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Phantom der Oper II - Hinter den Kulissen : Vor dem Auftritt kommt die Stille

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit dem Musical „Liebe stirbt nie“ findet das „Phantom der Oper “ seine Fortsetzung. Wir haben den Darsteller Martin Rönnebeck bei seinen Show-Vorbereitungen begleitet

svz.de von
erstellt am 21.Dez.2015 | 00:35 Uhr

Wie sieht es im Herzen des Stage Operettenhauses in Hamburg aus? Wie geht es hinter den Kulissen von „Die Liebe stirbt nie – Phantom II“ zu? Die Antwort: Es ist dunkel. Etwas warm. Und ziemlich eng. Haushohe Bühnenbilder. Ein Tresen einer alten Hafenkneipe. Ein prunkvolles Spiegelzimmer. Eine imposante schwarze Kutsche, verschnörkelt, mit Gold verziert und doch düster. Und überall fantastische Figuren und Gestelle aus Holz und Metall. Das schummrig blaue Licht der wenigen Leuchten an den schwarzen Wänden führt durch einen schieren Wald an Requisiten.

Plötzlich huscht ein Mann vorbei. „Ich bin gleich da, muss nur noch duschen“, sagt er und verschwindet hinter einer dicken Tür. Martin Rönnebeck hat es eilig. Der 42-jährige Hamburger gehört zum Ensemble des Theaters. 37 Darsteller aus 14 Nationen, darunter Island, Japan, Russland, Schweden und die USA, spielen beim Musical Phantom II mit. In der Regel müssen alle, die am Abend auftreten, zwei Stunden vor Beginn der Vorstellung vor Ort sein. Rönnebeck ist spät dran.

Wie viele seiner Kollegen wird er heute Abend gleich mehrere Rollen verkörpern. Abgesehen von der Hauptrolle gibt es acht Männerrollen. Auf alle ist er vorbereitet.


Mit jeder Rolle in eine andere Welt


Der Hamburger ist vor knapp 20 Jahren zum Theater gekommen. Davor studierte er Theologie. „Ich habe damals bei einem Musical-Workshop mitgemacht. Da wurde ich angesprochen, ob ich mich nicht auf die Aufnahmeprüfung an der Stage School of Music vorbereiten will. Das habe ich dann gemacht und wurde genommen“, erzählt Rönnebeck von seinen Anfängen als Musical-Darsteller. Es folgten Weiterbildungen, Anstellungen auf einem Kreuzliner sowie an mehreren Theatern in Deutschland und im Ausland. Bereut hat er den Berufswechsel nie. „Der Job hält jung, man ist wacher im Kopf. Mit jeder neuen Rolle taucht man in eine andere Welt ein und jedes Mal hat es eine andere Wirkung auf das Gemüt. Ich könnte ganze Lebensabschnitte nach meinen Rollen benennen“, erklärt Rönnebeck und lacht.

Unterstützung erfährt der Sänger von seinen Eltern – insbesondere von seiner Mutter. „Meine Mutter findet alles gut, was ich mache.“ Sein Vater hingegen sei von seiner Berufswahl anfänglich nicht überzeugt gewesen, erinnert sich der Hamburger. „Er hat sich heimlich in eine meiner Vorstellungen geschlichen und mir danach einen Brief geschrieben. Darin stand, dass er nun verstehen könne, warum ich das mache.“

Ein leises Grollen durchdringt das Theater. Es ist das Geräusch der Bühne. Sie ist rund, misst im Durchmesser etwas mehr als acht Meter und dreht sich. Über die Lautsprecher ertönt Musik, dann Stimmen. Das Orchester stimmt sich ein. Vor jeder Show wird die gesamte Technik gecheckt. Alles, was Licht erzeugt, sich bewegt oder Töne von sich gibt, wird geprüft.


