Interview "Küstenkind" : TV-Kommissarin Anneke Kim Sarnau über ihre Liebe zum Meer

Anneke Kim Sarnau
Anneke Kim Sarnau

Anneke Kim Sarnau, vor allem bekannt als Katrin König aus dem Polizeiruf 110 aus Rostock, über ihre Heimat und der Liebe zum Meer.

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10. Juni 2018, 05:00 Uhr

Wenn sie erzählt, ist es, als sehe man einen Film. Und wenn sie lacht, gleicht es der Explosion eines Tischfeuerwerks. Die Schauspielerin Anneke Kim Sarnau (43) ist eine ebenso lebhafte wie interessante Gesprächspartnerin. Während wir uns in einem Berliner Café gemeinsam durch ein Stück Spinattorte futtern, berichtet sie von ihrer Kindheit auf dem Lande in Schleswig-Holstein, ihrer Liebe zum Meer und dem langen Weg, als Hauptdarstellerin des Polizeirufs 110 aus Rostock die gleiche Gage zu bekommen wie ihr Partner Charly Hübner. An diesem Sonntag zeigt das Erste die aktuelle Folge „In Flammen“:

Frau Sarnau, an Ihrem Heimatort breche ich mir die Zunge: Klein Offenseth-Sparrieshoop. Wo liegt das eigentlich?

Etwa 40 Kilometer nordwestlich von Hamburg. Also gar nicht so weit raus aus der Welt. Als ich da gelebt habe, gab es ungefähr 2000 Einwohner, aber heute sind es bestimmt schon 3080. Hamburg ist nicht mehr bezahlbar, da gehen die Leute aufs Land.

Ein Bullerbü in Schleswig-Holstein?

Nö, eigentlich nicht. Früher gab’s sehr viel Landwirtschaft, jetzt werden das alles Bauflächen. Und es ist sehr weitläufig, also nicht so ein Dorf mit kleinem Kirchplatz und dem Rest drumherum. Aber für mich als Kind war’s trotzdem großartig, weil ich mich den ganzen Tag lang frei bewegen konnte. Die Schule war im Dorf, und da sind wir morgens mit Rollschuhen, Fahrrad, Schlitten oder barfuß hin. Und ansonsten sind wir immer durchs Dorf gestromert und haben alles Mögliche erlebt, gebaut und gebastelt. Und wenn’s dunkel wurde, mussten wir wieder zuhause sein. Ich hab tatsächlich als Kind immer schon gedacht: Ich bin sehr sehr froh, dass ich auf dem Land groß werde.

Klingt schon sehr idyllisch.

War’s auch. Ich habe es geliebt, draußen zu sein. Wir sind auf die Wiesen, wo die Kühe waren, und haben gewartet, bis die angerast kamen. Oder wir haben die Kühe selbst erschreckt. In unserer Straße gab’s einen kleinen Teich, Diekmanns Kuhle, da sind wir immer baden gegangen. Oder aber in Sibirien. Das ist ein Waldgebiet mit einem See, aber Diekmanns Kuhle war besser.

Wie kam das Mädchen aus Klein Offenseth-Sparrieshoop dann darauf, Schauspielerin werden zu wollen?

Ich wollte das immer schon. Früher habe ich mit meiner Mutter und meiner Schwester in der Küche an einem ganz kleinen Ausziehtisch gesessen und gegessen. Ab und zu kam der Nachbarsjunge vorbei, blieb vor dem Fenster stehen, guckte und ging gar nicht weiter. Ich hab dann immer doofe Witze gemacht, selbst wenn er nicht kam. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mir total Spaß macht, wenn über mich gelacht wird. Ich hab mich auch gerne verkleidet, mit Buntstiften geschminkt und kleine Fantasiereisen unternommen. Weg sein, an anderen Orten, als anderer Mensch, das fand ich toll.

Später haben Sie sich an der Schauspielschule beworben und sind genommen worden?

Ja, in Stuttgart und in Leipzig. Ich habe mich dann für Stuttgart entschieden.

