Küstenschutz : Wer rettet die Strände?

Weggerissen: Blick auf die Ostsee aus einem zerstörten Imbiss in Zempin auf der Insel Usedom nach Sturmtief 'Axel' 2017.

Weggerissen: Blick auf die Ostsee aus einem zerstörten Imbiss in Zempin auf der Insel Usedom nach Sturmtief "Axel" 2017.

Bilder von bröckelnden Küsten verschrecken Anwohner und Touristen / Tatsächlich aber werden die Sandstrände weltweit im Schnitt wieder breiter

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09. Juni 2018, 16:00 Uhr

Am 4. Januar 2017 hatte Zempin auf Usedom einen breiten Sandstrand und einen schönen Spazierweg, den Hochuferweg. Am 5. Januar war all das größtenteils zerstört. In der Nacht hatte Sturmtief „Axel“ gewütet. Die aufgewühlten Wellen rissen auf einer Länge von 180 Metern Sand, Steilufer und den gepflasterten Weg in die Tiefe, außerdem die Hälfte eines Imbissgebäudes am Weg. Es gibt Bilder der bröckelnden Küste und des halbierten Häuschens, in dem noch ein Herd samt Dunstabzugshaube an der Wand stand (siehe oben).

Schon wieder ein Strand verloren, verschlungen vom Meer? In Zempin sieht es längst wieder ganz anders aus. Der Hochuferweg wird bis Ende Juni repariert. Ein Teil des Strandes ist schon wieder aufgeschüttet. Noch in diesem Jahr soll er komplett aufgespült werden.

Der Kampf um die Strände ist verloren, glauben viele, spätestens seit in den 1980er-Jahren die ersten Erosionsschätzungen die Welt aufschreckten. Demnach schrumpften 70 Prozent der Sandstrände weltweit. Heißt das etwa, dass das Ende der Badeferien bevorsteht?

Niederländische Forscher haben jetzt nachgeschaut. Sie analysierten 1,9 Millionen Satellitenbilder aus den vergangenen 35 Jahren und suchten nach den schwindenden Stränden der Erde. Dabei stellten sie fest: Diese sind doch breiter, als sie dachten. Global betrachtet wachsen die Strände sogar – allerdings mit großen regionalen Unterschieden. 48 Prozent der Sandstrände bleiben gleich groß, bei 24 Prozent weicht die Küstenlinie zurück, und 28 Prozent werden größer, schreiben die Wissenschaftler der Universitäten Delft und Twente und der Wasserforschungsinstitute Deltares und IHE im Fachmagazin „Nature“. In weiten Teilen Nordeuropas, in China, Kasachstan, Kanada und Teilen Lateinamerikas werden die Sandstrände im Schnitt wieder breiter. Burma, Bangladesch, Nigeria und der Süden der USA verlieren besonders viel Strand. Das alles sind Durchschnittswerte, auch innerhalb eines Landes kann es große Unterschiede geben.

Der Mensch bedroht die Strände

Der Hauptautor der Studie, Küsteningenieur Arjen Luijendijk, war vom Ergebnis selbst überrascht. Zwar hatte er erwartet, dass die Prognosen aus den 80ern nicht ganz zuträfen. „Aber dass mehr Strände wachsen als schrumpfen, hätte ich nicht gedacht. Wir sehen: Strände können sich auch wieder erneuern“, sagt er.

Ist also alles nicht so schlimm mit dem Klimawandel, der die Strände bedroht? Leider doch. Der größte Teil des Zuwachses sei menschlichem Eingreifen zu verdanken, sagt Luijendijk. Der Mensch bedroht die Strände – und er rettet sie.

Die Erosion von Sandstränden ist erst einmal ein natürlicher Prozess, genau wie ihr Gegenteil, die Sedimentation. „Seit vielen Millionen Jahren erodieren Küsten“, sagt Holger Schüttrumpf, der das Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Technischen Hochschule Aachen leitet. Das Wasser trägt kleine Teilchen mit sich fort, die an anderer Stelle hängen bleiben. So wandern zum Beispiel die Ostfriesischen Inseln ganz langsam Richtung Osten.

Das liegt daran, dass Wind und Strömung in diesem Teil der Nordsee meist aus Westen kommen. Sie reißen kleinste Sedimente vom Westteil der Inseln mit sich und lagern sie am Ostteil wieder an. West-Ost-Drift nennt man diesen Vorgang. Wangerooge, die östlichste und labilste der Ostfriesischen Inseln, hat so seit dem frühen 17. Jahrhundert im Westen etwa zwei Kilometer verloren und im Osten vier Kilometer hinzugewonnen.

