Angst vor Schadstoffen : Was geschah in Tianjin?

Diese Chinesen verlangen  Aufklärung über das Schicksal ihrer vermissten Angehörigen.
Diese Chinesen verlangen Aufklärung über das Schicksal ihrer vermissten Angehörigen.

Zur Explosionsserie in der chinesischen Großstadt mit mindestens 112 Toten ermittelt jetzt der Staatsanwalt

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16. August 2015, 21:00 Uhr

Der chinesische Generalstaatsanwalt will prüfen, ob illegale Praktiken zu der Katastrophe im Hafen von Tianjin mit mindestens 112 Toten geführt haben. Er werde zusammen mit örtlichen Behörden Belege für Machtmissbrauch oder Amtspflichtverletzung suchen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua gestern.

Die Wahrheit über das Ausmaß der Katastrophe tritt nur langsam zutage. 95 Menschen wurden gestern noch vermisst, darunter 85 Feuerwehrleute. Vier Tage nach den ersten Explosionen in dem Gefahrgutlager seien die Chancen „gering“, noch Überlebende zu finden, schrieben Staatsmedien. Unter den zehn Millionen Einwohnern der Metropole nur 120 Kilometer östlich von Peking geht die Angst vor gefährlichen Stoffen in der Luft und im Wasser um.

In Krankenhäusern wurden gestern noch 698 Verletzte behandelt. Die Tragödie enthüllte nach Ansicht der Regierung einen „lockeren“ Umgang mit gefährlichen Chemikalien. China müsse „äußerst tiefgreifende Lehren ziehen, die mit Blut bezahlt wurden“, sagte Staats- und Parteichef Xi Jinping. Im ganzen Land wurden Sicherheitsinspektionen angeordnet.

Nach Protesten verärgerter Familien räumten die Behörden ein, dass möglicherweise viel mehr Feuerwehrleute ums Leben gekommen sein könnten als zunächst bekanntgegeben. Der Tod von 21 Feuerwehrleuten ist bereits bestätigt – das sind mehr als bei irgendeinem anderen Unglück in China seit 1949.

Die Feuerwehrleute waren am Mittwochabend zu einem Brand in dem Gefahrgutlager geeilt und begannen mit den Löscharbeiten, als sich die Explosionen ereigneten. Ihnen war nicht bekannt, welche Gefahrgüter dort lagerten. Auch setzten sie Wasser ein, was bei einigen Chemikalien explosive Reaktionen auslösen kann. Die hohe Opferzahl löste Diskussionen aus, ob Feuerwehrleute für solche Fälle ausreichend ausgebildet sind.

Nach später zensierten Berichten waren am Unglücksort 700 Tonnen Natriumcyanid gelagert, ein Salz der Blausäure, das hochentzündlich ist. Das wären 70 mal mehr als erlaubt. Auch wurde gegen andere Sicherheitsvorschriften verstoßen. So lag das Gefahrgutlager viel zu nah an großen Wohnsiedlungen. Aufbewahrt wurden dort auch Kaliumnitrat und Ammoniumnitrat. Beide Chemikalien sind brandfördernd und werden auch zur Herstellung von Schießpulver oder Sprengstoff genutzt.

Die Explosionen rissen einen riesigen Krater in das Hafengelände des Binhai Distrikts und richteten kilometerweit Schäden an. Mehr als 3000 Bergungskräfte waren gestern in einem Umkreis von drei Kilometern an Aufräumarbeiten beteiligt. Konvois mit Soldaten rollten in die Stadt.

Neue Explosionen durch schwelende Brandherde hatten am Sonnabend das Gelände erschüttert. Starker Rauch stieg auf. Aus Angst vor giftigen Gasen und einem Wechsel der Windrichtung wurden Anwohner in einer Notunterkunft in Sicherheit gebracht. Es herrschte Verwirrung. Obwohl die Polizei über Lautsprecher zur Räumung in einem Umkreis von drei Kilometern aufgerufen hatte, bestritt ein Behördenvertreter, dass eine Evakuierung angeordnet worden sei.

Die Behörden versicherten zwar, dass die Luft ständig überwacht werde und keine Gefahr bestehe – lediglich zwei von 17 Messstellen hätten „für kurze Zeit“ Blausäure registriert. Doch Anwohner waren besorgt. Viele trugen Mundschutz. Auch beteuerten amtliche Stellen, Abflussrohre seien gesperrt, so dass kein vergiftetes Wasser abfließen könne. Da die Behörden den Informationsfluss aber stark kontrollierten, Berichte zensierten und sogar 50 Webseiten wegen der Verbreitung von angeblichen „Gerüchten“ schlossen, hatten viele Menschen den Eindruck, dass ihnen nicht die Wahrheit gesagt wird.

Chinas Präsident sagte, eine jüngste Serie von Unglücken zeigten „ernste Probleme beim Arbeitsschutz“. Er forderte bessere Notfallmechanismen, verstärkte Umsetzung von Sicherheitsvorschriften und Inspektionen potenzieller Gefahren. Zuvor hatte das Amt für Arbeitsschutz erklärt, das Unglück „enthüllt einen Mangel an Sicherheitsbewusstsein bei Unternehmen und eine lockere Umsetzung von Sicherheitsvorschriften“.

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