Alltag in Jordanien : Verloren im staubigen Nirgendwo

zaatari collage
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Jordanien spielt eine Schlüsselrolle in der Flüchtlingskrise – dennoch halten sich die Gaben Europas für das kleine Königreich in Grenzen

svz.de von
04. August 2016, 12:00 Uhr

Die Hitze in der jordanischen Wüste brennt erbarmungslos auf die Containerwohnungen herunter, die in der flirrenden staubig-trockenen Luft bis an den Horizont zu reichen scheinen. Neben den Straßen liegt Abfall. Mittendrin steht ein kleiner Junge – beobachtet die Besuchergruppe, die da mit Jeeps über das Gelände braust. Als die Kolonne anhält, kommt er neugierig näher. Er versteht kein Englisch. Das Schokoladenherz, das man ihm schenkt, nimmt er mit einem scheuen Lächeln entgegen, bevor er schnell davonhuscht.

Der Alltag für Kinder wie ihn kann in dem riesigen Flüchtlingslager schon eintönig sein. Knapp 80 000 Menschen leben inzwischen hier in Zaatari. Im Juli 2012 ist das Camp errichtet worden, inzwischen gilt Zaatari als viertgrößte Stadt Jordaniens. Hier leben ausschließlich Syrer. Viele der Menschen kommen nicht von weit her, die Grenze liegt nur etwa 15 Kilometer von der Containerstadt entfernt. 30, vielleicht 40 Kilometer entfernt befinden sich ihre Heimatdörfer. Und sind doch so unerreichbar. Die meisten würden gerne zurückkehren. Wenn es zu Hause sicher wäre.

Doch auch nach fünf Jahren bleibt die Lage in Syrien unübersichtlich. Jahre, in denen sich die Flüchtlinge hier in Zaatari – so gut es geht – eingerichtet haben. In kürzester Zeit hatten die findigen Bewohner des Camps die Strommasten für sich angezapft, die ursprünglich für die Hauptgebäude und die Straßenlaternen aufgestellt worden waren. Inzwischen sind die Sandpisten betoniert, Brunnen wurden gebohrt und – ganz wichtig – Handymasten installiert. Es ist die einzige Verbindung der Menschen zu Zurückgebliebenen in der Heimat. Heute hat jeder „Haushalt“ seine eigene Stromversorgung.

Die Siedlung in der jordanischen Einöde entwickelt sich ständig weiter. Es gibt inzwischen 27 Gemeindezentren, zwei Krankenhäuser und neun Schulen, in denen über 20 000 Kinder eingeschrieben sind. Eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft, die immer wieder hierher kommt, staunt: „Dieses Camp wandelt sich ständig – es ist unglaublich.“

Sichtlich beeindruckt scheint auch der Fraktionschef der Christdemokraten im Europäischen Parlament, Manfred Weber, bei seinem Besuch des Camps im Rahmen einer Nahostreise. Dennoch warnt der CSU-Politiker: „Europa darf nicht unachtsam werden, wir müssen weiter unterstützen“, betonte er. Seit zwei Jahren ist der Deutsche Fraktionschef an der Spitze der Mehrheitspartei in Brüssel. Die Reise hatte er seit Jahresbeginn geplant. Er wollte selbst sehen, wohin europäische Fördergelder fließen – und wo noch mehr Hilfe notwendig ist. Als er mit seiner Delegation durch eine der Schulen spaziert, die nur Türen und keine Fenster haben, erlebt er wissbegierige Kinder. Kinder, die syrische Lieder singen, die sie lernen sollen, um ihre Wurzeln nicht zu vergessen. Kinder, die Englisch lernen. „Das ist sehr wichtig für eure Zukunft“, wird ihnen hier eingeschärft. Man wolle eine verlorene Generation vermeiden, hört man immer wieder.

57 Prozent der Syrer hier sind minderjährig, fast 20 Prozent sogar unter fünf Jahren alt. Im Schnitt kommen hier pro Woche 80 Kinder zur Welt. Im jordanischen Nirgendwo. Laut UNHCR sind im Königreich etwa 650 000 syrische Flüchtlinge registriert – und machen damit mehr als 13 Prozent der Bevölkerung Jordaniens aus. Die meisten von ihnen leben wie in Zaatari hinter Mauern, bewacht vom jordanischen Militär – abgegrenzt und fernab von der nächsten Stadt. Hilfe wird gewährt, aber Integration ist nicht erwünscht. Nicht mehr.

