Grenfell Tower London : Trauriges Fest für Brandopfer

Wie ein Mahnmal ragt der Grenfell Tower über Londons Stadtteil Kensington and Chelsea.
Wie ein Mahnmal ragt der Grenfell Tower über Londons Stadtteil Kensington and Chelsea.

Ein halbes Jahr nach der Katastrophe im Londoner Grenfell-Tower haben viele Bewohner noch keine neue Bleibe

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14. Dezember 2017, 12:00 Uhr

Die verkohlte Ruine ragt wie ein Mahnmal über dem Viertel. „Die Flammen gingen senkrecht nach oben, über uns hinweg.“ Tomassina Hessel ist auf dem Weg zu ihrem Apartment, das sie in jener Nacht vor sechs Monaten verlassen musste. Brennende Trümmer drohten am 14. Juni auf ihren Wohnblock am Fuße des 24-stöckigen Grenfell-Hochhauses in London zu fallen. „Ich schlief schon, als mein Nachbar an die Tür klopfte. Er stürmte an mir vorbei und öffnete das Fenster. Was wir sahen, war einfach schrecklich.“

Ihr Wohnblock ist inzwischen ein Geisterhaus. Nur wenige Bewohner sind in die heruntergekommenen Sozialwohnungen zurückgekehrt – zu stark sind die Erinnerungen. „Man konnte gar nicht anders als hinstarren. Aber ab und zu sah man an den Fenstern Gestalten mit Flammen dahinter. Und da wurde mir klar, dass dort Menschen sterben.“ 71 Menschen kamen durch den Brand ums Leben. Scotland Yard korrigierte die Zahl der vermuteten Opfer Mitte November herunter.

In der Brandnacht am 14. Juni nahm Hessel ihren vierjährigen Sohn, schnappte sich ein paar Klamotten und floh in Hauspantoffeln. Seit sechs Monaten lebt die 31-Jährige nun in Hotels. Nur knapp 40 von 183 betroffenen Familien haben inzwischen ein dauerhaftes Zuhause gefunden. Alle anderen sind wie Hessel noch in Hotels oder Pensionen untergebracht – dort werden sie auch Weihnachten feiern. „Für viele wird es ein hartes Weihnachtsfest werden“, befürchtet Pfarrer Michael Long von der Methodistenkirche Notting Hill, die seit der Brandnacht zur Kommunikationszentrale des Viertels geworden ist.

Anwohner schmücken die Gegend um die Kirche weihnachtlich, „um Hoffnung zu geben, ohne grell oder trivial zu werden“, wie Long sagt. Über die Feiertage werden die Kirchentüren für alle offen stehen.

Am schlimmsten ist für viele Überlebende, dass nicht nur die Anwohner selbst, sondern auch Spezialisten schon seit Jahren vor der Feuerfalle im Grenfell Tower warnten. Der Feueralarm funktionierte nicht. Die brennbare Außenverkleidung heizte die Flammen an. Und der Wohnblock hatte nur ein Treppenhaus. Der Brandschutzexperte Arnold Tarling sagte: „Als ich angerufen wurde, brach ich erst mal in Tränen aus. Es war komplett vermeidbar.“ Bis heute weigert sich die britische Regierung – trotz Versprechungen – für die Nachrüstung alter Gebäude mit Sprinkleranlagen zu zahlen, um neue Katastrophen zu verhindern. Premierministerin Theresa May verweist auf die Bezirke, doch die haben nach den Sparmaßnahmen der Regierung kein Geld.

Die Sozialbausiedlungen um den Grenfell Tower sind eine arme Insel im reichsten Wahlkreis Großbritanniens. Unter den Bewohnern herrscht Verzweiflung über das, was sie erlebt haben. Und Wut auf den Bezirksrat, der ihrer Ansicht nach versucht, seine Fehler beim Brandschutz zu vertuschen.

Psychologische Berater behandeln 400 Menschen wegen posttraumatischer Belastungsstörungen, weitere 700 warten auf einen Therapieplatz. Tausende Anwohner werden Hilfe nach diesen traumatischen Ereignissen benötigen. Darunter auch Tomassina Hessel, die Weihnachten noch kein neues Zuhause hat. „Manchmal trifft es mich einfach. Ich lerne damit umzugehen. Denn es wird nicht weggehen.“

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