Blamabler Oscar-Vorschlag : "Werk ohne Autor": Ein Dementi von Gerhard Richters Kunst

Werk ohne Autor: Tom Schilling als verkitschte Version des Malers Gerhard Richter.
Werk ohne Autor: Tom Schilling als verkitschte Version des Malers Gerhard Richter.

Donnersmarcks „Werk ohne Autor" verkitscht Gerhard Richters Malerei und biegt sie in ihr Gegenteil. Ein Schadensbericht.

svz.de von
02. Oktober 2018, 13:14 Uhr

Berlin | In Venedig ging Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ leer aus; als deutscher Vorschlag an die Academy könnte die Künstlergeschichte aber noch für den Auslandsoscar nominiert werden. Am 3. Oktober kommt der Film nach Gerhard Richters Leben ins Kino.

Die Geschichte hinter "Werk ohne Autor"

Vor vierzehn Jahren entdeckte der Biograf Jürgen Schreiber: Gerhard Richters erster Schwiegervater war als SS-Mediziner an den Euthanasiemorden beteiligt, bei denen auch die Tante des Malers ihr Leben verlor. Durch seine Ehe hatte Richter Täter und Opfer zu Mitgliedern einer Familie gemacht; ohne den Zusammenhang zu kennen, hatte er beide sogar schon gemalt.

Florian Henckel von Donnersmarck sieht darin den Stoff für einen zweiten Oscar – zumindest wenn man ihn noch ein bisschen verbessert. Eine „true story“, erklärte er bei der Berliner Pressevorführung, ist manchmal eben nicht so wahr, wie sie sein sollte. Deshalb hat er den Maler zwar ausgiebig befragt und zentrale Werke von einem Vertrauten nachmalen lassen. Mit fiktiven Namen hält er das Drehbuch trotzdem für alle Möglichkeiten offen. (Vorgeschlagen, aber noch nicht nominiert: Holt "Werk ohne Autor" den Oscar?)

Monokausale Kunstgeschichte: Ein Moment erklärt das Werk

Die Kunst des Malers (Tom Schilling), der nun Kurt Barnert heißt, erklärt „Werk ohne Autor“ ganz aus dem Tod der Tante. Schon bevor die junge Frau psychisch auffällig wird, macht sie das hochbegabte Kind mit der Moderne vertraut und schwört es auf die Wahrheitsverpflichtung des Schönen ein. Ihr Vermächtnis ist die Formel „Nie wegsehen!“ Als die Tante gegen ihren Willen eingewiesen wird, macht Kurt damit ernst und schaut hin; ihr Entsetzen sieht er in der Unschärfe, weil er den Blick auf seine Hand fokussiert. Das Trauma bestimmt damit nicht nur Kurts späteres Ethos, sondern sogar seine Ästhetik: Was Selbstschutz war, wird zum Markenzeichen eines Künstlers, der abgemalte Fotos mit künstlichen Schlieren verwischt.

Parallel zum Leben des Malers erzählt „Werk ohne Autor“ das des Schwiegervaters. Während Kurt Dresdens Zerstörung erlebt, in der DDR studiert, sich vom sozialistischen Realismus lossagt und nach Düsseldorf geht, macht der Frauenarzt und Rassehygieniker Seeband (Sebastian Koch) in allen deutschen Staaten Karriere. Aus Verachtung für Kurt hintertreibt er die Ehe seiner Tochter (Paula Beer) und zwingt sie sogar zur Abtreibung. „Weil er seine Blutlinie rein halten wollte, hat er sie ausgelöscht“, sagt sie, als sie danach unfruchtbar ist. (Mit Donnersmarck nach Hollywood? Paula Beer im Gespräch)


Höhere Mächte befahlen: Nazi entlarven

Erzwungene Sentenzen wie diese sind es vermutlich, die von Donnersmarcks Film wahrer als wahr machen. Weniger emphatisch könnte man auch vom Grauen der Geschichte als Arztroman sprechen. Malerei ist hier eine Art Sehertum, inklusive Erweckungserlebnis, bei dem Kurt dem Wind kosmische Zusammenhänge ablauscht. Der Titel „Werk ohne Autor“ ist wörtlich zu nehmen: In der Schlüsselszene ist es die Kunst selbst, die Seebands Täterschaft enthüllt. Durch die zufällige Anordnung der Bilder, zeigt Kurt als Baby vom Schoß der Tante mit dem Finger auf den Nazi-Arzt. Nur Seeband begreift den Sinn, zuckt mit dem Auge und wankt getroffen davon.

Während bei Kurt höhere Mächte wirken, betreibt von Donnersmarck grobes Handwerk. Mit pastosem Strich erklärt auch er, wie alles zusammenhängt: Nazi- und SED-Diktatur, Werk und Vita, Genie und Wahnsinn. Nur sind seine Wahrheiten weniger geschaut als gebaut – mit suggestiven Schnitten und manipulativer Musik, mit klischierten Figuren, konstruierter Bedeutung und einer fragwürdigen Lust am Pointieren. Seeband beispielsweise ist nicht nur ein NS-Mörder, sondern auch noch schlecht im Bett. Und ausgerechnet ein Film, der mit der Kunstverachtung der Nazis einsteigt, riskiert eine Sequenz, die die Produktion der 60er Jahre veralbert, als wären wir in einem Lustspiel derselben Ära. (Von "Venom" bis "Werk ohne Autor": die wichtigsten Filmstarts im Oktober)


Behinderte in der Gaskammer: Über die Darstellbarkeit von Leiden

Wiederholt leistet von Donnersmarck sich in allem Pathos und Klamauk solche üblen Ausreißer nach unten: Eine der entsetzlichsten Sequenzen parallelisiert die Euthanasiemorde mit dem Tod an der Front und im brennenden Dresden. Die Kamera geht mit Tante Elisabeth und behinderten Nebendarstellern direkt in die Gaskammer. Ein Tabubruch, mit dem die Verkitschung von Richters Leben ins frontale Dementi seines Schaffens mündet: Richters Kunst, das muss man hier dazusagen, umkreist die Frage, ob und wie historisches Leiden darstellbar ist. Florian Henckel von Donnersmarck ist das vollkommen egal, solange er selbst sich nur gut unterhalten fühlt. Zumindest in einem geht seine Rechnung auf: Die deutsche Filmbranche hat „Werk ohne Autor“ für den Auslandsoscar vorgeschlagen. Ob die Academy ihn auch nominiert, ist noch offen.

„Werk ohne Autor“. D 2018. R: Florian Henckel von Donnersmarck. D: Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer. 189 Minuten, ab 12 Jahren.

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