WOCHENEND-INTERVIEW : Was ist witzig?

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Gag-Autor Micky Beisenherz über die Kunst der Pointe in Grauzonen.

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05. September 2015, 08:00 Uhr

Darf man über die „Charlie Hebdo“-Morde Witze machen? Nützt der NPD ein viraler Video-Hit auch dann, wenn alle darüber lachen? Und ist Sigmar Gabriel selbst lustiger als alle Witze über ihn? Nicht zuletzt Dank Internet sind Witze zum Medium der Meinungsbildung geworden. Wie geht man damit um? Die Frage geht an Micky Beisenherz, den Gag-Autor des Dschungelcamps. Zusammen mit dem Papenburger Komiker Oliver Polak erforschte er gerade die „Comedy im Grenzbereich“ („Das Lachen der anderen“, WDR).

Sie haben sich für den WDR mit „Humor und Tabu“ befasst. Haben Sie sich schon mal einen Gag verkniffen?
Ich habe bei Twitter mal einen Witz geschrieben, gleich wieder gelöscht – und dann doch wieder hochgeladen. Weil ich mir dachte: Scheiß drauf, er ist ja handwerklich ganz gut. Als Malala den Friedensnobelpreis bekommen hat, hatte ich geschrieben: „Erst Arafat, dann Obama und jetzt sogar eine, die mal in eine Schießerei verwickelt war.“ Der Witz stieß auf die entsprechende Gegenwehr. Man muss in dem Fall selbst entscheiden, ob es einem das wert ist. (Malala Yousafzai war von Taliban niedergeschossen worden; Anm. d. Red.)

Reagieren Sie auf Gegenwehr?
In erster Linie achte ich auf das Feedback von Leuten, deren Meinung bei mir was gilt. Die müssen nicht meiner Meinung sein, aber ich muss sie kennen. Es wird sonst einfach zu viel, gerade auch im Rahmen meiner „Stern“-Kolumne. Und wenn man sich mit, nennen wir sie mal „Asylkritikern“ befasst oder auch nur mit FC-Bayern-Fans – dann ist das Echo verheerend. Was die Leute im Netz posten, ist mir egal. Ich würde verrückt werden, wenn mich die Meinung jedes Einzelnen interessieren würde.

„Die Welt“ ist bei Kollegen damit populär geworden, dass sie die Trolle aktiv veralbert.
Ich kenne diese Lust, dem Affen Zucker zu geben, und mache es selbst ganz gern. Aber nur punktuell. Es ist ja erstaunlich, wie lange die Leute am Computer sitzen und wie viele Buchstaben und vor allem Ausrufezeichen sie einem so widmen. Jeder normale Mensch schläft da oder ist mit Freunden unterwegs. Aber weil diese Menschen weder über Jobs noch über störende Sozialkontakte verfügen, haben sie jede Menge Zeit, einen im Internet zu beleidigen. Manchmal picke ich mir einen raus und antworte.

Was denn?
Schön, dass du wieder da bist. Oder: Kann es sein, dass du auf der Taste mit den Ausrufezeichen eingeschlafen bist? Ganz freundliche Sachen. Das macht sie meisten nur noch wilder, aber beim nächsten Schwall bin ich nicht mehr da. Die brauchen mich nicht, weil sie sich untereinander ja auch trollen. Wenn man nach Stunden die Tür zur Wuthölle einen kleinen Spalt aufmacht, sind sie immer noch da.

Ist das Internet ein guter Ort für Komiker?
Es ist nicht besser oder schlechter als die analoge Welt. Auch bei Facebook bekomme ich vor allem Inspiration, kluge, witzige Gedanken und viele verschiedene Blickwinkel. Auf der einen Seite. Auf der anderen gibt es die ganzen Trottel, die hier die ganze Suppe ihres eigenen Scheiterns über einem Zufallsopfer auskübeln wie ein Dixiklo.

Für die WDR-Doku haben Sie „Comedy im Grenzbereich“ ausgetestet. Wo war es knifflig?

Wir haben uns zwei Randgruppen ausgesucht: MS-Patienten und Ökos. Letzten Endes war es schwieriger, den Bewohnern des Ökodorfes humoristisch zu begegnen als den Kranken. Weil die sich für das Leben entschieden haben, über das wir Witze machen.

Ihr WDR-Kollege Oliver Polak nennt Sie eine Mischung aus Gerhard Schröder und Radiomoderator; und er stört sich daran, dass Sie zu moralisch seien. Wie klingt es, wenn Sie moralisieren?
Keine Ahnung. Das ist Olivers ganz persönliches Problem. Er kommt immer wieder damit um die Ecke. Irgendeiner muss ihn in seinem Leben ein Übermaß Moral verabreicht haben; und das projiziert er auf mich.

Auf die „Charlie Hebdo“-Morde hat die „Titanic“ mit Witzen reagiert. Auf die Kritik daran hat die Redaktion sich gegen die Erwartung gewehrt, dass Humor angemessen sein und eine Botschaft haben müsse.
Was ich an der „Titanic“ toll finde: Einmal im Jahr haben sie immer noch ein gutes Titelbild. Grundsätzlich finde ich, auch am Tag von „Charlie Hebdo“: Wenn man mit einer harten Pointe ein Gefühl rausmeißelt, ist es richtig. Vieles an der reflexartigen, kollektiven Betroffenheit an solchen Tagen ist selbstgefällige Pose. Das darf man dann ruhig konterkarieren. Aber dann muss der Gag auch sehr gut sein. Martin Sonneborn hat damals gesagt, dass ein Anschlag wie in Paris bei der „Titanic“ nicht möglich ist – weil die Redaktion viel kleiner ist. Das ist handwerklich gut. Gerade nach den Anschlägen war es sicher wichtig, humoristisch Flagge zu zeigen.

