Survival : Überleben ist kein Picknick

Geschafft: Wochenend-Magazin-Reporter Tobias Fligge hat sich aus einer umgefallenen Tanne einen Unterschlupf gebaut.
Geschafft: Wochenend-Magazin-Reporter Tobias Fligge hat sich aus einer umgefallenen Tanne einen Unterschlupf gebaut.

Zwischen Asseln und Ekel: Wozu sind Körper und Wille bereit, wenn es um das nackte Überleben geht? Unser Reporter Tobias Fligge hat es ausprobiert.

Geschafft: Wochenend-Magazin-Reporter Tobias Fligge hat sich aus einer umgefallenen Tanne einen Unterschlupf gebaut.  von
19. April 2015, 08:58 Uhr

Als Jan Eisfeldt einen dicken bemoosten Ast vom Boden löst, weiß ich, dass der Moment gekommen ist: Insekten! „Wenn du auf dich allein gestellt bist, darf Ekel keine Rolle spielen. Du bist auf jede Form von Energielieferanten angewiesen.“ Und vor uns krabbeln eine Menge Energielieferanten auf dem feuchten schwarzen Waldboden. Jan erwischt eine der Asseln. „Diese hier zum Beispiel sind ein netter kleiner Snack“, sagt der Überlebenstrainer und steckt den Siebenfüßler ohne zu zögern in den Mund. Als sei es ein köstlicher Marshmallow. Noch während er kaut, setzt Jan Eisfeldt auch mir eine Assel auf die Hand. „Und jetzt du.“

Der 39-Jährige ist Ausbilder für Überlebenstrainings. Das Krebstier huscht auf meiner Handfläche hin und her. Sein Panzer schimmert und die Antennen ertasten meine Haut. Ich denke an Keller, Dunkelheit – und kämpfe. Offensichtlich zu lange. „Ich erlöse dich mal“, sagt Jan und genehmigt sich auch diese Assel. Ich hatte gehofft, an dieser Stelle meines Überlebenstrainings nicht zu scheitern. Aber die Gelegenheit, das wiedergutzumachen, wird sich schon bald bieten.

Diese Prüfung stellt Jan vielen seiner Kursteilnehmer. Meine kleine Assel sei nichts im Vergleich zu Maden. Da würden selbst die härtesten Kerle scheitern. Eine Erklärung dafür ist eigentlich unnötig, aber ich lerne, dass das an einem „fluffigen“ Kaugefühl liegt. „Den Ekel zu überwinden muss man trainieren“, sagt der Ex-Soldat. „Wer sich in einer Überlebenssituation im Dschungel übergeben muss, läuft Gefahr zu dehydrieren.“ Wasserverlust löst einen gefährlichen Kreislauf aus. Man wird schwächer, krank. Und ein kranker Mensch ohne Hilfe, der Natur ausgeliefert – „Das willst du nicht erleben“, sagt Jan.

Zum Glück ist das heute nicht der Fall. Wir machen einen „Cheating-Day“, wie es der Survival-Experte nennt. Eine sechs Stunden lange Schnell-Einführung in die Kunst des Überlebens mit viel Hilfestellung durch den Ausbilder. Normalerweise gehen die Kurse von Jan Eisfeldt über ein Wochenende. Das Programm entspricht dem menschlichen Überlebensbedürfnissen: Wasser, Wärme, Nahrung, Schutz.

Für den akuten Wasserbedarf hilft uns schon der Waldboden. Jan kniet sich auf den Boden und zeigt auf das Moos: „Der perfekte Wasserspeicher.“ Ich drücke den grünen Büschel wie einen Waschlappen und habe schnell einen kostbaren Schluck in der Hand. Die Überwindung ist hier doch deutlich geringer als bei einer Assel. Moos-Wasser schmeckt im wahrsten Sinne erdig. In einem nahe gelegenen Graben füllen wir unsere Wasserflasche. Wir werden den Inhalt später abkochen und mit einer Entkeimungstablette reinigen.

Hilfsmittel sind erlaubt. „Ich mache kein Steinzeit-Survival“, erklärt Jan. Es gehe nicht darum, aus Mehlsamen Brot zu machen. „Ich nehme meine Kunden aus ihrer zivilisierten Welt mit und zeige ihnen, wie sie sich mit wenigen und günstigen Überlebensartikeln auf den Ernstfall vorbereiten können.“ Das kann schon ein Tampon sein, der zerpflückt bester Zunder ist und sich auch als Wasserspeicher eignet.