Es ist der Kompromiss einer Regierung, die seit Jahren mit hohen Staatsschulden kämpft – und die mit der Flüchtlingskrise nicht minder geworden sind. Jordanien ist von Krisenherden umgeben. Es sei nicht leicht, hört man aus Regierungskreisen, sich um all diese Menschen zu kümmern, wenn es der eigenen Bevölkerung nicht gut gehe. Nach dem arabischen Frühling explodierten die Energiepreise, liegen heute 500 Prozent über dem Niveau vor den Revolutionen. Die Arbeitslosigkeit in Jordanien ist hoch, die Wirtschaft eingebrochen. Investoren bleiben aus. Denn wer wolle schon Geld in ein Land geben, das mitten in einer derart instabilen Region liegt?

Man hofft auf die Hilfe der EU. Dankbarkeit für die bisherigen Mittel wird hier immer wieder betont – jedoch unmittelbar gefolgt von der eindringlichen Bitte, es dabei nicht bewenden zu lassen. In diesem Jahr fließen aus verschiedenen EU-Fördertöpfen 254 Millionen Euro nach Jordanien. Seit Beginn der Krise 2011 sind 1,13 Milliarden Euro über bilaterale Kooperation, humanitäre Hilfe und regionale Treuhandfonds der EU nach Jordanien überwiesen worden.

Doch das Königreich wurde hellhörig, nachdem die EU der Türkei für seine Unterstützung bis 2018 drei Milliarden Euro bot – weitere drei Milliarden für die Zeit danach sind ebenfalls bereits zugesichert. Dabei ist die Last, gemessen an der Einwohnerzahl für Jordanien, deutlich größer als für die Türkei. Und auch der Libanon nimmt im Verhältnis zur Bevölkerung deutlich mehr Menschen auf als Ankara.

Gerade ist die EU eine neue Nachbarschaftsvereinbarung mit Jordanien eingegangen. Dabei soll der EU-Binnenmarkt für Produkte aus dem Land geöffnet werden – im Gegenzug verpflichtet sich Amman, syrischen Flüchtlingen den Arbeitsmarktzugang zu erleichtern. Ein Geschäft, von dem beide Seiten profitieren können. Jordaniens wichtigster Handelspartner heißt längst Europäische Union. Die tatsächlichen Einfuhren aus dem Nahoststaat machen in der Gesamtstatistik der EU jedoch nur 0,02 Prozent aus. Dennoch bedeutet die Marktöffnung für jordanische Produkte einen wichtigen Schritt für das Königreich. Die EU-Außenbeauftragte, Federica Mogherini, sah in dem Abkommen einen positiven Impuls für die „Umsetzung der laufenden politischen und wirtschaftlichen Reformen“. Jordanien, so hieß es in der Lobrede Mogherinis weiter, beweise „in der Region herausragendes politisches Engagement“, sei „ein wichtiger Partner der Europäischen Union“.

Die Aufnahme von Flüchtlingen, die zu Beginn der Krise zu Tausenden über die Grenze nach Jordanien kamen, bekommt in Europa dennoch deutlich weniger Aufmerksamkeit als das Engagement der Türkei. Nach den Unruhen und Präsident Erdogans Kurs, der sein Land von der Gemeinschaft entfernt, könnte der Flüchtlingsdeal mit Ankara allerdings auf der Kippe stehen. Jordaniens Bemühungen, die „syrischen Gäste“, wie sie in Regierungskreisen genannt werden, so gut wie möglich zu versorgen, sollten schon deshalb größere Aufmerksamkeit in Europa bekommen. Nicht nur in Brüssel.

Im Flüchtlingslager Zaatari spielen ein paar Kinder in sengender Hitze Fußball auf dem improvisierten Schulhof. Es geht um nichts, und dennoch geben beide Mannschaften alles. Sind glücklich mit dem, was sie in diesem Moment haben. Wie der kleine Junge. Als die Kolonne das Camp verlässt, blickt er den Autos hinterher.

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