Opulente Adventskalender : Viel Packung, wenig Inhalt

Schokolade oder Spielzeug? Die Angebotspalette ist breit.
Schokolade oder Spielzeug? Die Angebotspalette ist breit.

Große Vorfreude auf Weihnachten, tiefer Griff in den Geldbeutel? Der Markt für aufwendig verpackte Adventskalender – auch für Erwachsene – wächst

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30. November 2017, 12:00 Uhr

Hat der einfache Adventskalender mit weihnachtlichem Motiv und Milchschokoladenstücke für ein paar Cent bald ausgedient? Beim Stöbern durch das riesige, vielfältige Angebot an opulent gestalteten Exemplaren von Markenherstellern in den Kaufhäusern scheint es, als seien seine Tage tatsächlich gezählt. Adventskalender im Großformat, auch mal als Weihnachtsmann, Tannenbaum oder Turm gestaltet, gefüllt mit hochwertiger Schokolade, Pralinen, Marzipan, Keksen, Bonbons, Fruchtgummis, Spielzeug, Kosmetik, Parfüm, Tee, Säften, Alkohol bis zu Socken dominieren die Regale zum durchschnittlichen Preis von zehn bis fünfzig Euro.

„Das sind horrende Preise“, kritisiert Armin Valet, Lebensmittelexperte der Verbraucherzentrale Hamburg. So zahle man für die Süßigkeiten in den Adventskalendern bis zu viermal mehr als für die in den Standardverpackungen, wie die Verbraucherschützer unlängst in Stichproben festgestellt haben: „Man gibt viel für die Verpackung aus und wenig für den Inhalt.“ Seit einigen Jahren hält der große Trend zu Adventskalendern für Erwachsene an, die auch andere Produkte enthalten als Schokolade, bestätigt Solveig Schneider vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie. „Es gibt viel mehr größere Adventskalender und verschiedene Angebote für jede Zielgruppe.“

Markenhersteller hätten längst dieses Geschäftssegment entdeckt „und bauen es mehr auf“, sagt Hans Strohmaier, Vorstandsvorsitzender des Internationalen Süßwarenhandelsverbands Sweets Global Network (SGN). 2016 wurden in Deutschland, laut Marktforschungsinstitut IRI, 249 verschiedene Sorten verkauft, darunter 144 für Erwachsene und 105 für Kinder. „Aber die Verkaufserlöse sind bei den Kinderkalendern mit einem Anteil von 57 Prozent noch höher“, erklärt Strohmaier. Er schätzt, dass die Nachfrage nach sogenannten No-Name-Kalendern, also „einfache, günstige Milchschokoladenkalender ohne Lizenz“, zurückgehen werde.

Die 24-Türchen-Vorfreude auf Weihnachten ist mittlerweile eine außerordentlich schöne Bescherung für die Hersteller und Handel: „Der Verkauf von Adventskalendern ist wertmäßig stark gestiegen: Von 75 Millionen Euro (2014) auf 90 Millionen Euro (2016)“, zitiert Strohmaier IRI-Zahlen. In diesem Jahr wird demzufolge eine weitere Umsatzsteigerung erwartet, die „sich vielleicht der 100-Millionen-Euro-Marke nähert“. Insgesamt 80 Millionen Adventskalender werden jährlich in Deutschland produziert.

Laut Zahlen des Marktforschungsinstituts Ipsos bekommen 80 Prozent der Kinder einen Adventskalender, der mit Süßwaren gefüllt ist, der Rest mit Spielzeug. Und so verzeichnet auch der Deutsche Verband der Spielwarenindustrie (DVSI) steigende Umsätze: 2016 waren es demnach mit gut 30 Millionen rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Vorreiter war hier Playmobil, der 1996 den ersten Spielwarenkalender auf den Markt brachte. Inzwischen haben laut DVSI die meisten namhaften Hersteller einen Kalender im Programm.

Die preisliche Schmerzgrenze bei den Verbrauchern sieht Strohmaier im Durchschnitt bei Adventskalendern für Kinder bei 10 Euro und für Erwachsene bei 30 Euro. Darf es also noch etwas mehr hinter dem Türchen sein? Verbraucherschützer Armin Valet sieht die Entwicklung skeptisch: „Weihnachten wird immer mehr zu Kommerz.“ Er rät Verbrauchern, sich nicht durch große Verpackungen täuschen zu lassen: Sie sollten auf den Grundpreis achten, Preise vergleichen und dann genau überlegen, ob ihnen der vorproduzierte Adventskalender das Geld wert sei oder ob sie stattdessen nicht „kreativ werden“, einzeln die Produkte kauften und in einem selbst gemachten Adventskalender verschenkten.

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