Haben Sie sich auch schon mal mit Pointen in den Tabubereich Trauer und Tod vorgewagt?
Ich war unlängst gezwungen, einen Nachruf auf einen Freund zu schreiben. Der war eine Mischung aus einem traurigen Grundgefühl und humoristischen Spitzen. Das erleichtert die Situation. Der Freund war zum Beispiel ein Liebhaber von Proll-Autos; darüber habe ich im Nachruf Witze gemacht, und alle fanden das unglaublich befreiend. Humor ist auch eine Form, Gefühle zu verarbeiten – es gibt da keinen Widerspruch zur Trauer.

Einer der einflussreichsten Witze der letzten Monate war Jan Böhmermanns Varoufake. Sind Sie auch reingefallen?
Es ging mir genauso wie Jauch: Ich war mir auch nicht sicher. Und darin lag natürlich die Pointe: In unserer medialen Zeit springen wir wahnsinnig schnell auf Themen auf, echauffieren uns, glauben den Bildern, lassen uns wieder verunsichern. Diese Hysterie, bei der es kaum noch Zeit gibt, Dinge zu prüfen oder zu hinterfragen, hat Böhmermann genau getroffen. Und damit trifft er alle, die publizistisch oder humoristisch tätig sind. Die meisten von uns klopfen Meldungen in erster Linie darauf ab, ob sich Gags ausschlachten lassen. Und dann hauen wir einen raus, damit wir die Ersten sind. Danach befasst man sich intensiver mit den Sachverhalten – und stellt womöglich zu spät den eigenen Irrtum fest.

Böhmermann fährt mit seinen Grexit-Witzen eine Gegenkampagne zur „Bild“. Sein Video mit Klaas Heufer-Umlauf endet mit einer Texteinblendung, die explizit eine Botschaft formuliert. Kann zu viel Haltung die Ironie verderben?

Wenn ich meine Kolumnen schreibe, muss ich jedenfalls auch aufpassen, dass ich vor lauter Haltung nicht den Humor vergesse – weil mich in der aktuellen Flüchtlingsdebatte auch mal der heilige Zorn packt. Da kann man die Leichtigkeit verlieren. Der beste Unterhalter ist zurzeit wahrscheinlich Til Schweiger.

Dieter Nuhr hat viel Zorn mit einem Griechenland-Witz auf sich geladen, weil er gegen die Griechen ging. Die „Titanic“ hat ihm vorgeworfen, Merkel die Pointen zu soufflieren. Ist ein Witz nur gut, wenn er sich gegen die Mächtigen wendet?

Nein, aber ein Witz sollte vor allem überraschend sein. Bei diesem Witz wird auch Dieter selbst zugeben: Es war keiner seiner stärksten. Politische Witze sind zurzeit sowieso schwierig. Was könnte man schon sagen, das lustiger ist als Sigmar Gabriel selbst? Man merkt an den Reaktionen leider auch, dass sich gerade alles in zwei Lager spaltet. Es gibt immer weniger Platz für Grautöne.

Martin Sonneborn hat als Satiriker ein EU-Mandat, das er nicht nutzt – damit er in seiner Rolle bleibt. Gefällt Ihnen diese Grauzone, in der Satire und Realität sich vermischen und der Humor echten Einfluss hat?

Humor ist ja sowieso nicht mehr wirkungslos. Formate wie die „Heute-Show“ oder „Extra drei“ haben mehr Einfluss als die meisten Print- oder Fernsehformate – weil sie Leuten Sachverhalte klarmachen, die sich gar nicht für Politik interessieren. Humoristen betreiben massiv Meinungsbildung.

Die Trierer NPD hat sich mit einem lächerlichen Video demontiert. Haben Sie Angst vor Radikalen, die wirklich lustig sind? Oder schließen Humor und Extremismus sich aus?

Eine berechtigte Frage. Es gibt natürlich erfolgreiche Leute wie Pierre Vogel, der allerdings komplett humorbefreit ist und sich mit seinem rheinischen Singsang der Lächerlichkeit preisgibt. Und es gibt erfolgreiche Komiker, bei denen ich froh bin, dass sie nicht in die Politik wechseln. Bei den Trotteln von der Trierer NPD gingen die Meinungen auseinander: Darf man so was bei Facebook teilen? Ich hab’s gemacht. Die Jungs sind nicht der IS. Der lebt davon, dass sich sein Schrecken in der Welt verbreitet, weil ihn das für Fanatiker attraktiv macht. Die Schreckensbilder aus Trier werden der NPD keine weiteren Fans gebracht haben. Wobei ich gehört habe, dass die vier sich freuen, wenn sie im Freibad erkannt werden. Auch der rechte Nachwuchs gehört zu einer Generation, der es völlig egal ist, womit sie populär sind. Das gilt selbst für Nazis.

Richtig junge Leute gucken gar kein Fernsehen, sondern Youtube. Haben Sie hier schon einmal gelacht?
Nein. Ich habe mal drei Minuten lang versucht, Y-Titty zu sehen. Es waren die drei schlimmsten Minuten meines Lebens. LeFloid finde ich ganz gut. Cleverer Junge.

Sind wir zu alt dafür? Oder sind Youtube-Komiker zu schlecht?
Es ist ganz sicher eine Altersfrage. Wer weiß, worüber ich mit 14 Jahren gelacht habe? Ich hoffe, es findet niemals jemand raus. Wenn ich heute 14 wäre und eine Webcam hätte, käme wahrscheinlich genau dasselbe dabei raus, was Y-Titty und die Lochis machen. Das ist ja auch okay. Ältere wie wir haben dann die Aufgabe, über die Jugend zu wettern. Das war schon immer so.

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