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Geschichte : Unter-Wasser-Handel mit den USA

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde das erste Handels-U-Boot der deutschen Geschichte gebaut und nach Amerika geschickt – von Sebastian Fink

Es ist eines der geheimnisvollsten Kapitel des Ersten Weltkrieges. 1916 – der Krieg an den Fronten ist längst erstarrt, die Seeblockade der Engländer zeigt Wirkung. Das Deutsche Kaiserreich ist von kriegswichtigen Märkten in Übersee abgeschnitten. Da läuft in Bremen unter höchster Geheimhaltung ein U-Boot vom Stapel. Der Gigant ist jedoch kein Kriegsschiff, sondern das erste Handels-U-Boot der deutschen Geschichte. Die „U-Deutschland“ brachte im Ersten Weltkrieg Exportgüter unter der englischen Seeblockade hindurch nach Amerika und kriegswichtige Waren zurück. Nach zwei Überfahrten musste das unbewaffnete Boot jedoch der Kaiserlichen Marine für den Kriegsdienst überstellt werden. Damals mit an Bord: der Dresdener Erhard Hultsch. Jetzt da auf allen Fernsehkanälen Dokumentationen über den Ersten Weltkrieg laufen, lüftet Hultschs Großneffe Michael das Geheimnis des U-Boot-Giganten.

Der heute 71-Jährige, der in der Nähe von Meißen lebt, erinnert sich lebhaft an seinen Großonkel Erhard Hultsch. Nicht nur „ein ganz lieber Mensch“ sei er gewesen. Er konnte Geschichten erzählen, die dem jungen Michael Hultsch ganze Sommer vertrieben – von seinen Reisen auf der U-Deutschland, dem ersten Handels-Unterseeboot der Geschichte, das später doch zum Kriegsdienst umgerüstet wurde. „Er war das jüngste von vier Kindern meines Groß-Großonkels und schon immer sehr abenteuerlustig“, berichtet Michael Hultsch. Am Neujahrstag 1890 kommt Erhard im sächsischen Kötzschenbroda bei Dresden auf die Welt. Schon als Junge, so hört es Michael Hultsch später, soll er den innigen Wunsch gehabt haben, zur See zu fahren. Diesen erfüllt er sich mit 26 Jahren, auf einem Handelsschiff, das zu dieser Zeit einmalig ist.

Rückblende: Als der Krieg schon mehr als ein Jahr dauert – und damit schon wesentlich länger als beim Ausbruch am 4. August 1914 vorgesehen – bringt die Seeblockade der Briten in der Nordsee den Bremer Großkaufmann Alfred Lohmann (Lohmann & Co), die Reederei Norddeutscher Lloyd (NDL) und die Deutsche Bank auf die Idee, Unterseeboote zu bauen, die große Mengen Fracht unter den feindlichen Kielen der britischen Kriegsschiffe hindurch über den Atlantik transportieren können. Ganz ohne Bewaffnung sollte es so möglich sein, die Handelsblockade zu umgehen oder besser: zu unterlaufen. Die drei Teilhaber gründen am 8. November 1915 die Deutsche Ozean-Reederei (DOR) in Bremen. Sechs frachttragende U-Boote sind geplant, die „Deutschland“ ist das erste Projekt, mit der folgenden „Bremen“ wird jedoch nur ein weiteres fertiggestellt. Oberingenieur Rudolf Erbach konstruiert das Boot mit 65 Metern Länge, und schon am 28. März 1916 erfolgt der Stapellauf. Der Druckkörper wird von der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft gefertigt, montiert wird der Blockadebrecher auf der Krupp-Germania-Werft in Kiel. 1000 Tonnen Fracht kann das Boot befördern und wird damit zumindest kurzzeitig zur Weiterführung der deutschen Kriegsproduktion beitragen.

Drei Monate später beginnt die erste Reise. 29 Mann Besatzung werden angeheuert, darunter auch Erhard Hultsch. Der Sachse hat inzwischen eine Ausbildung zum Schlosser absolviert und erste Seeerfahrung gesammelt. Mit dem Einsatz als Maschinist auf der „U-Deutschland“ geht ein Traum für ihn in Erfüllung. Zwei jeweils 400 PS starke Dieselmotoren hat er nun unter seinen Fittichen. „Lebhaft hat er mir von den Reisen erzählt. Im Sommer wenn ich ihn besuchte, saßen wir draußen auf der Terrasse“, erzählt Michael Hultsch. Ein ganzes Album voller Fotos und alter Postkarten von der „U-Deutschland“ und ihrer Besatzung hat er vom Großonkel geerbt. Beim Betrachten der Schwarz-Weiß-Bilder kommen die Erinnerungen zurück. „Die erste Fahrt ging von Kiel nach Baltimore. 14 Tage bis drei Wochen waren sie unterwegs. In der Nähe der feindlichen Schiffe sind sie dann getaucht. Wenn die Engländer da ein Seerohr gesehen hätten, hätten sie gleich Wasserbomben geworfen“, berichtet Michael Hultsch von den Erzählungen seines Großonkels.

