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Kampf gegen Wildpinkler : „Wenn die Wand zurückpinkelt“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Städte kämpfen gegen die männlichen Wasserlasser im Freien

svz.de von
erstellt am 21.Apr.2016 | 08:00 Uhr

Pfarrerin Tabea Frey blutet das Herz. „Von oben wird saniert, da werden Millionen ausgegeben, und von unten wird der Stein zerfressen“, sagt sie. „Ich hab da eine Wut im Bauch, wenn die Hemmschwellen so niedrig sind, dass man überhaupt keinen Respekt mehr hat.“ Denn ihre Kirche, das Ulmer Münster mit dem größten Kirchturm der Welt, hat ein ziemlich ätzendes Problem: Wildpinkler.

„Der Sandstein blättert richtig ab. Das sind Zentimeterschichten, die da verloren gehen.“ Sie schlagen meist zu, wenn es dunkel ist, sind häufig nicht mehr nüchtern – und hinterlassen einen folgenschweren feuchten Fleck an der Fassade. Dort in den seitlichen Nischen, wo im Mittelalter Krämerläden standen, entleeren Wildpinkler gerne und häufig ihre Blase. Da Urin Säure und Salze enthält, setzt er der Bausubstanz aus dem 14. Jahrhundert übel zu.

Viele Städte kämpfen gegen Wildpinkler. „Männer markieren“, sagt der Sprecher des Berufsverbandes der Deutschen Urologen, Wolfgang Bühmann. Das sei ein rudimentäres Verhalten, das gerade unter Alkoholeinwirkung zutage trete.

„Wenn einer ans Münster pinkelt, reichert sich dort Nitrat an und führt zu Absprengungen“, sagt Münsterbaumeister Michael Hilbert. „Jeder sieht die schwarzen Ecken, und wenn die Sonne rauskommt, stinkt's zum Teufel.“

Wer wild pinkelt, dem droht ein Bußgeld. Und das kann deutlich über den paar Cents liegen, die Mann für den Gang aufs öffentliche Klo zahlen muss. Die Stadt Ulm verdoppelt nun das Bußgeld von 50 auf 100 Euro. Der Ordnungsdienst überwacht zwar den Bereich, aber selten wird ein Pinkler ertappt.

Mancherorts wird deshalb bereits Gleiches mit Gleichem vergolten: Weil Betrunkene in Mainz immer wieder an die Rathauswand pinkeln, hat die Stadtverwaltung die Mauer mit einem Speziallack beschichten lassen. Der ist so wasserabweisend, dass der Urin daran abprallen und zurückgespritzt werden soll.

Auf Hamburgs Partymeile St. Pauli wurden bereits vor gut einem Jahr Hauswände mit der sogenannten superhydrophoben Beschichtung versehen.

Vom Putzdienst zum Pinkellack

  • Zäune: Bei Großveranstaltungen schaffen Absperrungen Distanz zwischen Mauern und Pinklern. Die erleichtern sich dann mitunter am Zaun, aber immerhin nicht an Gebäudefassaden. Auch der Kölner Dom wird vor der Karnevalssession großräumig eingezäunt.
  • Bußgeld: 150 Euro kostet das kleine Geschäft am Kölner Dom. „Nur“ 120 Euro wären es an anderen Kirchen, 90 an Hauswänden. Der Unterschied bei der Strafe hat nicht nur eine symbolische Bedeutung. Die Reparatur der Schäden am Kölner Dom sind ungleich teurer als an anderen Gebäuden.
  • Blumengirlanden: Erwischt die Polizei in der indischen Großstadt Hyderabad einen Mann beim Pinkeln auf offener Straße, bekommt er einen Blumenkranz um den Hals, und Fotos davon werden auf Facebook veröffentlicht.
  • Prozess: Das Amtsgericht Stuttgart verurteilte 2014 einen Frührentner, der in den Schlossgarten gepinkelt hatte. Gegen ein zuvor verhängtes Bußgeld hatte er geklagt. Sein Argument, er leide an einer Blasenschwäche, ließ die Richterin nicht gelten. Neben den 35 Euro Buße musste er dann auch noch die Prozesskosten zahlen.
  • Putzdienst: Mit 20 Stunden Arbeit in öffentlichen Toiletten bestrafte das Amtsgericht Sondershausen (Thüringen) 2002 einen angetrunkenen 20-Jährigen, der in einem Supermarkt in ein Weinregal uriniert hatte. Der Richter sagte damals zur Urteilsbegründung: „Damit er mal sieht, wie es ist, anderer Leute Dreck wegzumachen.“
  • Pinkellack: „Hier nicht pinkeln! Wand pinkelt zurück.“ Auch mit solchen Schildern werden Wildpinkler abgeschreckt. Die Spezialwand ist mit einem besonders feuchtigkeitsabweisenden Lack beschichtet. Dies führt dazu, „dass der an die Wand gerichtete Strahl etwa im selben Winkel zurückkommt“.
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