Comeback eines DDR-Spielzeugs : „Wenn Pferd fällt um, Pferd ist tot“

Geschäftsführerin Andrea Haupt von der Werkform GmbH in Brand-Erbisdorf mit einem neu gefertigten Schaukelwagen
Geschäftsführerin Andrea Haupt von der Werkform GmbH in Brand-Erbisdorf mit einem neu gefertigten Schaukelwagen

In Sachsen ist ein Klassiker aus DDR-Zeiten wieder aufgetaucht und erfreut wie einst Kinderherzen: der Schaukelwagen

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17. November 2015, 08:00 Uhr

Das Bauhaus stand Pate. Als der Bildhauer Hans Brockhage (1925-2009) während seiner Studienzeit in Dresden ein Schaukelpferd entwerfen sollte, ließ er sich von einem Einwand seines aus den Niederlanden stammenden Lehrers Mart Stam inspirieren. „Wenn Pferd fällt um, Pferd ist tot“, soll der Erfinder des Freischwinger-Stuhls gesagt haben. Damit sprach Stam etwas an, was den meisten Gegenständen eigen ist: Ihre Funktionalität ist meist auf einen Zweck begrenzt. Ein liegendes Schaukelpferd kann nicht schaukeln, wollte Bauhaus-Lehrer Stam seinem Schützling sagen. Aber wie schön wäre es doch, wenn das Schaukelpferd noch etwas anderes könnte.

Brockhage nahm sich das zu Herzen. 1950 entwarf er den Schaukelwagen und schrieb damit Geschichte. Die Konzentration auf das Wesentliche führte zum Ziel. Sein Spielgerät für Kleinkinder ist multifunktional. Auf der einen Seite lässt sich der Wagen rollen oder schieben. Auf den Kopf gestellt, dient er als Schaukel. Mit Seilen an einer Querstange oder einem Ast befestigt, verwandelt er sich sogar in eine Hängeschaukel.

Der Schaukelwagen wurde seinerzeit auf der Triennale in Mailand prämiert, später im Museum of Modern Art New York gezeigt und bei Sotheby’s versteigert – seltene Ehren für ein Spielzeug. „Der Schaukelwagen ist ein deutscher Gestaltungsklassiker. Das war blitzblanke Moderne“, sagt der Formgestalter Clauss Dietel, der 2014 mit dem deutschen Design-Preis für sein Lebenswerk geehrt wurde.

Schnell wurde der Schaukelwagen populär. Er stand in Kitas überall in der DDR und selbst im nördlichsten Kindergarten Europas – auf der Kola-Halbinsel in der früheren Sowjetunion. Denn er ging auch in den Export. In den 1970er-Jahren wurde es dann ruhiger um ihn, vielleicht kam er auch etwas außer Mode. Nicht zuletzt dürften die Plattenbauten mit oft geringer Wohnfläche dazu beigetragen haben, dass dem Wagen mit den Maßen 100 x 40 x 40 eine weitere Ausbreitung verwehrt blieb. Er verschwand in der Versenkung, nicht aber aus dem Gedächtnis.

Nach der Wende entdeckte der aus Chemnitz stammende Geschäftsmann Ullrich Hintzen das Spielgerät in einem „Manufactum“-Katalog. Offenbar waren noch Restposten übrig. Doch es sollte noch gut 20 Jahre dauern, bis der Klassiker eine Renaissance erlebte.

Ullrich Hintzen setzte sich mit den Erben Brockhages in Verbindung und erhielt eine Generallizenz zur Herstellung im deutschsprachigen Raum. Seit 2013 wird der Wagen in der Werkform GmbH in Brand-Erbisdorf bei Freiberg wieder produziert. Bis zu 40 Stück pro Jahr entstehen seither in einer limitierten Serie. „Ich finde die Idee genial – dass man ein Spielzeug herumdrehen kann und es dann auf andere Weise funktioniert“, sagt Hintzen und fühlt sich bei der Form des Schaukelwagens an den VW-Käfer erinnert.

Tatsächlich gibt es inzwischen sogar ein tiefer gelegtes Modell aus Metall. Die meisten Kunden schwören aber auf das Original aus Buchenholz. Werkform-Geschäftsführerin Andrea Haupt nennt als Kunden viele Großeltern, die als Kind selbst im Schaukelwagen saßen und damit nun ihre Enkelkinder erfreuen möchten. „Dennoch wird das immer eine Nischenproduktion bleiben“, ist sich die Chefin sicher. Die Handarbeit hat ihren Preis. Mit 420 Euro ist der Wagen nicht billig. „Werte muss man bezahlen“, sagt Hintzen.

Paul Brockhage, der als Bildhauer in die Fußstapfen seines Vaters trat, spricht von einem „Hingucker“. Seinen Bruder hat er damals mit dem Schaukelwagen durch die Wohnung geschoben. „Man konnte ganz schön Fahrt aufnehmen.“

Das stabile Gefährt überdauerte meist eine Generation, wurde in Familien oder im Freundeskreis weitergegeben. So findet man heute noch Schaukelwagen-Oldtimer, die inzwischen teurer als die Neuwagen sind.

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