An Bord geht es eng und monoton zu: „Nur drei Mann waren gleichzeitig wach, der Rest musste schlafen, um Luft zu sparen“, erinnert sich Michael Hultsch an die Berichte seines Verwandten von den Tauchfahrten. In Baltimore (US-Bundesstaat Maryland), so hört der junge Michael Hultsch, verliebt sich sein Großonkel beim ersten Aufenthalt im Juli 1916 furchtbar in ein amerikanisches Mädchen. „Er hat oft von ihr gesprochen. Aber sie blieben ja nur ein paar Tage dort zum Be- und Entladen und mussten dann wieder in See stechen. So blieb es eine unerfüllte Romanze“, erzählt Hultsch. In Baltimore werden tonnenweise Farbstoffe und pharmazeutische Präparate im Wert von 60 Millionen Reichsmark sowie Bank- und Diplomatenpost entladen. Für die USA, die diese chemischen Produkte zu diesem Zeitpunkt nicht selbst herstellen konnte, ist der Handel mit dem Kaiserreich sehr bedeutsam. Ebenso die Rückfracht für die Deutschen: 348 Tonnen Kautschuk, 341 Tonnen Nickel und 93 Tonnen Zinn bringt das Boot am 25. August 1916 zurück nach Bremerhaven. Die Reise steht unter einem guten Stern: Nur gut 190 der insgesamt 8450 Seemeilen (15 650 Kilometer) langen Reise muss die „U-Deutschland“ dabei unter Wasser zurücklegen, um die Engländer zu unterlaufen.

Mit rund 17,5 Millionen Reichsmark liegt der Gewinn dieser ersten Reise bei mehr als dem Vierfachen der Baukosten von rund vier Millionen. „Zur Belohnung wurde die Mannschaft sogar bei Kaiser Wilhelm II. eingeladen“, berichtet Michael Hultsch. Klar ist, dass Erhard Hultsch und seine Kameraden schnell auf eine weitere Reise geschickt werden sollen, denn die Rohstoffe werden in der Kriegsproduktion dringend benötigt. Die allgemein schlechte Versorgung der Verbrauchsgüter- und Lebensmittelindustrie kann das Boot allerdings allein auch nicht lindern. Am 10. Oktober läuft es erneut aus. Farbstoffe, Medikamente, Edelsteine und Chemikalien gehen nach New London (Connecticut), wo man am 1. November anlegt. Für das Deutsche Reich werden erneut Erze und Kautschuk im heutigen Bremerhaven angelandet. Schon im Januar 1917 soll die dritte Reise folgen, doch nach dem Kriegseintritt der USA ist weiterer Handel mit dem neuen Gegner nicht mehr möglich. Stattdessen wird aus dem unbewaffneten Handels-U-Boot ein Unterseekreuzer. „Vorher hatte nur Kapitän König eine Pistole an Bord gehabt. Nun wurde das Boot von der kaiserlichen Marine beschlagnahmt und als U 155 aufgerüstet“, erzählt Hultsch. „Mein Onkel blieb aber dennoch bis Kriegsende an Bord.“ Sechs Torpedo-Rohre und zwei 15-Zentimeter-Artillerie-Kanonen werden installiert. Bis zur Übergabe an Großbritannien nach Kriegsende am 24. November 1918 werden trotz schwacher Motorisierung auf drei sogenannten Feindfahrten 42 Schiffe versenkt und eines beschädigt. 1922 endet die Geschichte des U-Boot-Giganten. Im englischen Morecambe an der Westküste wird das Boot abgewrackt.

Für Erhard Hultsch bedeutet das Kriegsende die Rückkehr in die sächsische Heimat. 1954 stirbt der 64-Jährige in Dresden an Lungenkrebs. „Wenn wir draußen auf der Terrasse saßen und er erzählte, hustete er oft heftig. Er war schon immer starker Raucher gewesen“, erinnert sich der Großneffe. Zwölf Jahre alt ist er, als der beliebte Onkel stirbt. Die Geschichten seiner Reisen über den Atlantik wird er jedoch nie vergessen.

 


U-Deutschland und U 155
Stapellauf als Frachter: 28. März 1916; Umbau zum Unterseekreuzer 1917, Einsatz bis 13. November 1918
Länge: 65 Meter
Breite: 8,90 Meter
Wasserverdrängung: 1440 Tonnen
Besatzung: 29 Mann
Geschwindigkeit: 12,4 Knoten
Tauchtiefe: 50 Meter
Bewaffnung ab 1917: Sechs Torpedo-Abgangsrohre; max. 24 Torpedos auf dem Oberdeck; zwei 15-Zentimeter-Artielleriegeschütze


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