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Streitbar: Fußball : Trennt endlich, was nicht zusammen gehört

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Bayern machen die Liga kaputt, heißt es wieder. Doch ist es nicht umgekehrt – und das Ganze ein Spiegelbild der Gesellschaft? Eine Analyse von Jan-Philipp Hein

svz.de von
erstellt am 17.Okt.2015 | 16:00 Uhr

Wie erklärt sich die anhaltende Erfolglosigkeit der SPD? Ganz einfach: Die Republik ist durch und durch sozialdemokratisiert und der Geschäftszweck der Partei damit erreicht. Mindestlohn: ist da. Kündigungsschutz: alter Hut. Rente mit 63: läuft. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall: War es je anders?

Die SPD-Denke einer weichen, die Risiken von Wettbewerb und Marktwirtschaft abfedernden Gesellschaftsordnung sind milieu- und regionenübergreifend in die deutsche DNA geschrieben worden. Natürlich auch beim Fußballpublikum. Dort heißt es mal wieder – ebenfalls über Milieus und Regionen hinweg – dass der FC Bayern die Bundesliga kaputt mache, weil die Kasse brummt, die Mannschaft zur Weltspitze gehört und der nationalen Konkurrenz enteilt ist.

Daraus den Vorwurf abzuleiten, die Münchner zerstörten die Liga, ist nur logisch, wenn man davon ausgeht, dass eine solche Profisportliga wie eine Integrierte Gesamtschule funktionieren sollte: solides Mittelmaß, keiner darf den Anschluss verlieren und Spitzenleistungen sind suspekt. Der Unterhaltungswert einer solchen Spielklasse dürfte sich freilich in Grenzen halten.

Fußball sei ja auch mehr als Unterhaltung, dröhnt es außerdem. Die Vereine und Clubs werden zu Trägern und Botschaftern lokaler Kultur verbrämt, die Bayern als fußballerischer Antichrist dagegen gesetzt – millionenschwer, eiskalt, konzerngleich.

Auch das ist Blödsinn, weil bei jedem Lokalkolorit-Verein die Spieler echtes Geld und nicht bloß Naturalien oder gar örtliche Spezialitäten als Gage bekommen. Meist vergessen die Bayern-Kritiker außerdem, dass von der Attraktivität des Spitzenclubs auch die anderen Vereine profitieren, deren Heimspiele gegen den FCB immer ausverkauft sind. „Der Zirkus ist in der Stadt“, kommentierte der wunderbare Marcel Reif einmal, während die Bayern einen Gastgeber demontierten.

Doch obwohl der Gedanke von den ligazerstörenden Bayern schwer abseitsverdächtig ist, hat er Charme. Denn wenn man Lokalgekicke als Brauchtumspflege und Regiokultur betrachtet, könnte man dessen Hege und Pflege zur gesellschaftlichen Aufgabe erklären. Konkret: direkte Subventionen aus öffentlichen Haushalten für Fußballvereine.

Derzeit ist das rechtswidrig. Würden eine Stadt oder ein Bundesland einem in Not geratenen Profisportverein unter die Arme greifen, müsste die EU-Kommission gegen die Bundesrepublik Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren wegen Verstoß’ gegen das Wettbewerbsrecht einleiten.

Um das zu vermeiden, benehmen sich einige Lokalpolitiker wie generöse Großeltern, die den Enkeln an den Eltern vorbei und ganz verschämt bei Gelegenheit mal ’nen Hunni in die Tasche stopfen. So beteiligen sich Kommunen hier und da direkt an Fußballstadien oder schaffen finanzielle Linderung durch Sponsoring staatlicher Firmen, die Werbeflächen buchen oder Logen mieten. Ganz sauber ist das alles nicht, wird aber offenbar als gebietskörperschaftliches Kavaliersdelikt gewertet und selten geahndet.

Mit solchen Mauscheleien könnte Schluss sein, wenn Fußballvereine wie Stadttheater oder Museen betrachtet und behandelt würden. Ein Parlamentsbeschluss reichte, um Haushaltsmittel direkt aufs Konto eines Profivereins zu transferieren. Bei der Popularität des Sports würde sich dagegen auch keine Fraktion sperren können. Wer sich mit dem Fußball anlegt, kann nämlich einpacken.

