteile, man benötige für die Umstellung auf klimafreundliche Filteranlagen 30 Jahren, dann schwille ihm der Kamm. „Ich kann und will das nicht mehr hören“, echauffiert er sich und muss sich im kleinen Café am Marktplatz regelrecht zusammenreißen, um nicht laut zu werden.

Mit seinen Bandkollegen singt der geborene Flensburger von sturmfesten Seebären, die auf den Weltmeeren unterwegs sind und den Elementen trotzen. Als Küstenkind geht er auch gern aufs Wasser, besitzt selbst aber kein Boot. „Ich denke, ich bin eine ganz gute rechte oder linke Hand des Skippers“, sagt er, „ich bin noch nie von Bord gejagt oder kielgeholt worden.“

Im Grund sei er ein recht heimischer Typ. Lieblingsort bei 27 Grad im Schatten, Sonne und Windstille? „Unser Garten, mit je einem Becken für die Kinder und den Hund, dazu unsere Gartendusche.“ Und bei 5 Grad, Sturm und Regen? „Unser Wohnzimmer, der Platz am Kamin. Der bleibt bei so einem Wetter tagelang heiß.“ Wenn er auf Tournee ist und dann schon mal sechs oder sieben Wochen am Stück weg von zu Hause ist, plagen ihn „das Heimweh und die Sehnsucht nach den Kindern“.

Von seinem Lütten hat er auch etwas über das Wetter gelernt. Der Kleine besucht den Waldkindergarten – „der schönste Wald hier im Norden“ – und geht Morgen für Morgen mit den anderen Kindern raus, im Sommer wie im Winter. Natürlich wird er dem jeweiligen Wetter entsprechend angezogen. Das färbt auf den Papa ab. „Das altbekannte Klischee stimmt eben doch: Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur die falsche Bekleidung.“

Das hat er auch schon bei eigenen Konzerten erlebt. „Beim Open-Air in der Kalkberg-Arena von Bad Segeberg hat es zweieinhalb Stunden geregnet. Doch die Leute waren unglaublich gut drauf, haben mit uns gefeiert und sind bis zum Schluss geblieben.“ Bei „Santiano“ ist eben nicht nur die Band wetterfest und sturmerprobt, sondern auch das Publikum.

Und dann sagt der Sänger von der Küste, der Mann aus dem Norden, am Ende des Gesprächs etwas Überraschendes, etwas sehr Ehrliches: „Ja, vielleicht bin ich doch wetterfühlig. Ich brauche das Tageslicht. Wenn es geht, würde ich gern irgendwo überwintern, wo es hell und warm ist. Ich habe keine Freude am kühlen Frühling und am grauen Herbst.“ Gegen knackige Winter mit viel Schnee unter blauem Himmel habe er nichts. „Aber die gibt es ja kaum noch.“

Die Hose ist mittlerweile wieder trocken, draußen nieselt es immer noch. Axel Stosberg schaut auf die Uhr. Auch wenn keine Probe ansteht, keine Studio- oder Promotiontermine rufen, kein Schiff in irgendeinem Hafen gleich ablegt: Er muss los. „Der Kleine muss aus dem Waldkindergarten abgeholt werden!“ Also tschüß dann, bis demnächst bei Santiano!

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