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Panorama

23. Oktober 2017 | 10:17 Uhr

Bizarr : Tokios Eulen-Café

vom
Aus der Onlineredaktion

Wo außer in Zoos kriegen Großstädter schon Schlangen oder Eulen zu sehen? In Japan bietet sich inzwischen die Gelegenheit

Motohiro Mizuhara liebt Eulen. Wenn der Japaner von den Raubvögeln schwärmt, meint er jedoch nicht Eulen, die in freier Natur leben. Die würde man ja wahrscheinlich sowieso kaum sehen können, weil sie wegfliegen würden. „Wahrscheinlich sind die auch gar nicht so süß wie die hier“, erzählt der Japaner und streicht einer Eule über die Federn. Die sitzt nicht wie ihre wilden Artgenossen auf einem Baum, sondern auf einer Stuhllehne in Mizuharas Caféstube mitten im Beton-Dschungel der Millionenstadt Tokio.

In seinem Café namens „Hoot Hoot“ können sich die Gäste die Zeit bei Kuchen mit lebenden Eulen vertreiben. Eine Art Streichelzoo mit Kaffeekränzchen, ein Boom in Japan. Das Angebot reicht von Katzencafés über Hasencafés, Hundecafés, Schlangencafés bis zum – der neueste Schrei – Igelcafé. „Die meisten unserer Gäste wollen Fotos machen und auf Instagram stellen“, erzählt Mizuhara. Sieben Eulen hält er in seinem kleinen Café. Alles Zuchteulen, versichert er. Eine habe er von einem Züchter aus Deutschland, die anderen in Japan gekauft. Etwa die Hälfte seiner Gäste komme aus dem Ausland, die meisten aus Amerika und Europa.

„Wahrscheinlich können sie in ihren eigenen Ländern Eulen nicht so nah kommen“, erzählt Mizuhara. In Japan dagegen sei das Halten von Tieren in Cafés gar kein Problem. Allein Eulencafés gebe es seines Wissens nach an die 20 in Tokio. „Sie sind so niedlich“, sagt eine von Mizuharas Gästen, eine junge Frau, die mit ihrem Mann gekommen ist. Sanft berührt sie eine kleine Eule mit dem Finger.

Kenner der Szene begründen den tierischen Trend in Japan nicht nur mit dem Reiz des Kuriosen und Exotischen. Japaner suchten in solchen Cafés auch Trost und Entspannung von ihrem stressigen Alltag. Zwar sind Hunde und Katzen als Haustiere generell beliebt. Viele Japaner aber können sich eigene Haustiere nicht leisten, schon weil sie in vielen Mietwohnungen verboten sind. Auch haben viele Japaner gar nicht genug Zeit, sich um die Tiere tagsüber zu kümmern.

In Mizuharas „Hoot Hoot“ können sich die Gäste bis zu einer Stunde mit den Eulen vergnügen. Die sitzen an diesem Nachmittag meist auf ihren Hockern, tapsen flügelschlagend kurz zwischen den Stühlen und Tischen auf dem Boden herum oder hocken in einer kleinen Voliere vor dem Küchenraum.

„Genauso wie wir Menschen mögen die Eulen nicht gerne, wenn Fremde sie anfassen. Daher bitte ich unsere Gäste, nur die Federn mit einem Finger zu berühren, nicht den Leib. Das mögen sie nicht“, erläutert Mizuhara. „Sonst regen sie sich auf“.

Wenn Fütterungszeit ist, bindet der Japaner die Tiere an eine Holzstange. Dann bekommen sie Wachtelfleisch samt Knochen und Innereien. Auf Wunsch dürfen die Gäste auch selbst füttern. Macht eine Eule ihr Geschäft, landet das auch schon mal vor den Augen der Gäste. Aber das störe niemanden, sagt Mizuhara. „Zudem stinkt es nicht und ist leicht wegzuwischen“. Die meisten Gäste hätten Freude hier, auch Kinder seien begeistert.

Die Tierschutzorganisation Animal Rights Center berichtet von Fällen, bei denen sich Bürger über eine schlechte Behandlung von Tieren in manchen solcher Cafés beklagt hätten. So seien in einem Eulencafé die Tiere an den Füßen gehalten worden und hätten nicht wegfliegen können, als Gäste ihnen Angst gemacht hätten. Andere beklagen die nicht artgerechte Haltung der Eulen. Auch Mizuhara musste sich schon sagen lassen, das Halten von Eulen im Café sei Tierquälerei.

„Diese Leute glauben, dass wir die Eulen aus dem Wald mitgenommen haben. Aber die hier wurden als Haustiere gezüchtet und könnten im Wald ohne Menschen gar nicht überleben“, erklärt der Japaner. Er habe zwar gehört, dass es in der Tat „Problemfälle“ unter Züchtern wie auch unter seinen Kollegen gebe. Er selbst habe seine Tiere aber persönlich beim Züchter ausgesucht. Seinen sieben Eulen jedenfalls gehe es gut, sagt er und streichelt einer sanft die Federn.

Lars Nicolaysen

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