Irrtümer aus der Vogelwelt : Von wegen Rabeneltern!

Die Brutsaison der Vögel steht vor der Tür – und schon jetzt schlüpft so mancher Irrtum aus dem Ei.

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02. April 2018, 05:00 Uhr

Der Kuckuck hat in der Brutsaison keinen Stress

Der Kuckuck hat es gut, könnte man meinen. Schließlich spart er sich in der Brutsaison den ganzen Stress und legt seine Kuckuckseier einfach anderen Vögeln ins Nest, die sie ausbrüten. Ganz so stressfrei ist das Ganze allerdings keineswegs. Jedes Kuckucksweibchen spezialisiert sich nämlich in der Regel ein Leben lang auf eine ganz bestimmte Wirtsvogelart, deren Eier es dann täuschend echt zu imitieren vermag. Sind die Bestände dieser Wirtsvögel aber rückläufig – und das ist in der heutigen Zeit, in der der Mensch die Natur immer mehr zurückdrängt und zerstört, immer häufiger der Fall – kann auch das Kuckucksweibchen schnell ein Problem bekommen: Dann wird die Suche nach einem geeigneten Wirt eventuell ganz schön stressig.

Unter den etwa einhundert Wirtsvogelarten Mitteleuropas gibt es zudem noch eine ganze Reihe sogenannter Fehlwirte, bei denen der Trick mit den untergeschobenen Eiern nicht funktioniert. Und selbst von den verbliebenen, potenziell geeigneten Wirten ziehen bis zu 30 Prozent den fremden Nachwuchs dennoch nicht groß und geben das Gelege vorzeitig auf. Wenn ein Kuckuck es in der Brutsaison allzu locker angehen lässt, dann hat er die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Ins Nest zurückgesetzte Küken werden verstoßen, weil sie nach Mensch riechen

In der Brutsaison kommt es immer mal wieder vor, dass man Küken außerhalb ihres Nestes antrifft. Was nun? Wer sie zurück ins Nest setzen will, macht in der Regel einen Fehler, sagen Ornithologen. Ganz junge Küken, die noch größtenteils nackt sind und geschlossene Augen haben, wurden nämlich meist nicht ohne Grund aus dem Nest geworfen. Die Elterntiere setzen alles vor die Tür, was ihnen nicht fit und gesund genug erscheint. Es kann auch gut sein, dass ein Tier aus dem Nest gefallen ist, weil es darinnen allmählich zu eng geworden ist.

Wer also ein junges Küken zurück ins Nest setzt, muss damit rechnen, dass er es am nächsten oder übernächsten Tag wieder an der gleichen Stelle außerhalb des Nestes antrifft. Mit menschlichem Geruch, den das Küken eventuell annehmen könnte, hat das aber nichts zu tun. Wer ein solches nacktes und hilfloses Küken entdeckt, sollte es warm halten und sich zügig an einen Fachmann wenden, Tier- und Naturschutzvereine etwa, die wissen was zu tun ist.

Es gibt aber auch noch eine weitere Art von Küken, die man ebenfalls nicht zurücksetzen sollte. Ältere Jungvögel, deren Gefieder relativ gut ausgebildet ist, verlassen das Nest oft schon ein paar Tage, bevor sie richtig gut fliegen können. Sie flattern in der Gegend umher oder sitzen im Unterholz. Die Jungvögel werden aber noch regelmäßig von den Elterntieren gefüttert, auch wenn man diese nicht immer auf Anhieb zu sehen bekommt. Diesen Vögeln hilft man am besten, indem man sie dort sitzen lässt, wo sie sitzen. Die Hauskatze und auch den Hund sollte man zur Brutsaison ohnehin nicht unbeobachtet lassen, denn die können diesen Vögelchen sehr wohl zum Verhängnis werden.

Die Männchen sind immer farbenprächtiger als die Weibchen

Bei den ersten Vögeln, die einem einfallen, stimmt das sogar: Die Erpel auf dem Teich sind bunter als die Enten, die Hähne auf dem Mist sind bunter als ihre Hühner, und der männliche Pfau ist in Sachen Farbenpracht ja geradezu legendär. Bei der Partnerwahl beziehungsweise Balz kann diese Schönheit und Buntheit durchaus von Vorteil sein.

Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Vögeln, bei denen die Männchen keineswegs bunter gefärbt sind als ihre Weibchen: Bei Gänsen, Möven, Reihern, Störchen und Krähen sehen sich doch beide Partner recht ähnlich - zumindest mit menschlichen Augen betrachtet.

Ja, und dann gibt es auch noch die Arten, bei denen sogar in der Brutsaison die Weibchen optisch mehr hermachen: Odins- und Thorshühnchen zum Beispiel. Interessanterweise setzen die aber auch sonst auf Rollentausch. Bei diesen Arten sind es nämlich die Weibchen, die aktiv auf Partnersuche gehen und um die Männchen werben.

Rabeneltern vernachlässigen ihren Nachwuchs

Rabenvögeln hat man schon so manches nachgesagt. Geradezu sprichwörtlich geworden ist die angebliche Vernachlässigung des eigenen Nachwuchses. Nur Rabeneltern tun so etwas Schreckliches, so heißt es. Der Volksmund irrt aber, wenn er das sagt, denn Raben sind nicht nur außergewöhnlich intelligent, sie kümmern sich auch geradezu vorbildlich um ihre Nachkommenschaft, wissen Ornithologen. Woher kommt dann aber dieses Vorurteil?

Da können selbst Vogelkundler und Kulturwissenschaftler letztendlich nur spekulieren, denn abschließende Gewissheit gibt es bis heute nicht. Es kann sein, dass unsere Vorfahren aus ihren Beobachtungen falsche Schlüsse gezogen oder auch einfach nur nicht richtig hingeguckt haben. Die Jungvögel verlassen nämlich schon das Nest, bevor sie richtig fliegen können. Unweit des Nestes lassen sie sich weiter von ihren Eltern füttern – so wie das bei vielen anderen Vögeln auch der Fall ist. Da aber Raben in früheren Zeiten bei uns weit verbreitet waren, und sich auch oft in der Nähe menschlicher Behausungen niederließen, so traf man zur Brutsaison überall Rabenjunge an, die auf dem Boden sitzend hilflos wirkten und um Futter bettelten. Die Schlussfolgerung unserer Ahnen könnte demnach so simpel wie falsch gewesen sein: Ihre Eltern mussten die Kleinen doch ganz einfach im Stich gelassen haben, Rabeneltern eben.

Nur wer etwas genauer hinschaute, konnte beobachten, dass die Elterntiere sich auch jetzt noch eifrig um ihren Nachwuchs kümmerten und ihn mit Futter versorgten. So ganz genau wollte man das aber in den vergangenen Jahrhunderten gar nicht wissen, denn die Mär von den bösen Rabeneltern passte ganz gut zum negativen Image der Rabenvögel, das sie bei manchen Bauern und Jägern auch heute noch haben.

Vögel brüten nicht im Winter

Der Frühling hat seine Vorteile. Nach dem Winter fliegen erstmals wieder reichlich Insekten umher, mit denen sich der Nachwuchs großziehen lässt. Das bedeutet nun aber keineswegs, dass nur im Frühjahr gebrütet wird. Viele Vögel ziehen mehrere Generationen in einem Jahr groß, und somit verschiebt sich die Brutsaison ganz automatisch. Es gibt sogar Vögel, die im Winter brüten. Für Fichtenkreuzschnäbel (Loxia curvirostra) etwa beginnt die Saison oft schon im Dezember. Sie ernähren sich und ihre Brut vor allem mit Fichtensamen, aber auch mit den Samen anderer Nadelbäume. Mit ihrem eigentümlich gekreuzten, überlang wirkenden Schnabel spreizen sie die Schuppen der Zapfen ab und gelangen so an die Leckereien. Ornithologen haben Berechnungen angestellt, wonach an eine einzige Brut bis zu 85 000 Samen verfüttert werden.

Ein weiteres Problem bleibt aber im Winter: die Kälte. Zwar sind die Winternester dichter gebaut und besser ausgepolstert, aber spätestens wenn beide Elterntiere ausfliegen, um Futter zu besorgen, kann die Brut ganz schön frieren. Oft fallen die Küken sogar in eine Art Kältestarre, aus der sie die Altvögel erst wieder erwecken müssen. Dennoch, die Tortur zahlt sich aus: Der weltweite Bestand an Fichtenkreuzschnäbeln wird auf viele Millionen von Tieren geschätzt, Tendenz stabil.

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