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Kosmetik und Co : Warum das Sperma deutscher Männer schlechter wird

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Spermien sind der Ursprung menschlichen Lebens. Doch Wissenschaftler schlagen Alarm.

svz.de von
erstellt am 27.Mär.2017 | 16:00 Uhr

Menschliche Fortpflanzung ist denkbar einfach – zumindest in der Theorie. Es braucht Spermien, es braucht eine Eizelle, beides muss zueinanderfinden und sich anschließend in der Gebärmutter einnisten. Neun Monate später kommt ein Kind zur Welt. Wenn alles gut läuft.

In der Praxis können Aberdutzende Dinge dazwischenkommen, die verhindern, das Leben entsteht und gesund heranwächst. Ein Störfaktor: Spermien, die nicht mehr in der Lage sind, ihren Job zu erledigen. Wissenschaftler beschäftigen sich seit Jahren mit der Frage, warum die Spermaqualität und -funktionalität bei Männern in Industrienationen wie Deutschland abnimmt.

Immer häufiger kommen sie zu dem Ergebnis, dass Chemikalien eine Rolle spielen könnten, die sich auf den Hormonhaushalt auswirken. Das Alarmierende: Diesen Chemikalien sind wir im Alltag ständig ausgesetzt. Sie kommen als Weichmacher in Plastik vor, in Lebensmitteln, Spielzeug, Kleidung und Kosmetika.

„Die Fruchtbarkeitsraten in Europa sind auf einem kritischen Tiefstand. Die schlechte Spermaqualität könnte eine Ursache sein, was unsere Regierungen und das Gesundheitssystem stark beunruhigen sollte“, sagt Professor Niels E. Skakkebaek von der Universität Kopenhagen. Er gilt als Koryphäe bei der Erforschung männlicher Fruchtbarkeitsstörungen. Sein Leitsatz: „Die menschliche Zukunft wird nur so gesund sein wie das männliche Sperma.“ Und da liegt einiges im Argen.

Die Probleme beginnen nach dem Sex. Spermien müssen den Weg zur Eizelle finden. Je mehr Spermien unterwegs sind, desto größer die Chance einer Befruchtung. Doch die Anzahl der Spermien im Ejakulat europäischer Männern hat in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen, wie Studien zeigen. Zudem nimmt die Zahl fehlgeformter Spermien zu, die zwei Köpfe oder zwei Schwänze haben und ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Und: Es scheint Spermien zu geben, die sich auf dem Weg zur Eizelle schlicht verirren. Schlechte Schwimmer, die von Fremdstoffen abgelenkt werden, die die Befruchtung stören.

Das zumindest deuten Experimente an, die der Münsteraner Reproduktionswissenschaftler Timo Strünker mit seinem Team durchgeführt hat. Sie konnten unter Laborbedingungen zeigen, dass sogenannte hormonell wirksame Chemikalien (endocrine disrupting chemicals, EDCs) körpereigene Hormone imitieren, die für die Navigation der Spermien und den Befruchtungsprozess entscheidend sind. Diese Chemikalien nimmt so gut wie jeder Mensch über Lebensmittel, Pflegeprodukte und Kleidung auf – und sie verteilen sich im gesamten Körper, auch im weiblichen Genitaltrakt. Hier können sie bei Spermien Hormonreaktionen hervorrufen, lange bevor diese die Eizelle erreicht haben. Zu einer Befruchtung kommt es so womöglich erst gar nicht, sollten sich die Spermien auf dem Weg im Eileiter verzetteln.

„Was uns bisher fehlt, ist der endgültige Nachweis, dass die Chemikalien wirklich mitverantwortlich sind für die Zunahme von Fruchtbarkeitsstörungen“, sagt Professor Strünker. Denn der Laborbeweis lässt sich über Praxistests nicht nachbilden. Befruchtungsexperimente an menschlichen Eizellen sind verboten. Und bisher sind keine Tiere gefunden worden, bei denen die Spermien die gleichen Hormonreaktionen zeigen wie beim Menschen.

Skakkebaek und sein dänisches Forschungsteam beschäftigen sich ebenfalls mit den hormonell wirksamen Chemikalien. Sie glauben, dass deren Einfluss noch weit über das hinaus geht, was unmittelbar vor der Befruchtung passiert. Die These: Männliche Embryos kommen schon im Frühstadium einer Schwangerschaft mit den gefährlichen Alltagschemikalien in Kontakt. Und das könne vielzählige Auswirkungen haben: späteren Hodenkrebs, Hoden- und Penisfehlbildungen, geringere Testosteronlevel und Pubertätsstörungen – alles schwerwiegende Folgen, die zu einer verminderten Fruchtbarkeit führen können.

Auch Skakkebaeks Forschung steht erst am Anfang, wie der Wissenschaftler betont, obwohl er seine Arbeit seit Jahrzehnten dem Thema widmet. Besonders von der Gesundheitspolitik erhofft er sich wichtige Impulse. Denn: Wie stark Menschen den hormonell wirksamen Chemikalien ausgesetzt sind, sei letztlich auch eine politische Entscheidung.

Für viele der Chemikalien gibt es Grenzwerte. Doch diese gelten immer nur für einzelne Substanzen, wie Forscher Strünker erklärt. In seinen jüngsten Experimenten findet er jedoch Hinweise für sogenannte „Cocktaileffekte“. Menschen nehmen eine Masse der Chemikalien gleichzeitig auf und ihre Wirkung scheint sich gegenseitig zu verstärken. Solche Cocktaileffekte werden bei der Festlegung von Grenzwerten jedoch nicht berücksichtigt.

Können sich Männer schützen, solange die Politik nicht handelt? Wie können Mütter ihre Kinder vor Fruchtbarkeitsstörungen bewahren? Das seien schwierige Fragen, für die es keine befriedigende Antwort gibt, sagt der Münsteraner Experte. Zumindest ein paar Grundregeln lägen aber auf der Hand: billiges Plastik vermeiden, das schon aus weiter Entfernung nach Weichmachern stinkt, und Lebensmittel gründlich reinigen, die mit Pestiziden in Kontakt waren.

In seinen Experimenten wies Strünker nach, dass auch UV-Blocker, die in Sonnencremes vorkommen, hormonell wirksam sind und möglicherweise die Fruchtbarkeit verringern. Das Ergebnis sorgte für starke Verunsicherung bei Verbrauchern. Sollten sie besser die Finger von Sonnencremes lassen? Zumindest hier fällt die Antwort des Münsteraner Spermienforschers eindeutig aus: Wer Hautkrebs riskiert, um möglicherweise seine Fruchtbarkeit leicht zu verbessern, der habe die falsche Entscheidung gefällt.

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