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Ende einer Fernseh-Ära : TV-Publikum nimmt „Raabschied“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Stefan Raab quält sich zum letzten Mal über den Spiele-Parcours – dann verschwindet er vom Bildschirm

Nach 16 Jahren war am Mittwochabend Schluss: Stefan Raab wischte sich eine Träne aus den Augen und winkte nach der letzten „TV total“-Ausgabe ins Publikum. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Vielen Dank, dass Sie uns zugeschaut haben. Machen Sie’s gut!“ Die Sendung war seit 1999 im Programm von ProSieben und damit die langlebigste Late-Night-Show Deutschlands. 1,48 Millionen Zuschauer sahen die letzte Late-Night-Show des 49-jährigen Entertainers. Und Samstag wird er sich ein letztes Mal gegen einen Kandidaten bei „Schlag den Raab“ durchbeißen. Ob der Gastgeber sich in der 54. Ausgabe seiner Show durchsetzt oder der vom Publikum benannte Herausforderer, das ist noch offen. Doch eines steht fest: Raab wird nach der Live-Sendung aus Köln seine „Fernsehschuhe an den Nagel hängen“, wie er es schräg formulierte, als er vor Monaten den Ausstieg ankündigte. Er ist erst 49 Jahre alt.

Ein paar Fragen bleiben: Was wird der große Meister eigentlich nach seinem Abtritt machen – hinter den Kulissen weiter Geschäfte betreiben, monatelang segeln oder gar den Hausmann spielen? Die größte Frage aber ist: Hat das traditionelle deutsche Fernsehen nach dem Weggang seines kreativsten Kopfes noch irgendwelche Persönlichkeiten? Was Raab, der sein Privatleben stets unter dem Deckel hielt, künftig treibt, weiß im Grunde nur er selbst. Bekannt ist, dass er gern lange Segeltörns macht, auch dass er sich gelegentlich auf der Tribüne des 1. FC Köln blicken lässt, am liebsten mit Zigarre wie vor einigen Wochen mit dem Geschäftsführer der „Schlag den Raab“-Produktionsfirma Brainpool, Jörg Grabosch. Interviewwünsche lehnt er ab.

Viele wissen: Ohne Stefan Raab wird Fernseh-Deutschland ärmer. Die Zeit der Selfmade-Unternehmer, die sich mit Gitarre und einer Portion Frechheit im TV hemmungslos auf der Bühne produzieren, ist vorbei. Der rasche ungebremste Auf- und Abstieg eines Entertainers ist im Privat-TV mittlerweile genauso schwierig wie schon in den 80ern im öffentlich-rechtlichen Funk. Inzwischen wird ohne Ende gefiltert, Testshows, Prototypen werden noch und nöcher gedreht, bis der Look stimmt, der Reiz aber völlig verblasst ist.

Die anderen prominenten TV-Gesichter im Showgeschäft sind keine Raabs – der Mann hat seine Spektakel selbst erfunden und hat Herzblut hineingesteckt. Die anderen werden in der Branche als „Gesichtsvermieter“ geführt, ihnen wurden die Formate auf den Leib geschrieben, wird dann gesagt. Die Generation nach Raab? Fehlanzeige.

Es gibt sie nicht, die großen Entertainer. Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf unterhalten fast ausschließlich die Jugend, sie bekommen 2016 von ProSieben noch mehr Shows, Jan Böhmermann ist mit seiner Satire für die Masse zu intellektuell.

Doch die Hoffnung ist nicht ganz verschwunden. „Raab wird sicherlich als kreativer Kopf hinter der Kamera noch viele innovative Formatideen realisieren“, sagt die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher. „Die Zeit der TV-Stars wird nie aufhören zu existieren.“ Dass Raab an der Firma Brainpool, an der er über Raab TV beteiligt ist, weiter verdient, gilt als sicher. Vielleicht entdeckt er hinter den Kulissen auch weiter Talente und baut sie auf.

Wie klar Raab kalkuliert, zeigte sich schon vor rund 20 Jahren. So alt ist etwa ein auf Youtube abrufbares Video, in dem der etwa 30-Jährige, damals noch bei MTV unter Vertrag, klarstellt: „In meiner Anfangszeit bei Viva habe ich mal gesagt, dass ich nicht im Fernsehen alt werden möchte.“ Raab, inzwischen Vater zweier Töchter, meinte weiter: „Ich möchte nicht meinen Kindern erzählen: ,Guck mal, das im TV ist der Papa, der macht da den lustigen Onkel, damit er euch was zum Anziehen kaufen kann.‘“

 

Hintergrund: Raabs große TV-Momente

Manche Szenen aus Stefan Raabs Fernsehkarriere hat man nach Jahren noch im Kopf. Eine Auswahl der prägnantesten TV-Momente:

Maschendrahtzaun: Über dieses Wort amüsierten sich Millionen: „Durch dieses feuchte Erdreich rostet unser Maschendrahtzaun“, beschwert sich Regina Zindler 1999 in einer TV-Gerichtssendung. Der Fernseh-Schnipsel inspiriert Raab. Er macht einen Song daraus. „Maschendrahtzaun in the morning...“ wird Nummer-eins-Hit.

Wadde hadde dudde da: Goldpailletten, Plateauschuhe und unsinniges Gebrabbel: Raab tritt im Jahr 2000 mit dem Lied „Wadde hadde dudde da?“ beim Eurovision Song Contest an. Manch einer erklärt den Entertainer für bescheuert. Raab schafft es im funkelnden Anzug auf Platz 5 von 24.

Gebrochene Nase: Raab teilt oft aus, aber er steckt auch ein. Als der Sprücheklopfer gegen Box-Weltmeisterin Regina Halmich antritt, geht er mit gebrochener Nase aus dem Ring. Das ist nicht die einzige Verletzung, die er einsteckt. Bei „Schlag den Raab“ schont er sich nie: Einmal stürzt er bei einem Mountainbike-Wettrennen, schlägt mit dem Gesicht auf das Geröll und bricht sich das Jochbein.

Duschkopf: In der ZDF-Show „Wetten, dass..?“ erzählt Raab, er habe einen Duschkopf entwickelt. Für Damen, deren Haare beim Duschen nicht nass werden sollen. „Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich im hohen Alter noch mal zum Frauenversteher werde“, sagt er. Als Raab erklärt, wo man das Produkt kaufen kann, fällt das Wort Schleichwerbung. „Das war keine Schleichwerbung“, antwortet Raab. „Das war Werbung.“

Die Sache mit dem Bier: Selbst vor dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder macht Raab nicht halt. Aus einem Videoschnipsel bastelt er ein Lied mit dem Text: „Hol mir mal ’ne Flasche Bier, sonst streik ich hier.“ Raab bietet dem Politiker auch Tantiemen an.

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