Und dann haben Sie die Schule früher verlassen?

Nein, ich habe die Ausbildung beendet und mein Diplom gemacht. Der damalige Intendant des Wiener Burgtheaters, Claus Peymann, war befreundet mit unserem Direktor und kam nach Stuttgart, um sich den Abschlussjahrgang anzugucken. Unser Schulleiter hat unseren Jahrgang da noch mit reingeschoben, obwohl wir alle damals noch ein halbes Jahr hätten machen müssen. Und dann hat Peymann drei von uns zum Vorsprechen eingeladen, ich passte gerade für die Hauptrolle in der Uraufführung des Stücks „Vinny“ von Klaus Pohl.

Wie ein junger Fußballer, der gleich in die Champions League geholt wird.

Ja, aber es war gleichzeitig auch ernüchternd. Ich war in diesem riesigen Haus einfach überfordert und hatte auch Pech mit dem Regisseur. Das war für mich extrem frustrierend und demotivierend. Irgendwann bekam ich dann nur noch die Rollen von Schauspielerinnen, die gegangen waren, am Ende fühlte ich mich total unterfordert. Alles, was ich mir von dem Beruf erwartet hatte, hat sich in Wien für mich nicht erfüllt. Privat habe ich Wien wirklich genossen und tolle Menschen kennengelernt.

Haben Sie dann gekündigt?
Man hat mir angeboten, den Vertrag zu verlängern, gleichzeitig aber auch klargemacht, dass ich mich bitte woanders umgucken soll, weil ich dort vielleicht besser aufgehoben bin: „Wir rufen auch gerne für Dich woanders an und ermöglichen dir Vorsprechen an anderen guten Häusern und wenn’s nicht klappt, kannst du zurückkommen.“ Da war ich dann beleidigt und habe gesagt: Mir reicht’s jetzt mit dem Theater. Ich mache jetzt Film. Erst die Inszenierungen von Jürgen Gosch haben mir Jahre später wieder Lust auf’s Theater gemacht.“

Was haben Sie nach dem Theater gemacht?

Gejobbt. In Wien habe ich gekellnert und auf Provision in einer Werbeagentur gearbeitet, in der ich so gut wie kein Geld verdient habe. Bis dann ein Anruf kam, dass ich in Deutschland einen Film drehen kann. Ein Jahr danach bin ich wieder nach Deutschland gezogen, weil ich dachte, jetzt ginge es los.

Ging aber nicht?
Nee. Ich weiß gar nicht, wie ich das geschafft habe – ich musste ja Miete zahlen und hatte auch noch ein Auto zu finanzieren. Ich musste also irgendwie Geld verdienen und habe dann unter anderem Menschen aus Saudi-Arabien, die in Hamburg-Eppendorf auf eine Spenderleber warteten, Englischunterricht gegeben.


Sie haben also in Hamburg gelebt.

Ja, aber viereinhalb Jahre später bin ich dann nach Berlin gezogen. Mein damaliger Freund wohnte in Berlin und wollte nicht nach Hamburg. Wir sind zwar kein Paar mehr, aber heute noch gute Freunde.

Sie schwärmen von Ihrer Kindheit auf dem Land, leben aber mit ihren eigenen beiden Kindern die meiste Zeit in Berlin – als echte Stadtkinder?

Ich habe viele Jahre wirklich mit Berlin gehadert und mich gefragt, warum ich meinen Kindern diese Stadt antue. Auf der anderen Seite hat der Vater meiner Kinder alle seine Freunde hier, seine Mutter ist wegen der Kinder aus Irland hierhergezogen, und er arbeitet fast nur in Berlin. Seit zwei Jahren freunde ich mich tatsächlich mit Berlin an. Aber ich bleibe wohl immer mehr das Hansestadt-Küstenkind. Ich muss ja nur mal eine Möwe hören, dann frag ich mich sofort: Was mache ich nur hier? Ich muss sofort ans Meer. Immer wenn ich in Rostock einen Polizeiruf drehe, würde ich am liebsten gleich bleiben.