Zum Problem wird das, wenn Menschen an den Küsten siedeln – und ihre Siedlungen von der Erosion bedroht werden. Bevor es wirkungsvollen Küstenschutz gab, erzählt Schüttrumpf, mussten Ortschaften schon mal aufgegeben werden, weil das Meer sie langsam mit sich riss.

Der steigende Meeresspiegel ist ein Problem

Das Problem verschärft sich mit dem Klimawandel. Weil die Erde wärmer wird, schmelzen die Polkappen. Der Meeresspiegel steigt, das Wasser überflutet einen größeren Teil des Landes. Gleichzeitig erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von Sturmfluten, die besonders viel Sand mit sich reißen. Doch das ist nicht alles, wie Wenyan Zhang erklärt. Er erforscht im Helmholtz-Zentrum Geesthacht die Folgen von Klimawandel und Küstenschutzmaßnahmen und sagt: Je höher der Meeresspiegel ist, desto mehr Meeresboden gibt es auch, auf den die Teilchen niedersinken – und desto weniger Sedimente lagern sich am Ufer ab. In Zukunft würden die Strände also stärker schrumpfen als bislang.

Und wo kommen die Sedimente für Strände eigentlich her? Lagert sich an einer Stelle etwas ab, muss es zuvor von einem anderen Ort verschwunden sein. Zhang hat diese Vorgänge auf Usedom, wo auch Zempin liegt, in einem deutsch-polnischen Forschungsteam untersucht. Auf der Insel stammen die Sedimente am Strand vor allem von der Steilküste. Diese besteht vorwiegend aus weichem Material und wird nach und nach abgeschliffen.

Die kleinsten Teilchen setzen sich am Meeresboden ab, die größeren am Strand, wo Dünen entstehen. Während die Strände also wachsen, schrumpft gleichzeitig die Steilküste – ein Vorgang, der viele Jahrhunderte dauert. Das ist nicht nur auf Usedom so. Leider gibt es auch hier ein Problem: Steigt der Meeresspiegel zu schnell an, wird dieses empfindliche System gestört. Dann bleibt den Dünen nicht mehr genügend Zeit zu wachsen, bevor das Meer sie wieder abträgt.

Doch der Einfluss des Menschen reicht noch weiter, wie Schüttrumpf erklärt. So wird in vielen Teilen der Welt Sand abgebaggert. Sand ist ein wertvoller Rohstoff, der im Straßen- und Gebäudebau genauso eingesetzt wird wie bei der Herstellung von Reinigungsmitteln und Computern. Etwa 70 Milliarden Dollar werden jedes Jahr damit umgesetzt. Geld, auf das viele Länder nicht verzichten wollen.

Vielerorts fehlt das Geld

Luijendijk spricht von einem dreifachen Druck auf die Küstengebiete. Zu Erosion und steigendem Meeresspiegel komme hinzu, dass immer mehr Menschen dort wohnen wollten. Grund zur Entwarnung gibt es also nicht. Grund zur Hoffnung aber schon.

Denn die Küstenschutzmaßnahmen wirken, darin sind sich die drei Wissenschaftler einig, das belegt auch die niederländische Studie. In Deutschland können die Bewohner von Sylt schon seit 1972 jedes Frühjahr beobachten, wie Baggerschiffe vor ihrer Küste anlanden und durch riesige Rohre eine Million Kubikmeter Sand an den Strand blasen, den die Stürme des vergangenen Winters mit sich gerissen haben. Den Sand haben die Schiffe zuvor vom Meeresboden gesaugt. Aufspülung nennt man diese Technik.

Bekannter sind die sogenannten harten Küstenschutzmaßnahmen. Dazu zählen Buhnen, die rechtwinklig zur Küste errichtet werden und die Kraft der Wellen abmildern. Ähnlich wirken Wellenbrecher, die parallel zur Küste errichtet werden. Deckwerke – Befestigungen aus Stein oder Beton auf dem Strand – werden oft vor Ortschaften errichtet, um sie zu schützen. All diese Maßnahmen, so Schüttrumpf, seien in Europa, insbesondere am Mittelmeer oder in der Ostsee, sehr häufig zu finden.

Ein wohlhabendes Land wie Deutschland mit seiner relativ kurzen Küste kann es sich leisten, seine Strände mit viel Aufwand zu pflegen. „Das ist in anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in Südeuropa, nicht so einfach. Da muss man Sand erst von weit her herankarren“, sagt Luijendijk. Vielerorts fehlt dafür das Geld, Küstenschutz ist teuer. Rein theoretisch könnte man irgendwann jeden Strand nach jedem Winter und jeder Sturmflut aufs Neue aufschütten. Die Frage ist, ob wir uns das leisten wollen – und können.

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