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Sprache der Politiker : Weichgespülte Wortwolken

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Sprache von Politikern erzeugt oft Langeweile bei Zuhörern. Das nutzt Populisten, die verbal kräftig zulangen

Bürokraten kämpfen sich durch einen Berg von Hunderttausenden unbearbeiteten Asylanträgen. Im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin berichtet die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer aus der Sitzung des Kabinetts. Dauerthema Flüchtlinge. Sie sitzt in Blazer und weißer Bluse vor einer blauen Wand. Vor ihr im Saal eine kleine Gruppe von Hauptstadtjournalisten. Den Raum kennen viele aus den TV-Nachrichten. Demmer trägt vor: „Heute hat erneut der Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Frank-Jürgen Weise, zum Stand der Prozessoptimierung berichtet.“

Ein staubtrockener Satz. „Prozessoptimierung“ ist ein Wort aus der Manager-Sprache. Ein Wort, das an Rädchen denken lässt, die gut geölt ineinandergreifen. Und was man „optimiert“, sollte irgendwann „optimal“ werden, nicht wahr?

Kuriose Begriffe aus der Politik
„Büroversehen“: Kleiner, harmloser Fehler, der völlig unabsichtlich und ganz weit weg vom Minister passiert sein muss.(Das Wort wurde im Bundesinnenministerium benutzt, das damit im August 2016 erklärte, warum das Auswärtige Amt ein Dokument nicht frühzeitig zu sehen bekam, in dem die Türkei als „zentrale Aktionsplattform für islamistische Gruppierungen“ eingestuft wird.)
„Thermofenster“: Hat nicht immer mit energiesparendem Bauen zu tun, sondern wurde auch im Abgasskandal bekannt: Bei bestimmten Temperaturen wird die Abgasreinigung von Dieselfahrzeugen heruntergefahren. Dann geben sie mehr schädliche Stickoxide in die Luft ab, als erlaubt ist. (Den Begriff haben die Autobauer während des Abgasskandals erfolgreich in die politische Debatte eingespeist.)
„Wohnfähigkeitsprüfung“: Beurteilung des Verhaltens von Asylbewerbern und Flüchtlingen, die aus einer Gemeinschaftsunterkunft in eine eigene Wohnung umziehen wollen. Bewertet wird unter anderem, ob der Wohnungssuchende verschwenderisch mit Wasser, Heizung und Strom umgeht und ob er Lärm macht. (Der Begriff existiert schon seit einigen Jahren und wird seit 2015 wegen der steigenden Flüchtlingszahlen wieder häufiger verwendet. Die Linkspartei und einige Flüchtlingsräte sehen diese in einigen Regionen vorgeschriebene Beurteilung kritisch.)
„Erlebnisorientierte“: Nein, wir reden hier nicht von Abenteuerurlaubern. Gemeint sind Krawallmacher, die eine Massenschlägerei – etwa mit der Polizei – für eine prima Freizeitaktivität halten. (Wortschöpfung wohl aus dem Polizeijargon)

Wer die Sprache des Politik-betriebes analysiert, stellt fest: Der Gebrauch von Weichspülern, Wortwolken und Wohlfühlwörtern hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Das Ergebnis ist ein Politsprech, der so glatt ist, dass er oft Langeweile erzeugt, bei Wählern genau wie bei Journalisten. Der mit Blabla und optimistisch klingenden Phrasen alles verdeckt – vom Streit in der Sache bis zum Unwissen.

Ein Beispiel gewünscht? Warum sehen nur so viele Politiker anstelle von nervigen „Problemen“ überall „Herausforderungen“?

Von der Tendenz zur sprachlichen Verkleisterung profitiert, da sind sich viele Experten einig, vor allem die AfD. Die Populisten setzen sich sprachlich von den anderen Parteien ab. Sie verwenden bewusst Tabuwörter wie „Asylant“ und Kampfbegriffe wie „völkisch“ oder „Volksverdummung“. Das Ergebnis sei eine schleichende Verrohung der Sprache, sagen Kommunikationsexperten. Einer der Lieblingssprüche der AfD-ler lautet: „Das muss man sagen dürfen.“ Das zieht.

In einer Forsa-Umfrage zeigt sich: Zwar finden nur zehn Prozent der Bürger die AfD-Chefin Frauke Petry sympathisch. Aber 44 Prozent trauen ihr zu, „verständlich zu reden“.

Sprachforscherin Elisabeth Wehling weiß, was bei Menschen im Kopfkino passiert, wenn sie bestimmte Begriffe hören. Und wie das langfristig ihr Denken und Handeln beeinflusst. In ihrem Buch „Politisches Framing – Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ beschreibt die Wissenschaftlerin, wie etwa der Begriff „Flüchtlings-Tsunami“ Ängste schürt.

Sie findet, Politiker sollten sich angewöhnen, „mehr Tacheles zu reden“. Das sei besser, als sich nur über den Rechtspopulismus der AfD zu empören. Doch heute ist das Risiko groß, dass ein flapsiger Spruch oder eine verbale Entgleisung im Netz in Endlosschleifen kursiert.