120 Echthaar-Perücken an einem Abend


Frisch rasiert geht Rönnebeck in die Maske. Der abgetrennte Bereich direkt hinter der Bühne ist der einzige Platz, der in hellem Licht erstrahlt. An einer Wand, zwischen Spiegel und Schminktischen, hängt so etwas wie eine Pinnwand. Ein Sammelsurium an verschiedenen Bärten ist mit kleinen Nadeln daran fixiert. Gegenüber steht ein großes Regal mit Köpfen. Kunstvoll frisierte Echthaar-Perücken haben hier ihren Platz gefunden. Jeder Kopf wie auch jeder Bart ist mit dem Namen des Schauspielers und der Rolle beschriftet, die er verkörpert. Denn die Haarpracht wurde in mühevoller Handarbeit an die Kopfform seines Trägers angepasst. 120 dieser haarigen Meisterwerke sind im Laufe der Vorstellung auf der Bühne zu sehen.

Rönnebeck kommt heute ohne Bart und Perücke aus. Auch das Make-up fällt eher sporadisch aus. „Heute brauche ich nur eine Grundierung“, erzählt er und greift zu Schwämmchen und Tube. Sich weitestgehend selbst zu schminken sei üblich. „Im Gesicht mache ich alles selbst. Alles am Hinterkopf, bei Perücken und wenn man eine Glatze bekommt, braucht man Hilfe“, erläutert er. In solchen Fällen sind Profis gefragt – wie die fünf Maskenbildner des Theaters.

Ein paar Handgriffe und wenige Minuten später ziert Rönnebecks rundliches Gesicht eine zart bräunliche Farbe. Andere brauchen etwas mehr Geduld. Aufwendig ist vor allem die Rolle des Phantoms. Das Make-up dauert rund 90 Minuten.


Jedes Kleidungsstück trägt einen Namen


Für den 42-Jährigen geht es weiter in den Kostümbereich – die sogenannte Blackbox. Zwei davon gibt es – nach Geschlechtern getrennt. Während der Vorstellung ist es hier nahezu stockfinster, das Umziehen eine Herausforderung. Rönnebecks Blick fliegt über den Garderobenständer. Er kontrolliert, ob alle Kostüme, die er für heute Abend braucht, auch an ihrem Platz sind. Und wieder zeigt sich das ausgeklügelte Organisationssystem. Alle Hosen, Jacken, Kleider, selbst Hüte und Schuhe sind mit Namen versehen, eine Verwechslung ausgeschlossen. Der Fundus des Phantom II umfasst 250 Kostüme und 200 Kopfbedeckungen. Von historischen Gewändern aus der Zeit um 1900 bis zu fantasievollen Kleidern aus dem Variety-Bereich – alles ist für den jeweiligen Darsteller maßgeschneidert.

Jetzt fehlt Rönnebeck nur noch eins zum großen Auftritt – ein Mikrofon. Aus einem unscheinbaren Holzkasten an einem der Bühneneingänge holt er einen kleinen silbergrauen Kasten hervor und befestigt ihn an seiner Kleidung. Am Ende des Kabels befindet sich das nur wenige Millimeter großes Mikrofon. Geschwind platziert Rönnebeck es an seinem Haaransatz, das Kabel verschwindet im Haar. „Jetzt kann es losgehen“, sagt er. Ganz ohne Einsingen? „Das habe ich schon zu Hause getan. Vor der Vorstellung gehe ich auch noch mal die Texte durch.“ Lockerungs- und Sprachübungen absolviere er im Auto während der Fahrt zum Theater.

Nur noch zehn Minuten bis der Vorhang sich hebt. Hinter der Bühne weicht die Gelassenheit einer angespannten Stimmung. Während einige Darsteller noch mal die Choreografie durchgehen und schwierige Gesangspassagen wiederholen, ziehen sich andere zurück. Auch Rönnebeck sucht die Stille. „Jeder hat da seinen eigenen Weg mit der Nervosität fertig zu werden. Ich möchte kurz vor dem Auftritt meine Ruhe haben“, erzählt der Sänger, atmet tief durch und verschwindet im Dunkeln.





















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