Zum Überlebenstraining kam der gelernte Tischler und Bürokaufmann über die Bundeswehr. Zwölf Jahre lang war Jan Eisfeldt Teil der sogenannten Krisenreaktionskräfte – eine mittlerweile aufgelöste Eingreiftruppe mit besonderer Ausbildung zur Aufklärung in Krisenregionen. Die Lust am Überlebenskampf ließ ihn nicht mehr los. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit gründete Jan Eisfeldt im vergangenen Jahr im Nebenberuf das „Ausbildungszentrum für Überlebenstechniken“. Nebenbei ist er Berater des Reportage-Magazins National Geographic Deutschland. Für das Training stehen 66 Hektar Land zur Verfügung. Viele der 18 Kurse tragen das Prädikat „freizeitorientiert“, das Jan Eisfeldt als ehemaliger Soldat und Zugführer des Technischen Hilfswerks ganz bewusst gewählt hat, um es für ein breites Publikum zu öffnen. Das Angebot ist trotzdem an behördliche Ausbildungen angelehnt. „Krisenvorsorge ist in Deutschland im Kommen. Da schwappt gerade eine Welle aus den USA rüber“, ist sich der erfahrene Ausbilder sicher. Die „Prepper-Bewegung“ findet hierzulande Zulauf. Immer mehr Menschen bereiten sich auf den Ernstfall vor. „Prepper sein, heißt vorbereitet sein“, erklärt Jan. Dazu gehört das Horten von Vorräten genauso wie Überlebenstechniken in der Wildnis. Wie viele der „Prepper“ hat Jan Verstecke mit Nahrung und Hilfsmittel für den Notfall. Auch ein 45 Kilogramm schwerer Rucksack steht für den Ernstfall bereit. „Damit kann ich problemlos mehrere Jahre ohne Zivilisation überleben“, sagt er, während wir uns auf die Suche nach Brennmaterial machen.

Der Ernstfall kann schon ein anhaltender Stromausfall sein. Aber auch Orkane und Hochwasser reichen dafür aus, dass Menschen schlagartig auf sich gestellt sind. Wer sich Plünderungen und Gewalt entziehen will, flieht in die Natur.

Das Gelernte lässt sich auf viele andere Krisensituationen übertragen. Zurück zum Wald: Jan hat eine umgekippte Birke entdeckt. „Perfekt, die Birke ist unser Freund“, sagt er. Sie bietet nicht nur Brennholz und Material für einen Unterschlupf. Der Baum spendet Wasser und man kann Teile davon sogar essen. Vor allem in der Zeit zwischen März und Mai ist die Birke ein guter Wasserlieferant. „Du stichst mit einem Messer einfach ein Loch in den Stamm und steckst einen angespitzten Stock rein. Daran kann dann das Wasser in ein Behältnis fließen“, erklärt er. Dieser Baum liegt jedoch schon eine Weile auf dem Waldboden. Meine Aufgabe besteht darin, ein Feuer zu machen. Mit einem Taschenmesser schneide ich rechteckige Felder aus der Rinde. Danach geht es daran, das trockene Holz der Innenseite von der feuchten Rinde zu schaben. Mühsame Feinarbeit. „Damit sind wir eine Weile beschäftigt, denn wir brauchen genügend Zunder für unser Feuer“, kündigt mein Ausbilder an und ich denke dabei nur an meine kalten Finger. Ermüdung wird in der Wildnis schnell zum Problem. Trotzdem sollte man keine Mühen scheuen. „Besorge dir von allem die fünffache Menge. Das Schlimmste ist, wenn du zu wenig Zunder gesammelt hast und am Ende wieder von vorne anfangen musst“, sagt Jan.

Und so bekomme ich heute auch häufig zu hören: „Überleben ist Arbeit und kein Picknick.“ Die Anstrengungen, die eine solche Lage fordert, würden am häufigsten unterschätzt. Uneingeschränkt bedienen können wir uns an der Natur allerdings nicht. „Naturschutz kommt an oberster Stelle“, sagt Jan. Während des Kurses bedienen wir uns nur an Totholz und Sturmschäden. „Lebende Bäume fassen wir nicht an.“ Auch bei der Nahrungssuche gibt es Einschränkungen. So wird der Bau von Fallen in den Survival-Seminaren nur theoretisch angesprochen, denn der Bau von Fallen ist in Deutschland verboten.

Trotzdem braucht der Körper Proteine, mahnt mein Ausbilder. Und ich weiß, worauf das hinausläuft. „In einer Überlebenssituation hat man meist keine Möglichkeit, einen Elch zu schießen oder ein Reh zu fangen.“ Schon ein Karnickel sei ein Glücksfang. Alles Größere ist als Beute unwahrscheinlich. „Was du aber immer findest, sind Insekten“, sagt Jan mit einem Grinsen im Gesicht.


>Jan Eisfeldt im Internet: www.survival-sh.de


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