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RTL-Kulturprogramm : Warum Twitter die ergreifende Qualitätssendung „Bachelor“ nicht versteht

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Das Netz lacht einmal mehr über die medial inszenierte Balz auf RTL. Und übersieht dabei offenbar den kulturellen Tiefgang des RTL-Klassikers.

svz.de von
erstellt am 02.Feb.2017 | 11:20 Uhr

Miami | Der alljährliche Kult um den schrumpfenden Harem des „Bachelors“ hat begonnen – und mit ihm die Lästereien, die dieses Juwel der Hochkultur offenbar nur verfolgen, um es zu verlachen. 3,11 Millionen Leute entschieden sich am Mittwochabend für die Staffel-Premiere der RTL-Kuppel-Soap. Im Gesamtpublikum lief es sogar nur beim allerersten „Bachelor“-Versuch im Jahr 2003 weniger gut als diesmal. Eventuell liegt das am allgemeinen Unvermögen, die Tiefe der bundesweiten, interaktiven Performance-Art zu verstehen. So twittern die Banausen.

1. Das Missverständnis um die Auto-Performance

Ein Nutzer hat offenbar die wohlchoreographierte Performance-Art der 22 Frauen nicht verstanden. Sie wollen mit der nur leicht variierenden Repetitio den Verlauf des Lebens inszenieren, dessen stets gleiche Skripte im neuen Gewand.

2. Die Fehlinterpretation der Bildsprache

Falsch, lieber Twitter-Nutzer. Die Künstlerin macht mit ihrem Werk „Resting Doll“ auf die Brüchigkeit der menschlichen Fassade aufmerksam. Sie zeigt dem Betrachter den Moment, wenn das Antlitz der vermeintlich perfekten Barbie-Puppe brüchig wird. Wenn Schminke und Glitzer nicht mehr das Allzumenschliche überdecken können.

3. Die Dialektik der Werte

Laien interpretieren das Konzept der Sendung häufig falsch. Es handele sich beim „Bachelor“ um eine oberflächliche Fleischbeschau, ist das Argument der Kritiker. Doch die Auswahl von ausschließlich überdurchschnittlich aussehenden Personen, die sich in der vermeintlichen „Traumvilla“ räkeln, hat eine Tiefe, die nur schwer zu begreifen ist. Gerade diese Oberflächlichkeit, diese kitschige Inszenierung, konterkariert das Streben nach wahrhaftiger Liebe und dem kleinen, alltäglichen Glück. Die eigentlichen Werte geraten durch die gewollte Ablehnung des Formats in den Mittelpunkt.

4.  Die Freude des Hasses

RTL gibt den Zuschauern die Gelegenheit, fremde Menschen anhand erster Eindrücke zu hassen. Diesen Service bekommt man sonst lediglich am politisch rechten Rand geliefert. Dabei orchestriert der Fernsehsender die Klaviatur der Ablehnung gekonnt vom pianissomo der persönlichen Distanz über die Dissonanz der Fremdscham bis hin zum tief empfundenen Crecendo des Hasses.

5.  Innere Kritik am Eskapismus

Mit dem sozialkritischen Format „Bachelor“ hält RTL der Gesellschaft einen Spiegel vor. Stets füllt das Thema die Boulevardspalten, bestimmt den beliebtesten Twitter-Hashtag und sorgt auf Onlineseiten für Klick-Hits. Diese Massenbeachtung schenkt dem Format wiederum spiralförmig eine weitere Aufmerksamkeit – so dass es selbst auf der dritten Metaebene noch Interessenten findet. Die vermeintlich allzu plumpe Form des Eskiapismus hat aber wiederum den gewünschten Effekt, dass die Distanz dazu im Inneren des Betrachters entsteht. Die durch den „Bachelor“ zunächst verdrängten Meldungen über die Hungersnot im Nordosten Nigerias oder über die humanitäre Katastrophe im Jemen, werden so zwar öffentlich an den Rand gerückt, introspektiv allerdings wiederum zum Zentrum einer kognitiven Dissonanz.

6. Beitrag zur Genderdebatte

 

Das genaue Gegenteil ist der Fall.  Bewusst stützt sich das RTL-Format auf klassische Rollenbilder, erzeugt eine Reminiszenz von Märchenwelten und Disney-Filmen. Durch die provokante Infragestellung der Emanzipation wird das westliche Gesellschaftsbild von der Maske der Modernität befreit und das darunterliegende Gesicht des Atavismus präsentiert.

7. Infragestellen der neuen Ständeordnung

 

Der „Bachelor“ triggert wie auch schon das RTL-Opus „Dschungelcamp“ die Arroganz des Bildungsbürgertums. Es nutzt ihm zur Abgrenzung und Selbstüberhöhung. Die gesellschaftlichen Strukturen werden damit im alltäglichen Diskurs angesprochen.

8. Der elliptische Diskurs

Beim Zuschauer werfen sich durch bewusst herbeigeführte Irritationen immer wieder philosophische Fragen auf – manövriert durch die geschickte Ellipse, das Weglassen eines sinnvollen Diskurses.

 
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