Korallenriffe in gefahr : Totenbleich statt kunterbunt

Farblose, abgestorbene Korallen (links) und ein prächtiges, gesundes Riff (rechts): Das Sterben der Korallen ist eines der  drängendsten Umweltprobleme unserer Zeit.

Farblose, abgestorbene Korallen (links) und ein prächtiges, gesundes Riff (rechts): Das Sterben der Korallen ist eines der  drängendsten Umweltprobleme unserer Zeit.

Die „Regenwälder der Meere“ sind bedroht – gibt es Hoffnung?

svz.de von
28. Januar 2018, 05:00 Uhr

Kaum zu glauben: Die größten Bauwerke der Erde wurden nicht von Menschenhand geschaffen, sondern von Lebewesen, die nur wenige Millimeter klein sind. Winzige Nesseltierchen erschufen in Hunderttausenden, mancherorts in Millionen von Jahren gigantische Korallenriffe wie das Great Barrier Reef, das sich an der Ostküste des australischen Bundesstaates Queensland im Südpazifik über eine Länge von 2300 Kilometern erstreckt.

Allein in diesem größten Korallenriff der Erde, das aus nahezu 3000 Einzelriffen besteht, tummeln sich über 1500 Fischarten, vom kleinen Anemonenfisch bis zum größten Fisch der Erde, dem Walhai. Hunderte Korallenarten bilden einen einzigartigen Lebensraum für Abertausende von Lebewesen, angefangen von winzigen Bakterienarten und Algen über Muscheln, Schwämme, Krebse sowie Seeigel bis hin zu Meeresschildkröten, Seekühen, ja sogar Walen. Doch diese bunte Vielfalt ist bedroht – und zwar nicht nur am Great Barrier Reef in Australien, sondern weltweit. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass allein in den letzten 30 Jahren „zwischen 25 und 50 Prozent aller lebenden Korallen weltweit“ verloren gingen. „Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten die Korallenriffe als funktionierende Ökosysteme in den meisten Teilen der Welt verschwunden sein.“

Korallenriffe erstrecken sich weltweit über eine Fläche von insgesamt 600 000 Quadratkilometern. Neben den Regenwäldern bilden sie die artenreichsten Ökosysteme der Erde. 60 000 Spezies sind bekannt, die hier leben, Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass es weit mehr als eine Million Arten sind. Darunter befinden sich allein 5500 Fischarten. Selbst Hochseefische nutzen den Schutz der Riffe für ihren Nachwuchs als Kinderstube. Reptilien wie Seeschlangen und Meeresschildkröten sowie Säugetiere – Seekühe, Wale und Delphine – gibt es hier ebenso wie Weichtiere, Schwämme, Stachelhäuter, Würmer und Krebse. Unter den 3800 bekannten Korallenarten sind 1300 Spezies riffbildende Steinkorallen. Doch auch Pflanzen leben hier, wie etwa die für die Riffe so wichtigen Mikroalgen.

Weltweit wird darum mit Hochdruck daran gearbeitet, das Sterben der Korallenriffe zu verhindern, die neben den Regenwäldern die größten Ökosysteme der Erde darstellen, ja aus diesem Grund auch „Regenwälder der Meere“ genannt werden. Doch das ist nicht so einfach, denn die Gefahren sind mannigfaltig, und einigen von ihnen ist nicht so leicht beizukommen, allen voran dem Klimawandel. Dieser setzt nämlich ausgerechnet den sogenannten „Riffbildnern“ extrem zu, den Organismen also, die die Riffe zu dem machen, was sie sind. Tropische Korallenriffe sind nämlich vor allem aus Steinkorallen aufgebaut, winzigen Nesseltierchen, die über ein Kalkskelett verfügen. Diese sogenannten Polypentierchen leben in Symbiose mit mikroskopisch kleinen Algen, die sie in ihr Gewebe einlagern. Die Mikroalgen produzieren nun mittels Photosynthese Zucker und andere Nährstoffe, die sie zu einem großen Teil an ihren Korallenwirt abgeben. Im Gegenzug bewahren die nesselnden Polypentierchen ihre Symbiosepartner vor Fressfeinden und versorgen sie ihrerseits mit Kohlendioxid und anderen Stoffen, für die nun wiederum die Algen Verwendung haben.

Problematisch wird das Zusammenleben der beiden ungleichen Partner nun allerdings, wenn die Wassertemperatur zu stark ansteigt, so wie es durch den Klimawandel immer häufiger vorkommt. Oberhalb einer Wohlfühltemperatur von maximalen 30 Grad Celsius stoßen die Polypen ihre Algen nämlich ab – und zwar mit fatalen Folgen für beide Partner, denn damit ist die gegenseitige Nährstoffversorgung nicht länger sichergestellt. Dieser Vorgang wird auch als „Korallenbleiche“ bezeichnet, da die Algen auch für die Färbung der Korallen sorgen und mit ihrem Verlust nun das weiße Kalkaußenskelett der Korallentierchen optisch dominiert. Ändert sich die Wassertemperatur also nicht schnell wieder, verhungern die kleinen Nesseltierchen und die Korallen bleiben dauerhaft totenbleich. Und das ist noch nicht einmal alles.

Die Meere versauern durch den hohen CO2-Eintrag nämlich zunehmend, was ebenfalls den Korallentierchen und ihren Algenpartnern schwer zusetzt. „Wir dürfen allerdings den Klimawandel nicht als Alibi für das Nichtstun missbrauchen“, meint Prof. Dr. Reinhold Leinfelder. „Es bleiben genug Möglichkeiten, um die Riffe zu schützen“, ist der Riffexperte von der Freien Universität in Berlin überzeugt. Dazu gehört den Fachleuten zufolge das Verbot der Schleppnetzfischerei, bei der tonnenschwere Netze über den Boden der Ozeane gezogen werden und auf ihrem Weg über den Meeresgrund eine Spur der Vernichtung und Verwüstung hinterlassen.

Überhaupt ist die Überfischung ein großes Problem, und zwar nicht nur für die Riffe. Auch heute noch wird vielerorts illegal mit Dynamit und Giften gefischt. Meerestiere werden zu Abertausenden in der traditionellen asiatischen Medizin zu allerlei ominösen Wundermittelchen verarbeitet oder verstauben als vom Urlaubsort mitgebrachtes Souvenir zu Hause im Regal. Immer noch werden auf der ganzen Welt Abwässer ungeklärt in die Ozeane geleitet und die Meere als gigantische Müllkippe genutzt. Nicht nur die daraus resultierende Überdüngung der Meere und der sich anhäufende Plastikmüll sind ernstzunehmende Bedrohungen. Auch das Aufwerfen künstlicher Inseln, das immer mehr in Mode kommt, schadet den Korallenriffen. Nicht nur, dass sie unter dem Sand begraben werden. Der aufgewirbelte Sand trübt auch das Wasser auf längere Zeit ein, so dass den Mikroalgen nicht mehr genügend Sonnenlicht für ihre Photosynthese zur Verfügung steht und sie die Korallentierchen nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgen können.

Die Liste der Gefahren ist damit längst noch nicht beendet, doch trotz all dieser Bedrohungen gibt es auch Hoffnung für die Riffe. Das meiste davon ist nämlich menschengemacht und Menschen können sich ändern. Können, wohlgemerkt.

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