Das macht Angst. „In sozialen Medien wird ein Infofetzen oft schnell in den Skandalmodus überführt“, erläutert Olaf Kramer, Rhetorik-Professor aus Tübingen. SPD-Chef Sigmar Gabriel (57), der Rassisten und Rechtsextremisten im sächsischen Heidenau 2015 als „Pack“ beschimpfte, ist einer der wenigen, die das enge Sprachkorsett sprengen. Doch auch Gabriel ist meist weniger auf Krawall gebürstet als SPD-Altkanzler Gerhard Schröder (72). Der schrieb den Deutschen mal ins Stammbuch: „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft.“

Ein weiterer Grund dafür, dass heute zahmer formuliert wird, dürfte der wachsende Konsens zwischen den Bundestagsparteien sein. Wenn jeder mit fast jedem koalieren können muss, scheuen viele Politiker eher davor zurück, durch ihre Wortwahl verbrannte Erde zu hinterlassen.

„Die gehören weggeharkt“, schimpfte noch Helmut Schmidt 1982 im hessischen Wahlkampf. Mit „die“ meinte der wortgewandte SPD-Politiker (1918-2015) die FDP.

Als CSU-Übervater Strauß (1915-1988) 1971 polterte: „Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder“, waren sexuelle Handlungen zwischen Männern noch strafbar. Der Medienberater Jörg Müller-Brandes ist sich sicher: „Wer als Politiker heute einen solchen Satz sagt, dessen Karriere ist beendet.“ Fast alle Abgeordneten, Minister und Staatssekretäre landen irgendwann einmal bei einem Medienberater oder Rhetoriktrainer. Fragt man Experten für politische Sprache nach ihren aktuellen Rhetorikfavoriten, nennen die meisten Gregor Gysi (68), und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU/67).

Lieblingsgast der Talkshowmacher aber ist Wolfgang Bosbach – auch das hat mit Sprache zu tun. Der 64-jährige CDU-Innenpolitiker gilt nicht nur als Sympathieträger, weil er mutig seine Position vertritt. Und weil er sogar die eigene Partei scharf kritisiert. Die Leute mögen ihn auch, weil er Schachtelsätze meidet und verständlich redet.

Er sagt: „Wer – wie ich – persönlich chronisch fröhlich ist, wer gerne einen Scherz macht und dann auch noch Klartext spricht, wird in der heutigen Zeit schnell als schlichtes Gemüt charakterisiert. Aber glauben Sie mir: Nicht jeder, der total kompliziert formuliert, ist auch tatsächlich ein Intellektueller.“ Zu den Politikern, die gerne Satzmonster bauen, zählt Medienberater Abromeit Kanzlerin Angela Merkel (62).

Darum warum ist das Wort „Problem“ in Ungnade gefallen? „Es ist fast verboten heute, Problem zu sagen“, berichtet Medienberater Abromeit. Nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft: „Da gilt es scheinbar als unschicklich, von Problemen zu sprechen – man entlarvt sich selbst dann als Problembär.“

Ganz anders sieht es aus mit dem Wort „Herausforderung“. „Problem, das ist richtig schwer, und das macht auch keinen Spaß“, sagt Abromeit. Eine Herausforderung sei dagegen etwas Positives, „da kommt Freude auf, und Ehrgeiz“.

Starke Sprüche im Parlament

„Dreckschleuder“, „Übelkrähe“, „Arschloch“– in der verbalen Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner ging es im Bundestag früher nicht gerade zimperlich zu. Schön muss man das nicht immer finden. Eine Auswahl parlamentarischer Pöbeleien:

•  „Schnauze, Iwan!“ – Franz Josef Strauß (CSU) zu Heinz Renner (KPD), 1951

•  „Abgeordnete sind nur ihrem Gewissen unterworfen. Dies gilt nicht für Minister, die haben keines.“ – Herbert Wehner (SPD) zum Kabinetts Adenauer, 1956

• „Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch, mit Verlaub.“ –  Joschka Fischer (Grüne) zu Bundestagsvize Richard Stücklen (CSU), 1984

• „Wenn ich Sie betrachte, verstehe ich, dass Sie für die Gleichberechtigung der Männer eintreten.“ – Helmut Kohl (CDU) zu Herta Däubler-Gmelin (SPD), 1985

• „Sie verkörpern Dick und Doof in einer Person.“ –  Karsten Voigt (SPD) zu Martin Bangemann (FDP), 1986

• „Lügen haben kurze Beine, kürzer sind dem Vogel seine.“ – Heiner Geißler (CDU) über Hans-Jochen Vogel (SPD), 1989

• „Warum brüllen Sie denn so? Sie sind ein Brüllaffe!“ – Peter Ramsauer (CSU) im Bundestag zu Rezzo Schlauch (Grüne), 2000

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