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Feuer-Katastrophe von Kalifornien : Überlebens-Kampf im Pool

vom
Aus der Onlineredaktion

3500 zerstörte Häuser, 40 Tote, über 400 Vermisste: Die Feuer-Katastrophe von Kalifornien fordert immer mehr Opfer

Die nüchternen Zahlen sind eine Seite der schlimmsten Feuer-Katastrophe, die der US-Bundesstaat Kalifornien jemals erlebt hat: Mindestens 3500 zerstörte Häuser, bis zum Wochenende mindestens 40 Tote, und über 400 Menschen werden noch vermisst. Ihr Schicksal ist unklar, denn oft lässt die Feuerwalze nördlich von San Francisco nur Schutt und Asche zurück, was Identifizierungen schwierig macht. Heftige Winde lassen die Lage in den betroffenen Regionen kaum abklingen. Selbst Strafgefangene werden mittlerweile als Helfer an vorderster Front eingesetzt.

Die andere Seite der seit einer Woche andauernden Tragödie sind die dramatischen Geschichten über jene, die in den Flammen starben oder sie nur knapp überlebten - durch pures Glück oder Einfallsreichtum. Besonders erschütternd ist der stundenlange Kampf von Armando und Carmen Berriz aus Santa Rosa, deren Haus in der Nacht vom Feuersturm innerhalb weniger Sekunden umschlossen wurde. Weil eine Flucht nicht mehr möglich war, blieb dem Ehepaar nur noch der Sprung in den Swimmingpool. Eine Minute später stand das gesamte Haus in Flammen. Hand in Hand verbrachten die beiden stundenlang im Wasser, während rund um sie Propangas-Tanks explodierten und brennende Baumteile herunterregneten. Als die Hitze zu stark wurde, tauchten sie unter. Wann immer das Paar zum Atmen kurz an die Oberfläche kam, betete es zusammen. Am früheren Morgen gegen 7 Uhr hatte die 75-jährige Carmen schließlich keine Kraft mehr – und starb in den Armen ihres Mannes vermutlich an einer Rauchvergiftung. Mehrere Stunden später, als die Flammen erloschen waren, stemmte sich der 76-jährige Überlebende aus dem Wasser und machte sich auf den Weg in die nächste Ortschaft.

 

Viele Menschen wurden von den plötzlich ausbrechenden Feuern überrascht, weil sie bereits zu Bett gegangen waren – und weil ein öffentliches Alarmsystem nicht funktionierte. Zu den Betroffenen gehört auch Natasha Wallace. Die Studentin versuchte, mit einigen Gepäckstücken und ihrem Hund Bentley im Auto die Nachbarschaft in Santa Rosa zu verlassen, als sich das Feuer näherte. Doch schon nach wenigen hundert Metern kam der Verkehr zum erliegen. „Ich wollte nicht im Auto verbrennen“, sagte die 24-Jährige gegenüber US-Medien. Also drehte sie um und kehrte zu ihrem Haus zurück. Dort sah sie als einzige Fluchtmöglichkeit ihr Fahrrad. Ihren 30 Kilo schweren Pitbull-Mischling wollte sie auf keinen Fall zurücklassen. Sie setzte ihn in eine große Reisetasche, die sie sich dann auf dem Rad um den Hals hängte. Die junge Frau strampelte so an jenen Fahrzeugen vorbei, die verzweifelte Bürger auf der Straße im Stau zurückgelassen hatten – dreieinhalb Kilometer lang. Dann erreichte sie eine Hauptstraße, wo sie ein Autofahrer mitnahm und in Sicherheit brachte. Ihr Haus brannte wie so viele andere nieder. „Es kann ersetzt werden, aber nicht mein Hund“, erklärte sie in einem der Notaufnahme-Zentren, in denen viele der mehr als 100 000 bislang Evakuierten Obdach gefunden haben.

Die Stewardess Michella Flores überlebte am 1. Oktober diesen Jahres das Massaker beim Country-Musikfestival in Las Vegas. In Kalifornien sah sie sich am Wochenende nun mit einer weiteren Situation konfrontiert, bei der es um Leben oder Tod ging. Flores, die sich nach Beginn der Schüsse in Las Vegas und der Flucht vom Konzert in einem nahen Casino in einem Konferenzraum verborgen hatte, bemerkte am Sonnabend nahe ihres Elternhauses in Santa Rosa in einiger Entfernung einen Feuerschein. Der Wind hatte aufgefrischt, und so forderte sie ihre Eltern auf, das Nötigste zu packen. Minuten später begann es bereits in einer Nachbarstraße zu brennen. Löschzügen gelang es, das Haus von Familie Flores zunächst zu retten. Doch als die Flugbegleiterin am nächsten Tag nach der Arbeit zurückkehrte, fand sie nur noch verkohlte Trümmer vor. Ein Schicksal, dem derzeit tausende Kalifornier ausgesetzt sind. Und Flores dürfte für viele gesprochen haben, als sie in einem Interview formulierte: „Wir brauchen dringend Hilfe. Doch für den Rest der Welt geht das Leben weiter.“

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