Rostock ist also mehr als die Stadt, in der Sie öfters mal arbeiten?
Ich liebe Rostock. In Rostock zu leben wäre für mich auch eine Option. Da arbeite ich nicht nur, sondern habe im Laufe der Jahre nette Leute kennengelernt. Außerdem lebt in Rostock ein Kumpel, der immer meine Autos repariert hat. Ich mochte Rostock schon kurz nach der Wende und hab ziemlich schnell die linke Szene da gemocht. Aber ich mag auch, wie diese Stadt sich seit der Wende aufpäppelt, ohne sich zu verdrehen oder zu verkitschen. Die Rostocker sind wie die Hamburger – die lassen sich nicht so leicht verbiegen und sind im Charakter wettergegerbt. Bei solchen Menschen fühle ich mich wohl, vor allem, wenn sie dann auch noch am Meer leben.

Sie haben sich also nicht nur auf die Rolle der Katrin König, sondern auch bewusst auf diese Stadt eingelassen?
Natürlich. Eigentlich kommt Rostock in unseren Fällen meistens auch viel zu kurz. Charly und ich fordern deshalb immer wieder, dass die Drehbuchautoren und Regisseure die Stadt mehr einbeziehen. Die hat ja einen ganz eigenen Charakter und völlig unterschiedliche Ecken. Eoin Moore, der den Rostocker Polizeiruf ja quasi erfunden hat, ist damals mit uns nach Rostock gefahren, damit wir drei uns die Stadt mal geben konnten. Und Hinnerk Schönemanns (Anmerkung Redaktion: Schauspieler und ehemaliger Freund von Anneke Kim Sarnau) Onkel Hannes Schönemann, ein früherer Defa-Regisseur, ist in Rostock aufgewachsen, hat mit mir einen riesigen Ausflug nach Rostock und Umgebung gemacht und mir zu allem was erzählt.

Von Katrin König sagen Sie, es sei eine Rolle, die Sie mittlerweile wie einen Mantel an- und ausziehen können.
Das macht es aber nicht einfacher, sie zu spielen. Durch unsere horizontale Erzählweise, muss ich immer ihren aktuellen psychischen Zustand treffen. Ich nehme diese Katrin König wirklich sehr ernst, weil sie für mich schon fast wie eine lebendige Figur ist, wie einen Menschen, den es tatsächlich gibt. Wenn ich diesen Mantel anziehe, dann muss er auch passen. Wegen dieses horizontalen Erzählens, dieser Entwicklung der Figuren durch die Folgen, müssen die Autoren auch genau wissen, an welchem Punkt wir gerade stehen, wenn sie sich ans Schreiben machen.

Bekommen Charly Hübner und Sie die gleichen Gagen?

Mittlerweile ja! Aber das war ein langer und auch kein einfacher Weg.

Wie weit wären Sie gegangen, um die gleiche Gage einzufordern?
Ich wäre ausgestiegen, wenn man mir nicht die gleiche Gage gezahlt hätte, und das habe ich auch ganz klar gesagt. Unser Unterhaltungschef und unsere Produzentin haben sich dann für mich eingesetzt und am Ende hat es auch geklappt. Dennoch: Dieses Denken, dieses Verhalten, das es für Frauen so kompliziert und ungerecht macht, ist auch heute noch weit verbreitet.

Was müsste passieren?

Ich fände es super, wenn frau das alles einmal umdrehen würde: die Männer bekämen alle erst einmal weniger Gage, Lohn oder Gehalt als die Frauen; sie müssten den vorgesetzten Frauen gegenüber dann begründen, warum sie meinen, dass sie gleich viel für die gleiche Arbeit erhalten sollten. Dies lässt sich auf allen Ebenen unseres Zusammenlebens anwenden: einfach einmal die Rollen tauschen. Um die Absurdität in allem zu erkennen, um zu merken: Times up on manymany levels! (Die Zeit ist reif auf vielen Ebenen)



 

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