200. Geburstag Karl Marx : Weltgenie als Drückeberger

Eine Büste von Karl Marx, erschaffen von dessen Urenkel Karl-Jean Lonquet (1904-1981), steht am 06.05.2016 im Karl-Marx-Haus in Trier.
Eine Büste von Karl Marx, erschaffen von dessen Urenkel Karl-Jean Lonquet (1904-1981), steht am 06.05.2016 im Karl-Marx-Haus in Trier.

Witzig, schlagfertig, gesellig und stets für einen Jux zu haben: So wurde Marx von seinen Freunden beschrieben

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28. April 2018, 05:00 Uhr

Im Museum der Bonner Universität liegt das Abgangszeugnis, das der junge Karl Marx im August 1836 für seinen Wechsel nach Berlin ausgestellt bekam. Darin ist vermerkt, dass der 18-Jährige „wegen nächtlichen ruhestörenden Lärmens und Trunkenheit“ einen Tag im Karzer verbringen musste. Das Zeugnis, so heißt es, ist vor allem bei chinesischen Touristen ein beliebtes Fotomotiv. Weil es beweist, dass der Begründer der Staatsreligion Marxismus auch nur ein Mensch war.

Sogar einer, dessen Schwächen offenbar mindestens so ausgeprägt waren wie seine Stärken. Marx, der Mann, der sich sein Leben lang mit der Theorie des Kapitals beschäftigte, konnte in der Praxis nie mit Geld umgehen. Was er als Journalist verdiente, reichte nur selten, um die Familie durchzubringen. Über Jahrzehnte pumpte er mit Bettelbriefen Freunde und Bekannte an – allen voran Friedrich Engels, der Marx im britischen Exil immer wieder aus der Patsche half. Selbst Erbschaften änderten nichts: Als 1863 seine Mutter starb, mietete der verschuldete Sohn als erstes eine Villa im feinen Londoner Norden.

Solche Extravaganzen offenbaren aber zugleich die fürsorgliche Seite des Familienvaters Marx. Seiner treu ergebenen Frau Jenny und den drei Töchtern sollte es an nichts fehlen, was für Bildungsbürger im 19. Jahrhundert als erstrebenswert galt: Dienstboten, Reit- und Gesangsstunden, Französischunterricht, Bälle und Feste. Zuhause, berichteten Vertraute wie SPD-Mitgründer Wilhelm Liebknecht, konnte der Revolutionär liebevoll und ausgelassen sein – „Kind unter den Kindern“, die auf seinem Rücken durch den nahen Park ritten.

Witzig, schlagfertig, gesellig und stets für einen Jux zu haben: So wird Marx von seinen Freunden beschrieben. Mochte er jemanden aber nicht, konnte er ziemlich unangenehm werden. „Niemals habe ich einen Menschen gesehen von so verletzender, unerträglicher Arroganz“, schrieb der spätere US-Politiker Carl Schurz. Von seiner intellektuellen Überlegenheit überzeugt, putzte Marx Andersdenkende genüsslich herunter – mit messerscharfer Rhetorik oder ätzendem Spott. Selbst Mitstreiter wie Liebknecht, den er „Biederrindvieh“ und „Vogelscheuche“ schimpfte.

Auch Mitgefühl war seine Sache nicht. Als Engels Lebensgefährtin Mary starb, klagte Marx, statt zu trösten, über eigene Gesundheitsprobleme. Davon hatte er reichlich – wobei Lungen- und Leberbeschwerden vor allem auf exzessives Zigarrenrauchen und zu viel Alkohol zurückgingen. Oft fielen Marx’ lange Krankheitsphasen aber mit Abgabeterminen für Manuskripte zusammen. „Er ist seit acht Tagen sehr leidend und ans Sofa gebunden“, teilte Jenny mit, als sich ihr Ehemann beim Schreiben wieder einmal verzettelt hatte. Das Weltgenie als Drückeberger – geht es noch menschlicher?

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