Schneller zum Facharzt – mit Hindernissen : „Unbarmherzig unattraktiv“

Eugen Brysch
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Eugen Brysch

Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz, sieht die neuen Servicestellen kritisch

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25. Januar 2016, 21:00 Uhr

35 Kilometer bis zum Augenarzt? Das ist der Dame viel zu weit. Dann würde sie lieber zum Hautarzt, sagt die Frau aus der Wetterau. Nicht alle Patienten, die am ersten Tag bei der Facharztvermittlung anrufen, haben das System verstanden. Die Mitarbeiter der Terminservicestelle müssen gestern viel erklären. „Sie brauchen eine besondere Überweisung mit einem Code“, sagen sie und: „Sie können sich den Arzt leider nicht aussuchen.“ Schneller zum Facharzt via Callcenter: Kassen-Patienten, die eine Überweisung haben, können sich an eine Telefonnummer der jeweiligen regionalen Kassenärztlichen Vereinigung (KV) wenden. 17 Callcenter nahmen gestern bundesweit den Betrieb auf. Die Mitarbeiter müssen den Patienten innerhalb einer Woche einen Termin vermitteln, der maximal vier Wochen nach dem Anruf liegt. Klappt das nicht, bekommt man einen Termin im Krankenhaus. Klingt gut, denken viele Patienten. Aber die Sache hat ein paar Haken: Man braucht (außer für Augen- und Frauenarzt) eine „dringliche“ Überweisung. Die Praxis darf je nach Fachrichtung bis zu einer Stunde weit weg sein. Geht es um einen Bagatellfall oder eine Routineuntersuchung, ist die Servicestelle nicht zuständig. Ein Mogelpackung? Mit Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, sprach Rasmus Buchsteiner.

Die Servicestellen sind eröffnet. Echter Fortschritt oder eine Mogelpackung?
Brysch: Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben alles unternommen, um die neuen Servicestellen unbarmherzig unattraktiv zu machen. In einigen Regionen sind sie nur zwei Stunden täglich besetzt. Es gibt keine bundesweite Hotline. Und wir haben es mit einem Flickenteppich von Regelungen zu tun. Viele Menschen wissen nicht, zu welchem Kammerbezirk sie gehören und welche Servicestelle sie ansprechen müssen. Es ist für Patienten unerträglich, wie stark sich die Regelungen voneinander unterscheiden. In Nordrhein-Westfalen ist es zum Beispiel so: In Westfalen-Lippe gilt ein vermittelter Facharzttermin dann als zumutbar, wenn die Praxis mit dem Auto nicht weiter als 30 Kilometer entfernt ist. Im Bezirk Nordrhein ist die Vorgabe höchstens 30 Minuten – aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Wird sich die Situation bei der Terminvergabe tatsächlich spürbar verbessern?
Ich hoffe es sehr! Bisher war es so, dass gesetzlich Versicherte immer stärker von Privatversicherten abgekoppelt worden sind. Die Servicestellen müssen damit ein Ende machen, dass bei herausragenden Fachärzten – etwa Neurologen oder Anästhesisten – gesetzlich Versicherte monatelange Wartezeiten haben. Sollte das scheitern, müssen die gesetzlichen Vorgaben auf den Prüfstand gestellt werden. Gesetzlich und privat Versicherte müssen bei der Terminvergabe gleich behandelt werden. Dann sollte auch geklärt werden, ob die Kassenärztlichen Vereinigungen überhaupt die Richtigen sind, um die Termin-Garantie umzusetzen. Falls die Vereinigungen beim Sicherstellungsauftrag der Medizin für die Patienten versagt, dann könnten sie sich auch auflösen.

Für Heimbewohner gilt die Termin-Garantie offenbar nicht. Warum ist das eigentlich so?
Das müssen Sie den Gesetzgeber fragen. Wir haben bei jeder Kassenärztlichen Vereinigung nachgefragt, ob auch Heimbewohner Anspruch auf einen Facharzttermin innerhalb von vier Wochen haben. Keine einzige hatte eine Antwort auf die Frage, wann Vor-Ort-Besuche bei Patienten in Pflegeheimen möglich sind. Man hat sich offiziell auf mobile Versicherte spezialisiert. Die Facharztversorgung bei Heimbewohnern ist miserabel. Orientierung am Patientenwohl sieht anders aus.

Sie fordern ein schnelles Eingreifen von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Was muss sich ändern?
Wir brauchen für ganz Deutschland ein einheitliches System. Eine zentrale Vergabe wäre das bessere Modell und zwar mit Kontingenten. Einige Servicestellen können bisher nicht auf Termin-Kontingente zurückgreifen, sondern werden erst aktiv und kontaktieren Praxen, wenn der Versicherte anruft. Das ist ein unhaltbarer Zustand.

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