Die öffentlichen Zuschüsse pro Theaterticket erreichen übrigens gerne mal dreistellige Summen pro Abend. Es wäre also unter Verweis darauf locker begründbar, warum Fußball als Breitenkultur ebenfalls ein legitimer Subventionsempfänger ist.

Wobei: jedes Theater? Musicals bekommen kein öffentliches Geld und müssen ihren Betrieb selbst finanzieren. Ob Bochum, Hamburg oder Berlin – diese Bühnen vermarkten sich deshalb gezielt überregional und bieten neben der eigentlichen Aufführung gleich ganze Wochenendpakete mit Übernachtung, Sightseeingtour und Blumengebinde an. Schön ist das zwar nicht, läuft aber leidlich gut.

So machen es auch die ganz großen Vereine im Fußball. Manchester United, Real Madrid und der FC Barcelona, Juventus Turin, Borussia Dortmund und natürlich die Bayern aus München sind Weltmarken.

Zwischen den Spielzeiten quälen die Teams dieser Sportkonzerne sich deshalb zu imagepflegenden Testkicks nach Fernost oder biedern sich während eines Trainingslagers bei Finanziers aus arabischen Staaten an, was freilich etwas weniger imageförderlich ist. Ende Mai feierte Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Eröffnung eines chinesischen „FC Bayern München Online Flagship-Store“. Um so etwas müssen sich Werders Manager Thomas Eichin oder sein Stuttgarter Kollege Robin Dutt nicht kümmern. Die sind glücklich, wenn sie am örtlichen Flughafen und Hauptbahnhof ein Band durchschneiden können.

Auch die dereinst öffentlich kofinanzierten Fußballclubs würden sich diese Mühen nicht machen müssen. Denkt man das alles noch etwas weiter, landet man bei einer Bundesliga ohne Dortmund und die Bayern. Während Schalke 04, Hannover 96, Borussia Mönchengladbach und der Hamburger Sportverein mit vergleichbaren Mitteln und Finanzierungsstrukturen in der Bundesliga um die Deutsche Meisterschaft antreten, spielen dann der BVB, die Bayern und die anderen international abstrahlenden europäischen Fußballfirmen in der European Football-League (EFL) gegeneinander.

Die Wettbewerbsverzerrungen der nationalen Ligen hätten ein Ende und die Konzernteams einen passenden Rahmen. Vorbild sind natürlich die USA, deren Profiligen im Football, Baseball oder Basketball hinsichtlich Einzugsgebiet und Bevölkerungszahl einer solchen EFL eher entsprechen als einer einzelnen Bundesliga, Premier League oder Primera División.

In Deutschland ist der nationale Wettbewerbsrahmen erheblich zu klein für die international ambitionierten Clubs. Schon jetzt, nach einem Viertel der Saison, ist die Meisterschaft gelaufen. Die finanziell dürftig ausgestatteten Teams können sowieso nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten Gegenwehr leisten, während die üppig finanzierten Vereine aus Wolfsburg oder Leverkusen ihre Wettbewerbsvorteile durch mittelmäßiges Management und sportliche Defizite egalisieren. Die Liga eben als Spiegelbild integrativer Schulkonzepte, wo sich als Folge der pädagogischen Grundausrichtung ebenfalls alle im Mittelfeld auf den Füßen herumstehen. In der Bundesliga beginnt das Mittelfeld momentan schon ab Platz zwei.

Und weil die deutsche Liga so mittelmäßig ist, leiden die Bayern in der Champions League unter einer Art Wettbewerbsverzerrung. Bis zum Halbfinale läuft es für den Rekordmeister europäisch meist glatt, doch dann beginnt das große Zittern. Denn anders als Real oder Barca werden die Münchner im Frühjahr eines jeden Jahres im wöchentlichen Spielbetrieb daheim nicht mehr gefordert und verlieren Anspannung, Konzentration und die letzten Prozent an Willenskraft. So macht nämlich die Liga die Bayern kaputt und nicht umgedreht. Deshalb ist es an der Zeit, zu trennen, was schon lange nicht mehr zusammengehört. Das sollte doch in der sozialdemokratisierten Republik kein Problem sein.

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