Witze gegen Mutters Depression : Toller Kerkeling-Film: „Der Junge muss an die frische Luft“

Der junge Horst Schlämmer: Julius Weckauf als Hans-Peter Kerkeling im Film „Der Junge muss an die frische Luft“.
Der junge Horst Schlämmer: Julius Weckauf als Hans-Peter Kerkeling im Film „Der Junge muss an die frische Luft“.

Suizid der Mutter und Humor als Überlebensstrategie: Hape Kerkelings Kindheit in Caroline Links „Der Junge muss an die frische Luft“.

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23. Dezember 2018, 09:23 Uhr

Berlin | Wie wurde Hape Kerkeling zu einem vorbehaltlos geliebten Entertainer? Mit ihrem Film „Der Junge muss an die frische Luft“ bringt Caroline Link die Kindheitserinnerungen des Komikers ins Kino. Ab dem 25. Dezember ist der tolle Film zu sehen.

Die 70er waren das Paradies

Die erste der zwei großen Überraschungen, die man in Caroline Links Kerkeling-Film erlebt, ist diese: Das kleinbürgerliche Idyll der 70er Jahre gab es wirklich; und es war ein Paradies. Zu Anfang schildert „Der Junge muss an die frische Luft“ erstmal den Alltag im Ruhrpott – und man staunt über die Geborgenheit, die selbst die verpöntesten Insignien dieser Ära ausstrahlen, Mettigel und Eierlikör, Klatsch und Nierentisch, Schlager und öffentlich-rechtlichen Highlights wie „Klimbim“. Der achtjährige Hans-Peter saugt all das in sich auf (den Likör natürlich noch nicht), und mit ihm ändert man den eigenen Blick auf die BRD dieser Jahre.

Hans-Peter wird Hape

In diesem Setting beobachtet der Film wie aus dem dicklichen Hans-Peter der allseits beliebte Hape wurde – wobei es sowohl um seine Selbsterfindung als Entertainer geht wie um die Entdeckung seiner schwulen Identität. Das Letztere bleibt im Film, der die Grundschuljahre beleuchtet, eher latent. Und trotzdem gelingt Caroline Link schon hier ein berührendes Familienporträt: Jeder ahnt, dass etwas eine unerwartete Richtung nimmt, und obwohl es noch keine Gender-Studien gibt, reagieren alle genau richtig.

Humor und Trauma: der Suizid der Mutter

Zuhause zieht er Mutters Pumps an und imitiert im Musikfernsehen die Posen der Schlager-Diven. Sein erstes Publikum findet das Kind dann in Omma Ännes Krämerladen, wo ältliche Kundinnen sein parodistisches Talent befeuern. Der Humor wird existenziell, als Hans-Peters Mutter an einer Depression erkrankt und er es als seine Aufgabe ansieht sie aufzuheitern. Der Filmtitel vom Jungen, der an die frische Luft muss, ist das Ruhrpott-Understatement, mit dem die Familie die Krise angeht: Der Opa spricht die Worte, als er seinen Enkel für ein paar Tage zum Wandern aus der Überforderung rausholt. Nach der Rückkehr erlebt das Kind trotzdem die größtmögliche Katastrophe: Die Mutter nimmt sich das Leben im Bett, in dem er neben ihr liegt.

Der Mut zum Schrecken, den man in einer Komiker-Biografie nicht als Erstes erwartet, ist die zweite, noch größere Überraschung des Films. Caroline Link balanciert Heiterkeit und Tragik der Geschichte gut aus. Und wenn sie nur einmal, direkt nach dem Selbstmord, doch ins Nummernhafte gerät, ist es als Reaktion auf den Schock verzeihlich.

Julius Weckauf: Erste Filmrolle als Meisterstück

Getragen wird die Inszenierung von einem Vorzugsensemble, aus dem Luise Heyer als Mutter heraussticht, gefolgt von den Großeltern: Hedi Kriegeskotte, Joachim Król, Ursula Werner und Rudolf Kowalski. Die Entdeckung aber bleibt der Hauptdarsteller Julius Weckauf, der in seiner allerersten Rolle – einen Tag nach Weihnachten wird er elf – schon die ganze Klaviatur beherrscht: vom Slapstick bis zum tragischen Kammerspiel. Dazu kopiert er mit frappierender Perfektion das Vorbild Hape Kerkeling. Und das nicht nur, wenn der Film Erkennungszeichen wie das Horst-Schlämmer-Kostüm um ein paar Jahrzehnte vordatiert, sondern auch in kleinsten Gesten und Blicken. Hier findet ein großes Talent eine Regisseurin, die gut mit ihm arbeitet.

Alle zusammen schildern ein schweres Trauma– und das noch größeres Glück, von Eltern, Großeltern und einer ganzen Krämerkundschaft solidarisch und aufmerksam begleitet zu werden. Im Schlussmonolog tritt der echte Kerkeling vor die Kamera und bündelt diese Erfahrung in einer Schlussbetrachtung: Er selbst, sagt er, ist nicht nur Hape, sondern auch seine Mutter und sein Vater, Oma Änne, die Tante und all die anderen, die er in der Kindheit erlebt, geliebt und veralbert hat. Das ist berührend und ein guter Gedanke. Wenn man sich wundert, warum Hape Kerkeling von einem ganzen Land so vorbehaltlos umarmt wird, findet der Film eine schlichte Antwort: Weil er selbst die Liebe eine ganzen Großfamilie versprühen kann.

„Der Junge muss an die frische Luft“. D 2018. R: Caroline Link. D: Julius Weckauf, Luise Heyer, gefolgt von den Großeltern: Hedi Kriegeskotte, Joachim Król, Ursula Werner und Rudolf Kowalski.

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