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Ausstellung in Berlin : Von Ost- und Westbrötchen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kaufhalle und Supermarkt: Eine neue Ausstellung im Deutschen Historischen Museum beleuchtet die Umbrüche nach der Wende

Hinter Glas liegt das dicke, glänzende Westbrötchen neben dem kleineren, blassen aus dem Osten. Ein Fach darunter fällt eine Holzbank mit vier rosa Kinder-Nachttöpfchen nebeneinander in den Blick. Die neue Ausstellung „Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft“ greife auch Klischees, Stereotype und Schubladen-Denken auf, sagt Kurator Jürgen Danyel. Die Schau ist vom 27. Mai bis 3. Januar 2016 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen.

Im Jahr 25 nach der Einheit würdigt die Ausstellung die historische Leistung der Ostdeutschen – sie hätten nach der Wende nicht nur einen gesellschaftlichen Wandel bewältigt, sondern auch tiefe Einschnitte ihres persönlichen Lebens, wie die Ausstellungsmacher bekräftigen.

Das Museum und das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) haben den Rückblick auf die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung zusammen erarbeitet – auf eine Zeit, als die erste Euphorie über die Wiedervereinigung verflogen war.

Dass in DDR-Krippen Jungen und Mädchen gemeinschaftlich auf dem Topf saßen, war 1999 Auslöser einer heftigen Debatte. Der westdeutsche Kriminologe Christian Pfeiffer meinte damals, die „Gruppenerziehung Ost“ zu „Ordnung, Disziplin und Sauberkeit“ und ein „unglaubliches Training“ schon von Kleinkindern habe den Boden für Ausländerhass geliefert. Das hatte einen Sturm der Empörung im Osten ausgelöst. Die Töpfe für die Ausstellung seien extra angefertigt worden, sagt Danyel vom ZZF. Originale seien nicht mehr aufzutreiben gewesen.

Die Ausstellung auf 400 Quadratmetern geht nicht chronologisch vor, sie präsentiert Themeninseln wie Sprache, Medien, Arbeitswelt, Konsum und Geld sowie eine Station mit Biografien und Zeitzeugeninterviews. Ein Kapitel ist auch dem Nationalgefühl gewidmet.

Etwa 280 Exponate wurden zusammengetragen. Darunter ist das ausgeliehene Bild des Malers Jörg Immendorff „Söhne der Sonne“, das an den Einheitstag am 3. Oktober 1990 erinnert.

Präsentiert wird auch ein Karteikarten-Paternoster aus dem früheren Ministerium für Staatssicherheit. Das klobige Stück steht laut Danyel für das „Gaucken“ – die massenhaften Überprüfungen auf frühere Stasi-Mitarbeit – sogenannt nach dem ersten Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde Joachim Gauck, dem heutigen Bundespräsidenten. In einem alten Sparbuch prangt der Stempel von der Umstellung auf die ersehnte D-Mark.

Kuratorin Doris Müller-Toovey vom Deutschen Historischen Museum verweist auf die damalige Aufbruchstimmung in der Kultur. „Da ist in der Nachwende-Zeit viel Freiraum entstanden, gerade Berlin war wie ein Durchlauferhitzer“, so die 52-Jährige.

Zu sehen sind etliche berührende Fotos in Schwarz-Weiß. Eine Serie zeigt den Wandel eines Arbeiters, der nach dem Mauerfall noch Trabis repariert. Auf dem letzten Bild kümmert sich der Mann als Pfleger um Alte. Drei Jahre nach dem Ende der DDR habe jeder dritte Ostdeutsche nicht mehr seinen alten Arbeitsplatz gehabt, heißt es im Vorwort zur Ausstellung.

Die Macher betonen, dass der historisch einmalige Wandel auch die Westdeutschen und die alte Bundesrepublik veränderte – wenn auch nicht mit solcher Wucht wie im Osten. Historiker Danyel kann sich gut vorstellen, dass die Ausstellung auch in einer westdeutschen Stadt auf Interesse stößt. Vielleicht finde sich ein Interessent, hieß es. 

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